Mittwoch, 20. Mai 2015

Rezension Strafrecht: StPO-Fallrepetitorium

Hammer / Schuster / Weitner, StPO-Fallrepetitorium, 6. Auflage, Vahlen 2015

Von Rechtsreferendar Arian Nazari-Khanachayi, LL.M. Eur., Heidelberg



Während das Strafrecht für die Erste Juristische Staatsprüfung aus der Sicht vieler Examenskandidaten eine zu vernachlässigende Rolle spielt, dürfte diese fahrlässige Haltung spätestens im Vorbereitungsdienst das Feld für eine rational reflektierte Sichtweise räumen: Denn nicht nur werden in den meisten Bundesländern im Strafrecht zwei Klausuren geschrieben, sondern es müssen zugleich in der Strafrechtsstation Akten bearbeitet, Sitzungsvertretungen durchgeführt und schließlich auch die mündliche Prüfung im Rahmen der Zweiten Juristischen Staatsprüfung absolviert werden. Hierbei steht nicht nur das materielle Strafrecht, sondern zugleich die Strafprozessordnung im Vordergrund. Gerade diese Materie zeichnet sich durch ihre Verflechtung mit den Grund- und Menschenrechten einerseits und polizeilichen Ermächtigungsvorschriften andererseits aus, sodass hierin eines der Hauptpunkte der Komplexität erblickt werden kann. Mit dem StPO-Fallrepetitorium im Hause Vahlen liefern Herr RiOLG Dr. Michael Hammer, Herr RiLG Dr. Thomas Schuster und Herr RiOLG Friedrich Weitner, alle Hauptamtliche AG-Leiter und Prüfer im Staatsexamen, ein exzellentes und vollumfänglich auf die Bedürfnisse von Rechtsreferendaren zugeschnittenes Lernbuch, welches das Vertiefen der komplexen Materie hervorragend ermöglicht.

Auf 198 Seiten vermitteln die Autoren anhand von 158 Fällen nicht nur einen großen Überblick über die klausurrelevanten Rechtsfragen aus der Strafprozessordnung. Vielmehr gelingt es ihnen durch ihre dezidierte und tiefgehende Auseinandersetzung mit den aufgeworfenen Fragen, dem Leser einen verlässlichen Leitfaden zwecks Wiederholung und Vertiefung dieser komplexen Materie auf eine besonders leserfreundliche Art und Weise anzubieten. Hierbei liegt einer der Schwerpunkte gerade auf dem examensrelevanten und durch einige Novellierungen aktualisierten Themenkomplex der Verständigung im Strafverfahren. Ferner besticht das Buch in formaler Hinsicht durch die äußerst leserfreundliche Gestaltung, die sich einerseits in den diversen Prüfungsschemata und andererseits in den Übersichten ablesen lässt. Diese erleichtern das Erfassen und Transferieren der Materie. Dabei werden die Prüfungsschemata nicht lediglich starr präsentiert, sondern sie geben regelmäßig auch eine gedankliche Struktur für die Prüfung vor (vgl. etwa Rn. 556). Des Weiteren arbeiten die Verfasser sehr stark mit Intraverweisen, die insbesondere auch durch die Verknüpfung der Fälle miteinander dem Leser die Möglichkeit eröffnen, die Verflechtung der jeweils behandelten Rechtsfragen mit anderen Fragestellungen zu erfassen oder ggf. voneinander zu unterscheiden (vgl. etwa Rn. 20 in Fn. 41 mit Rn. 267, Rn. 236 in Fn. 388 mit Rn. 132 u. 134 oder Rn. 250 in Fn. 411 mit Rn. 255). Schließlich kann in formaler Hinsicht das Fußnotenapparat besonders hervorgehoben werden: Während es einerseits verstärkt die einschlägige – insbesondere auch die aktuelle – Rechtsprechung zuzüglich die im Examen zugelassene Kommentierung von Meyer-Goßner/Schmitt berücksichtigt, vernachlässigt es andererseits nicht weiterführende Hinweise auf das Schrifttum. Hierdurch kann der Leser bei Interesse einzelne Fragen noch weiter vertiefen (vgl. etwa Rn. 104 mit Fn. 171 mit einem Verweis auf die Rechtsprechung des BGH und einem Vertiefungshinweis für eine analytische Auseinandersetzung aus dem Schrifttum mit dem zitierten Urteil).

Inhaltlich zieht sich die vorstehend angedeutete, äußerst lobenswerte lernfreundliche Präsentationsweise der Materie fort und hebt das Werk damit besonders hervor: So sind beispielsweise eine Vielzahl der 158 Fälle an die Rechtsprechung des BGH orientiert (vgl. beispielsweise Rn. 40 mit Fn. 76) und vermitteln dem Leser damit nicht nur die Materie, sondern befähigen den aufmerksamen Leser zugleich, sich mit der Rechtsprechung vertraut zu machen. In Entsprechung der Zielsetzung der Verfasser, dem Leser ein Vertiefen der examensrelevanten Rechtsfragen zu ermöglichen (so im Vorwort), werden auch die Lösungen der jeweils durch die Fälle aufgeworfenen Rechtsfragen dezidiert und vertieft behandelt: Beispielsweise wird das grundsätzliche Verwertungsverbot der Angaben eines Sachverständigen in der Hauptverhandlung im Falle einer Zeugnisverweigerung dargestellt und anschließend die Frage aufgeworfen, ob sich etwas an dem Ergebnis ändere, wenn die betroffene Person vor der Begutachtung des Sachverständigen durch einen Richter über ihr Zeugnisverweigerungsrecht belehrt worden wäre (Rn. 238). Bei der Beantwortung dieser Fragen werden die unterschiedlichen Ansichten der Senate des BGH aus dem Jahre 1995 einerseits und aus dem Jahre 2006 andererseits dargestellt. Der Leser wird hierdurch in die Lage versetzt, nicht nur die unterschiedlichen Ansichten zur aufgeworfenen Frage zu erlernen, sondern zugleich befähigt, die Rechtsprechungsentwicklung und Unterschiede in den Vorgehensweisen der einzelnen Senate zu durchdringen, folglich die unterschiedlichen Nuancen der Denkstruktur der jeweiligen Senate nachzuvollziehen. Dies wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass die Bezugnahme auf die Rechtsprechung überwiegend durch wörtliche Zitate erfolgt. Aus der jeweils einschlägigen Entscheidung wird die entscheidende Stelle im wörtlichen Zitat präsentiert, sodass dem Leser zwei Arbeitsschritte erspart werden: Das Nachschlagen der einschlägigen Rechtsprechung und das systematische Einordnung dieser Rechtsprechung werden ersetzt. Dies verstärkt sich insbesondere an solchen Stellen, an denen die Verfasser das wörtliche Zitat mit einer erklärenden Fußnote versehen, in der sie die konkreten Umstände des jeweils zitierten Falles darstellen (vgl. etwa Rn. 300 in Fn. 501).

Insgesamt ist auch die Neuauflage des StPO-Fallrepetitoriums von Hammer/Schuster/Weitner besonders zu loben: Nicht nur die leserfreundliche Darstellung, sondern insbesondere auch die detailliebende und präzise Beantwortung der aufgeworfenen Rechtsfragen heben das Werk besonders hervor. Daher kann dieses Werk ohne Einschränkung jedem Rechtsreferendar empfohlen werden. Dabei können sowohl Rechtsreferendare zum Werk greifen, die sich ein Überblick über die examensrelevanten Fragestellung aus der StPO verschaffen wollen, als auch Examenskandidaten, die zwecks Wiederholung einen verlässlichen Leitfaden suchen.