Sonntag, 30. November 2014

Rezension Strafrecht: Studienkommentar StGB


Joecks, Studienkommentar StGB, 11. Auflage, C.H. Beck 2014

Von Richter am Amtsgericht Carsten Krumm, Lüdinghausen


Vor genau drei Jahren hatte ich das Vergnügen, den von Joecks verfassten Studienkommentar StPO rezensieren zu dürfen. Der hatte mir damals sehr gut gefallen. Nun ist also der Studienkommentar StGB an der Reihe, der von der Aufmachung her ähnlich ist. Zunächst stellt sich schon die Frage, warum es eines Studienkommentars bedarf, wenn es doch einerseits mittlerweile gut strukturierte StGB-Lehrbücher in großer Zahl gibt und zudem auch die Kommentarlandschaft im StGB-Bereich deutlich gewachsen ist. Diese Frage erübrigt sich schon bei einem groben ersten Blick in das Buch. Auf etwa 860 Seiten findet sich eigentlich alles, was ein Student im Laufe seines Studiums sich an Wissen „draufschaffen“ muss – strukturiert ist dieses Wissen aber kommentarmäßig. Das Buch ist also eine Synthese aus Kommentar und Lehrbuch – mir gefällt diese Herangehensweise an das Strafrecht sehr gut.

Zunächst zur Aufmachung: Das Buch ist tatsächlich genauso wie ein Kommentar strukturiert, also nach Paragraphen sortiert. Die Buchseiten sind aber großformatig wie in einem Lehrbuch. Die Kommentierungen sind sämtlich mit Zwischenüberschriften versehen und enthalten Fettungen von wichtigen Stichwörtern, so dass das Nachforschen durch Überfliegen der Texte gut möglich ist. Literatur und Rechtsprechungsnachweise sind vorhanden, jedoch nur in eingeschränktem Maß. In der Regel werden Standardkommentare, wie etwa der Systematische Kommentar, Lackner/Kühl oder der Münchener Kommentar zitiert – weiterlesen zur Wissensvertiefung ist so ohne weiteres möglich, ohne dass der Text durch ein Überladen an Fundstellennachweisen allzu schwer lesbar wird. Wenn Zitate oder Beispiele aus der Rechtsprechung angeführt werden, dann sind dies vorwiegend Entscheidungen des BGH. Wie auch in anderen Kommentaren finden sich vereinzelt Vorbemerkungen, diese sind aber deutlich sparsamer verteilt, als vor allem in den Standardkommentaren. Es kommt also eigentlich nicht vor, dass man in der Kommentierung der aufgesuchten Norm etwas sucht, was man dann nach viel Hin und Her in einer Vorbemerkung findet. Alle Kommentierungen weisen dann noch darauf hin, welche der Vorschriften Pflichtstoff in welchem Bundesland ist. Studenten werden sich hierüber freuen – natürlich sollten sie sich auch wenigstens in Grundzügen mit den wichtigsten weiteren Normen auseinander setzen. Was dann noch ins Auge sticht, sind viele in etwas kleinerer Schriftgröße eingerückte Beispielsfälle, ganz so, wie man es in guten Lehrbüchern erwartet. Der Kommentar ist somit ein sehr gutes Lehr- und Lernmittel.

Inhaltlich ist die Kommentierung aktuell und hochwertig – dies zeigt, warum sich das Buch nunmehr in 11. Auflage neben starker Lehrbuch- und Kommentarkonkurrenz behaupten kann.

Das Besondere an den Kommentierungen ist, dass diese – soweit möglich – so aufgebaut sind, wie eine gutachterliche Prüfung in Klausur und Hausarbeit an die Norm herangehen würde. Für Studenten also lohnenswert.

