Donnerstag, 11. Juni 2015

Rezension Zivilrecht: Zivilrechtsfall im Assessorexamen

Lackmann, Der Zivilrechtsfall im Assessorexamen, 2. Auflage, Vahlen 2014

Von Rechtsreferendar Arian Nazari-Khanachayi, LL.M. Eur., Heidelberg



Der Beginn des juristischen Vorbereitungsdienstes ist für die Hochschulabsolventen regelmäßig mit neuen, bisweilen unbekannten Aufgaben verbunden: Nicht nur wird der Rechtsreferendar nunmehr in die praktische Welt der Juristerei hineinversetzt, sondern er muss vielmehr mit einer praxisorientierten Sichtweise die ihm gestellten Lebenssachverhalte – sei es im Rahmen der Einzelausbildung mittels der ausgehändigten Akten oder im Rahmen der (Probe-)Examensklausen mittels der (fiktiven) Aktenauszüge – rechtlich beurteilen. Diese Herausforderungen sind neu und lassen sich mit bloßen Kenntnissen des Zivil(-prozess-)rechts nicht einwandfrei meistern. An dieser Stelle ist das Werk von Herrn VRiOLG a.D. Rolf Lackmann, langjähriger AG-Leiter für Rechtsreferendare und langjähriger Prüfer in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung, besonders lobens- und begrüßenswert, weil es auf 357 Seiten den Zivilrechtsfall im Zuge des Erkenntnisverfahrens aus einer praxisorientierten Sichtweise besonders instruktiv illustriert.

In formaler Hinsicht besticht das Werk bereits durch die besondere Auswahl der behandelten Themen: Denn Lackmann beginnt nicht sofort mit der Darstellung der Einzelheiten der in der ZPO geregelten Vorschriften zum Erkenntnisverfahren. Vielmehr beginnt der Verfasser mit einer ausführlichen Darstellung der praktischen Arbeitsweise unter besonderer Berücksichtigung der Relationstechnik, um zu illustrieren, wie in der zivilrechtlichen Praxis u.a. die Feinheiten der Fälle zu erfassen, die Vorträge des Klägers, des Beklagten und entsprechend vorgebrachte Beweismittel zu würdigen sind. Frei gesprochen kann man also sagen, Lackmann präsentiert auf den ersten 148 Seiten seines Werkes die zivilrechtliche Arbeitstechnik in der Praxis. Dies ist aus Sicht eines dienstjungen Rechtsreferendars deswegen besonders begrüßenswert, weil ihm entsprechende Kenntnisse im Rahmen seines Hochschulstudiums zumeist nicht vermitteln wurden, wenngleich sie für die Bewältigung der im Vorbereitungsdienst zu meisternden Aufgaben unerlässlich sind. Daneben überzeugt das Werk in formaler Hinsicht durch eine besonders leser- und lernfreundliche Darstellung: So werden beispielsweise Aussagen mit mehreren inhaltlichen Elementen durch Aufzählungszeichen entzerrt und damit das Erfassen der Aussage vereinfacht (vgl. z.B. Rn. 191), durch die grafische Hervorhebung der Beispiele wird das Nachschlagen einzelner Beispiele beschleunigt und schließlich ermöglicht ein mit zahlreichen Rechtsprechungsnachweisen ausgestalteter Fußnotenapparat das Vertiefen einzelner Themengebiete. Abgerundet wird das Werk zum Schluss mit einigen Beispielsfällen unter Berücksichtigung der Anwaltsklausur.

