Samstag, 4. Juli 2015

Rezension Zivilrecht: Die medizinische Grundaufklärung

Schenk, Die medizinische Grundaufklärung, 1. Auflage, Springer 2015

Von Ass. iur. Mandy Hrube, Hannover



Das Werk aus der Schriftenreihe Medizinrecht trägt den Titelzusatz „Aufklärung im Großen und Ganzen, Grundaufklärung und Basiswissen als Zurechnungsebenen eines Haftungssystems für medizinische Aufklärungsfehler“ und wurde zugleich im Jahr 2014 von der Universität Gießen als Dissertation angenommen. Auf 195 Seiten, untergliedert in insgesamt 3 Teile mit XI Kapiteln, untersucht Schenk das praktische Anwendungsfeld der medizinischen Grundaufklärung.

Das Werk behandelt im 1. Teil (Kapitel I – IV) zunächst die unbeschränkte Haftung des Arztes bei fehlerhafter Grundaufklärung wegen nahezu gänzlich vereitelter Bilanzentscheidung des Patienten. Schenk führt dabei zunächst in den Kontext der Aufklärungsfehlerhaftung und den Begriff der Grundaufklärung ein, bevor er sich anschließend relevanten Fällen und Konstellationen widmet, in denen die Grundaufklärung von besonderer Relevanz ist. Schenk durchleuchtet dabei auch das Wertungssystem, welches hinter der Grundaufklärung steckt, und geht der Frage nach der Erforderlichkeit und Sinnhaftigkeit der Grundaufklärung nach. Der erste Teil des Werkes endet, indem die bislang zur Grundaufklärung bekannten inhaltlichen Anforderungen zusammengetragen werden. Der 2. Teil (Kapitel V – VI) befasst sich mit der Abgrenzung der Grundaufklärung zur Aufklärung im Großen und Ganzen und der Abgrenzung der Grundaufklärung zum Basiswissen. Anhand der bisher gewonnen Erkenntnisse stellt Schenk im anschließenden 3. Teil (Kapitel VII – XI) den Versuch einer Definition der Grundaufklärung an. Die gewonnenen Resultate werden nachfolgend anhand eines Vergleichs zur Prospekthaftung verifiziert. Sodann werden Fehleinordnungen der Rechtsprechung, in denen die Grundaufklärung herangezogen wurde, obwohl sie nicht von Relevanz war (z.B. OLG Düsseldorf – 8 U 18/02, NJW-RR 2003, 1221) oder in denen die Grundaufklärung nicht beachtet wurde, obwohl dies notwendig war (z.B. BGH – IV ZR 48/99, NJW 2000, 1784 oder BGH – VI ZR 323/04, NJW 2006, 2477, 2479 - Robodoc) dargestellt. Die Entscheidung des OLG Frankfurt 8 U 10/07 vom 29.05.2007 (Strahlenbehandlung wegen Arthrose an den Fingern) verursacht bei Schenk in zweifacher Hinsicht Bedenken, so dass auf diese gesondert eingegangen wird. Ein Ausblick über die Übertragbarkeit der Grundaufklärung auf andere Aufklärungsarten, insbesondere die therapeutische Aufklärung bzw. den synonym verwendeten Begriff der Sicherungsaufklärung, rundet das Gesamtbild ab, bevor das Werk mit einem Fazit schließt.

Ganz zur Seite legen sollte man es nach dem Fazit jedoch noch nicht, denn darüber hinaus ist auch der im Anschluss folgende Anhang (A und B) sehr informativ und anschaulich dargestellt. Anhang A liefert dem Leser eine tabellarische Auflistung der zutreffend zur Grundaufklärung gehörenden Risiken (Behandlung, Grundaufklärung: Aufklärung über…, Urteil). Aufgezeigt wird beispielsweise, dass bei der Behandlung einer Myopie (Kurzsichtigkeit) im Rahmen der Grundaufklärung die Aufklärung über das Erblindungsrisiko mitumfasst ist (verwiesen wird hierzu auf das Urteil des OLG München – 1 U 4499/07 vom 17.11.2011). In Anhang B wird hingegen eine tabellarische Auflistung der zutreffend dem Basiswissen zuzuordnenden Risiken (Behandlung, zum Basiswissen zählendes Risiko…, Urteil) dargestellt. Beispielhaft angeführt sei die Behandlung einer medizinisch indizierten Blutentnahme, die das zum Basiswissen zählende Risiko einer Nervirritation mitumfasst. Hingewiesen wird hierzu auf die Entscheidung des LG Heidelberg – 4 O 95/08 vom 29.06.2011.

In der Gesamtbetrachtung bietet das Werk dem Leser eine Einführung in das Haftungssystem der medizinischen Aufklärungsfehler und beseitigt Rechtsunsicherheiten, die aufgrund der unterschiedlichen Verwendung von Begrifflichkeiten durch die Rechtsprechung für Verwirrung sorgen können. Das Werk ist auch für diejenigen geeignet, die erstmals mit dieser Materie in Berührung kommen (möchten), da es verständlich verfasst und logisch strukturiert ist. Mit einem Preis von 69,99 Euro ist es jedoch nicht gerade günstig. Wer sich jedoch eingehender mit der Materie der medizinischen Grundaufklärung befassen, deren Kern einmal wissenschaftlich erfassen und damit auch tiefergehend aufgearbeitet haben möchte, für den ist dieses Werk durchaus zu empfehlen.