Dienstag, 7. Oktober 2014

Rezension Zivilrecht: Ius pontificium cum iure civili coniunctum


Seelentag, Ius pontificium cum iure civili coniunctum, 1. Auflage, Mohr Siebeck 2014

Von ORR Dr. Ulrich Pflaum, München


Seelentags von Avenarius betreute römischrechtliche Dissertation behandelt das Rechtsinstitut der Arrogation, des Übergangs eines pater familias in die Hausgewalt eines anderen pater familias zur Fortsetzung von dessen Familienkontinuität aufgrund eines Beschlusses der Kuriatkomitien nach vorangegangener Prüfung durch das Pontifikalkollegium, unter dem Gesichtspunkt einer Schnittstelle von ius pontificum und ius civile. Das Werk eröffnet die von Mohr Siebeck neu in das Verlagsprogramm aufgenommene Reihe „Ius Romanum. Beiträge zu Methode und Geschichte des römischen Rechts“. Von Avenarius und fünf anderen Hochschullehrern aus Deutschland, Italien, Polen und Spanien herausgegeben, verfolgt „Ius Romanum“ einen interdisziplinären, betont methodenbewussten und  -kritischen, internationalen Ansatz.

Der knapp 420 Seiten umfassende Hauptteil ist in eine kurze Einleitung und 12 Kapitel mit unterschiedlichem Umfang gegliedert. Der Ausrichtung der Reihe entsprechend, nimmt das erste Kapitel „Quellen und Methoden“ verhältnismäßig breiten Raum ein (S. 5-67). Es umfasst insbesondere auch die für den weiteren Gang der Untersuchung grundlegende Abgrenzung der „Rechtsschichten“ des ius pontificium und des ius civile. Im folgenden Kapitel werden dann recht knapp (S. 68-76) der „Ursprung der Arrogation“ vor der Volksversammlung und ihre spätere Verbindung mit dem Pontifikalrecht dargestellt. Danach erörtert Seelentag eingehend „Das Arrogationsverfahren“ (S. 77-158), zunächst das Pontifikalverfahren und das Verfahren vor der Volksversammlung in klassischer Zeit, aber auch die später aufgekommene Reskriptarrogation. Es wird deutlich, dass das Pontifikalverfahren zwar für eine ordnungsgemäße Arrogation zu durchlaufen, aber keine Wirksamkeitsvoraussetzung war, und wie sich das zeitgenössische Verständnis der Arrogation vor dem Hintergrund veränderter staatlicher und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen von einem Gesetzgebungsverfahren hin zu einem Privatrechtsakt wandelte.

Die anschließenden Kapitel behandeln „Die Freigelassenenarrogation“ (S. 159- 215), „Die Frauenarrogation“ (S. 216-237), „Die Pupillenarrogation“ (S. 238-299) und „Die Arrogation des minor viginti quinque annis“ (S. 300-315). Sie zeigen ebenfalls den Wandel im Verständnis der Arrogation, aber auch seine Grenzen, namentlich dass vom herkömmlichen  Leitbild der Arrogation abweichende Ausgangssachverhalte besondere Maßgaben erforderten, um rechtliche oder tatsächliche Verwerfungen zu vermeiden. In akribischer und scharfsinniger Quellenarbeit arbeitet Seelentag heraus, wie bei der Weiterentwicklung der Arrogation unterschiedliche Argumentationslinien jeweils deren pontifikal- oder zivilrechtliches Element in den Blick nahmen und wie ein unterschiedliches Verständnis der Arrogation jeweils zu unterschiedlichen Folgerungen führen konnte.

„Das Alter als Arrogationsvoraussetzung“ (S. 316-377), sowohl die Mindestaltersgrenzen für die Beteiligten als auch vorgeschriebenen Altersabstand, sieht Seelentag abweichend von der wohl überwiegenden Auffassung im Schrifttum nicht in der Nachahmung eines natürlichen Vater-Sohn-Verhältnisses sondern in der Aufrechterhaltung der an den Alters- und Generationenaufbau anknüpfenden Gesellschaftsordnung („Einhegung des sozio-politischen Potentials der Arrogation“, S. 334 bzw. „die Gesellschaftsordnung bedrohende Sprengkraft einzuhegen“, S, 377) veranlasst. Im Kapitel über „Die Zeugungsunfähigkeit als Arrogationsvoraussetzung“ (S. 378-390) erklärt sie einen (vermeintlichen) Widerspruch zwischen pontifikal- und zivilrechtlicher Ansicht mit einer Rechtsänderung. Mit Blick auf „Die Zwecke der Arrogation (S. 391-405) sieht sie eine zunehmende Öffnung, die mit dem gewandelten Verständnis der Arrogation in engem Zusammenhang steht, aber Missbrauchsgefahr begründete. Sie bekräftigt nochmals, dass die Arrogation zwar als Nachahmung eines natürlichen Vater-Sohn-Verhältnisses beschrieben wurde, es sich dabei aber nicht um einen Rechtssatz gehandelt habe. Die abschließenden Kapitel beinhalten inhaltsgleiche Zusammenfassungen auf Deutsch („Schlußbetrachtung“, S. 406-411) und Italienisch („Sommario“, S. 412-418).

Seelentag verfolgt ersichtlich den methodenbewussten und –kritischen Ansatz der Herausgeber, was gelegentlich zu einer gewissen „Kopflastigkeit“ der Darstellung führt. Formal gewöhnungsbedürftig ist die von ihr gewählte Sprache in der ersten Person Plural („finden wir vor“, „verstehen wir“), zumal sie häufig durch Formulierungen in der ersten („m.E.“) oder dritten Person („Die Arbeit geht von … aus“) Singular durchbrochen wird. Anzuerkennen ist, dass sie – auch insoweit dem Ansatz der Herausgeber entsprechend – neben deutscher und englischer auch französische, (umfangeiche) italienische, russische und spanische Literatur ausgewertet hat. In der Sache ist der von ihr gewählte Ansatzpunkt, die Arrogation als Schnittstelle von ius pontificium und ius civile zu betrachten, zur Erklärung der Quellenbefunde gut geeignet. Soweit sie dem überlieferten Stand der Forschung eigene Standpunkte entgegensetzt, sind diese stets sorgfältig und kundig begründet, wenn sie auch nicht immer zwingend erscheinen. Insgesamt leistet ihr Werk zweifellos einen beachtlichen Beitrag nicht nur zum Recht der Arrogation, sondern auch zum zugrundeliegenden Verhältnis des ius pontificium und des ius civile.