Diese leser- und lernfreundliche Herangehensweise des Verfassers hebt das Werk auch in inhaltlicher Hinsicht hervor. Zunächst ist besonders hervorzuheben, dass Lackmann nach den behandelten Themen auf die jeweils häufigsten Fehlerquellen und bisweilen sogar auf fehlerhafte Formulierungen hinweist (vgl. z.B. Rn. 129 ff. und Rn. 196 ff.). Hierdurch wird dem Leser nicht nur abstrakt das notwendige Wissen vermittelt, sondern es wird zugleich die Möglichkeit eröffnet, etwaigen Miss- und/oder Fehlverständnissen entgegenzuwirken. Diesen Miss- und/oder Fehlverständnissen wirken zugleich zwei andere Aspekte entgegen: Zum einen werden am Ende der jeweiligen Themenkomplexe „Wiederholungs- und Vertiefungsfragen“ aufgeworfen, die sich der Leser zwecks Eigenkontrolle des angelesenen Wissens beantworten können soll. Um – wie es der Verfasser im Vorwort impliziert – ein eigenständiges Beantworten der Fragen anzureizen, werden die Antworten nicht im unmittelbaren Anschluss, sondern am Ende des Werkes präsentiert (Rn. 703–724). Zum anderen werden Miss- und/oder Fehlverständnissen durch bisweilen vorzufindende Hinweise auf typische Konstellationen, in denen die behandelten Themen abgefragten werden können (vgl. z.B. Rn. 132 oder vor Rn. 297 bei § 36), entgegengewirkt. Dies geschieht dadurch, dass der aufmerksame Leser durch diese Hinweise sich ein Gespür für unterschiedlich gelagerte Lebenssachverhalte erarbeiten kann.

Des Weiteren ist in inhaltlicher Hinsicht im Lichte der langjährigen Erfahrungen des Verfassers als AG-Leiter für Rechtsreferendare und Prüfer in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung hervorzuheben, dass ab S. 149 im Zuge der Darstellung der jeweiligen prozessualen Sonderfälle zuvorderst eine Einschätzung auf die Examensrelevanz (hoch, mittel oder niedrig) erfolgt. Dieser Aspekt wird durch den vorstehend hervorgehobenen Fußnotenapparat insofern flankiert, als dem Leser die Möglichkeit eröffnet wird, sich zunächst Kenntnisse zu den behandelten Themen zu erarbeiten und anschließend in den Bereichen mit hoher Examensrelevanz die erworbenen Kenntnisse mittels der weiterführenden Rechtsprechung und einigen Literaturstimmen zu vertiefen. Auf diese Weise kann sich der aufmerksame Leser Themen mit hoher Examensrelevanz im großen Umfang – ohne eigene Recherchearbeit (also mit Zeitersparnis) – erschließen. Schließlich ist in inhaltlicher Hinsicht aus Sicht der Rechtsreferendars im Rahmen der Stations(-einzel-)ausbildung besonders begrüßenswert, dass Lackmann nicht nur immer wieder auf die praktische Herangehensweise von Zivilrechtlern hinweist, sondern bisweilen sogar auf die sich herausgebildeten und etablierten Auslegungsergebnisse in der Praxis hinweist: So wird beispielsweise darauf hingewiesen, dass das Ermessen im Rahmen des § 283 S. 2 ZPO regelmäßig dahingehend ausgeübt wird, dass der nachgelassene Schriftsatz berücksichtigt wird (vgl. hierzu Rn. 400 bei Fn. 2).

Abschließend bleibt also festzuhalten, dass die nunmehr nach neun Jahren erschienene Neuauflage des Werkes von Lackmann jedem Rechtsreferendar empfohlen werden muss: Nicht nur die ersten 148 Seiten mit Hinweisen zur praktischen Arbeitsweise eines Zivilrechtlers bilden für den Rechtsreferendar eine unerlässliche Grundlage für die Bearbeitung der Akten sowohl während der Stationsausbildung als auch für das Lösen der (Probe-)Examensklausuren. Vielmehr lässt der Verfasser im Rahmen der Darstellung der ZPO Regeln zum Erkenntnisverfahren einerseits seine Erfahrung als langjähriger Praktiker und andererseits als langjähriger Ausbilder und Prüfer hineinfließen, woraus der Rechtsreferendar „Honig saugen kann“.