Probehalber habe ich einmal tiefer in zwei Kommentierungen hineingeschaut. Zunächst in § 25 StGB. 23 Seiten stark sind hier die Erläuterungen zur Täterschaft. Erwartungsgemäß wird zunächst die Abgrenzung von Täterschaft und Teilnahme dargestellt. Insbesondere Roxins Klassiker „Täterschaft und Teilnahme“ darf hier nicht fehlen. Joecks stellt dazu dann noch verschiedene Aufbauschemata für den Klausurfall vor; diese Herangehensweise ist sehr angenehm, zumal der Autor an keiner Stelle dem Leser seine Meinung aufdrücken möchte. Systematisch korrekt werden im Anschluss zunächst die unmittelbare Täterschaft und dann ausführlich die mittelbare Täterschaft erörtert. Selbstverständlich werden hier auch Klassiker wie etwa der Katzenkönigfall dargestellt. Schließlich widmet sich Joecks auch der Mittäterschaft, die er dem Leser in allen klausurrelevanten Verästelungen nahebringt. Auch werden noch Sonderkonstellationen wie etwa Versuch und Rücktritt, Täterschaftsfragen bei Fahrlässigkeitsdelikten oder Irrtumsfragen im Hinblick auf die Täterschaft erörtert. Das notwendige strafrechtliche Handwerkszeug für das erste Staatsexamen hat man damit sicher zur Hand.

Im BT-Bereich habe ich mich näher mit dem fast 35 Seiten fassenden § 263 StGB befasst, also einem Klausur- und Prüfungsklassiker. Hier finden sich zunächst allgemeine Erläuterungen über die Bedeutung und die Historie der Vorschrift. Interessant ist dann ein ganz untypischer Punkt im Anschluss, der sich mit der Frage befasst, welche Normen denn noch in Betracht kommen in Betrugsfällen. Joecks geht hier etwa auf den Computerbetrug oder die Unterschlagung ein. Sodann wird nach kurzer Darstellung des Aufbaus der Deliktsprüfung in der Klausurbearbeitung die Norm mit ihren Voraussetzungen ausführlich erläutert. Typische Fallgruppen, wie der Dreiecksbetrug, die bewusste Selbstschädigung und natürlich der Eingehungsbetrug werden eingehend einschließlich der hierzu vertretenen Meinungen dargestellt. Die Darstellungen sind selbst für langjährige Praktiker sehr erhellend und sehr angenehm zu lesen, da sich Joecks tatsächlich Mühe gibt, eher zu erklären, als mit zahllosen Zitaten der Rechtsprechung Einzelfälle abzuarbeiten. Schließlich wendet sich der Autor dann richtigerweise auch den besonders schweren Fällen zu. Wer danach immer noch unsicher ist, findet am Ende der Kommentierung noch weiterführende Literaturstellen angegeben.

Jeder Student/Referendar, der StGB-Grundwissen erwerben will, und nicht wie üblich AT- und BT-Bücher und Skripten kaufen will, sollte sich daher durchaus überlegen, ob er tatsächlich sein Geld nicht sinnvoller in den Kommentar von Joecks investiert und anhand einiger Praxisfälle in Ausbildungszeitschriften mit Hilfe des Kommentars das Strafrecht „von der Pike auf“ lernen will. Für konventionell lernende Studenten – die sicher die Mehrheit der potentiellen Kundschaft darstellen - ist das Buch freilich ebenso als durchaus sinnvolle Ergänzung zu anderem Lernmaterial zu empfehlen. Einziger Wermutstropfen: Vorschriften, die nicht kommentiert sind, sind nicht einmal als Normen abgedruckt. Dies gilt insbesondere für Rechtsfolgevorschriften wie §§ 38 bis 51 und 56 bis 76a StGB. Auch Strafantrags- und Verjährungsvorschriften fehlen. Hier sollte m.E. klar nachgearbeitet werden und zumindest in kleinerer Schrift je ein „Paragrapheneinschub“ her, damit das Buch auch noch nach der Studienzeit als Referendar genutzt werden kann oder auch in besonderen Ausbildungsabschnitten mit Praxisbezug. Zudem wird vielleicht auch ein ganz normaler Student sich einmal im Laufe der Buchlektüre fragen, wie es um eine der fehlenden Vorschriften bestellt ist. Hier muss dann ergänzendes Lernmaterial her - schade. Trotzdem: Klare Kaufempfehlung und zwar nicht zuletzt angesichts des moderaten Preises von nicht einmal 30 Euro.