Montag, 17. November 2014

Rezension Zivilrecht: Rechtsphilosophie


Seelmann / Demko, Rechtsphilosophie, 6. Auflage, C.H. Beck 2014

Von RiAG Dr. Torsten Obermann, Lüdinghausen / Münster


Das knapp 300 Seiten starke Werk sieht sich selbst als „kleine Einführung“ in die Rechtsphilosophie. Mit der Übernahme der Mitverantwortung durch die Co-Autorin Daniela Demko für das gesamte Buch geht in der 6. Auflage nicht nur eine Überarbeitung sämtlicher Kapitel sondern auch die Neuaufnahme neuer Themenkreisen einher, die aktuell virulente Fragen abdecken (z.B. Recht im Krieg oder Diskussion der Würde auch von Tieren und Pflanzen).

Natürlich führt der Umfang eines „Grundrisses“ zu inhaltlichen Beschränkungen. Die Autoren interpretieren Rechtsphilosophie konsequent sehr allgemein als philosophische Betrachtung des Phänomens des Rechts an sich. Fragestellungen mit philosophischem Bezug innerhalb der Rechtsanwendung (Fragen der Logik im Recht, Voraussetzungen von Rechtsanwendung und Auslegung, Begriff der Wahrheit) werden weitgehend ausgeblendet. Innerhalb des selbst gesetzten Umfangs gelingt dem Buch aber eine durchaus tiefschürfende Darstellung von grundsätzlichen Fragen.

Der erste große Abschnitt ist der Definition des Rechtsbegriffs, der Diskussion von Alternativen zum Recht und der Abgrenzung zu ähnlichen Phänomenen gewidmet. Ausgehend von einer Darstellung des Rechtspositivismus werden in historischer Darstellung die großen Rechtskonzeptionen Kants, Hegels, Mills und anderer entwickelt und kritisiert.

Der zweite große Abschnitt beleuchtet die Rechtsfertigung des Rechts durch außerhalb seiner selbst liegende Prämissen. Hier steht zunächst die Darstellung der Naturrechtslehre im Fokus, bevor im Einzelnen die modernen Ansätze zur Begründung eines verbindlichen Normensystems erarbeitet werden. Ausgehend hiervon wendet sich das Werk der philosophischen Durchdringung zentraler Begriffe wie „Gerechtigkeit“ und „Würde“ zu, die auch für die Rechtsanwendung von erheblicher Bedeutung sind.

Das Buch zeichnet sich vor allem durch seine natürliche Sprache aus, die das Erarbeiten der oft hoch komplexen Materie in der gedrängten Form des Grundrisses nicht nur erleichtert sondern zu einer faszinierenden Erfahrung macht. Die Argumente für und gegen die dargestellten Systeme und Ansichten werden durchaus vertieft aber jederzeit verständlich und gut lesbar zusammengefasst. Anreize zu einer Vertiefung geben die jeweils kapiteleinleitend zusammengefassten Literaturhinweise. Stets wird auch die praktische Bedeutung der untersuchten Fragestellungen in der juristischen Praxis (z.B. Sterbehilfe, Organtransplantation) hervorgehoben. Ausführliche Fußnoten, ein übersichtliches Personenregister und ein umfassendes Stichwortverzeichnis runden das Werk ab.

Das Buch ist als Einstieg in eine spannende Materie nicht nur Studenten zu empfehlen, sondern auch allen Professionellen. In der gedrängten Hektik von Studium und Rechtsanwendung bleibt selten die Zeit, die Hintergründe des eigenen Tuns zu reflektieren. Angesichts der stets zunehmenden Bedeutung des Rechts für den Alltag der Menschen in der modernen Welt würde es jedoch auch den (angehenden) Praktikern gut anstehen, gelegentlich die Rechtfertigung ihrer Profession zu durchdenken. Das vorliegende Werk ist für diejenigen, die diesen Anspruch an sich stellen wollen, eine hervorragende Empfehlung!