Montag, 13. Juli 2015

Rezension Zivilrecht: Referendarklausurenkurs Zivilrecht

Benner, Referendarklausurenkurs Zivilrecht: Die Anwaltsklausur im Assessorexamen, 2. Auflage, C.F. Müller 2014

Von Rechtsreferendar Arian Nazari-Khanachayi, LL.M. Eur., Heidelberg



Wie bereits für die Erste Juristische Staatsprüfung, ist auch für die Zweite Juristische Staatsprüfung die Klausurübung besonders wichtig. Man kann vermutlich sogar annehmen, die Klausurübung ist für die Zweite Juristische Staatsprüfung insofern wesentlich wichtiger, als nunmehr „weniger Zeit“ für die Erstellung der Lösung zur Verfügung steht: Obgleich die Klausurdauer nach wie vor fünf Stunden beträgt, ist ein umfangreicher Aktenauszug zu bearbeiten und hierbei zugleich nicht nur „irgendeine“ Lösung, sondern überwiegend eine (prozess-)taktisch geschickte Lösung anzufertigen, die nicht anhand auswendiggelernter Fälle, sondern im Wege des wiederholten Lösen von Fällen eingeübt werden kann. Daher ist es ganz besonders erfreulich, dass sich einige Klausurenkurse etabliert haben, die im Rahmen der Darstellung der Klausurlösungen etwaige taktische Erwägungen zwecks Schulung des praxis- und prozesstaktischen Gespürs offenlegen. In diesem Bereich ist auch der Referendarklausurenkurs von Prof. Dr. Suanne A. Benner, Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin, mit einem Umfang von 338 Seiten einzuordnen und damit ganz besonders zu begrüßen.

In formaler Hinsicht überzeugt das Werk zunächst durch die separate Aufnahme eines Abschnitts mit allgemeinen Hinweisen zur Lösung von anwaltsspezifischen Klausuren in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung (dazu sogleich mehr). Denn gerade diesen Bereich haben Rechtsreferendare in der Regel an der Hochschule nicht erlernt, sodass jeder Hinweis willkommen sein dürfte. Des Weiteren ist besonders hervorzuheben, dass die Verfasserin ausschließlich an Originalklausuraufgabenstellungen orientierte Aktenstücke aufführt. Dem Leser eröffnet sich auf diese Weise die Prüfungsanforderung. Schließlich zeichnen sich die Klausurenlösungen als solche in formaler Hinsicht aus zwei Gründen aus: Zum einen arbeitet Benner mit einem Fußnotenapparat, worin sie neben der Rechtsprechung vornehmlich die im Examen zugelassenen Kommentare befragt. Hierdurch wird dem Leser u.a. ein Gespür dafür vermittelt, wie sich die zugelassenen Hilfsmittel im Examen am effizientesten einsetzen lassen. Zum anderen – und hierin ist zugleich eine inhaltliche Stärke des Buches enthalten – wird die aus dem Hochschulstudium in der Regel unbekannte Korrespondenzweise des Rechtsanwalts mit seinen Mandanten, mit der Gegenseite, mit Behörden und/oder mit dem Gericht durch die jeweilige Präsentation von Schriftsätzen geschult. Der in diesem Bereich ungeübte Rechtsreferendar kann sich anhand der instruktiven Muster sowohl die formale als auch die inhaltliche Ausgestaltung der vorstehend genannten Korrespondenzschriftsätze erschließen.

Der zuvor erwähnte Abschnitt über die allgemeinen Lösungshinweise von Anwaltsklausuren hebt das Buch in inhaltlicher Hinsicht ganz besonders hervor: So werden auf 17 Seiten prägnant die wichtigsten Faktoren der erfolgreichen Bewältigung von Anwaltsklausuren vorgestellt. Aus diesem Bereich lässt sich beispielsweise der von der Verfasserin instruktiv präsentierte Ablauf der einzelnen Arbeitsschritte der Mandantenberatung durch den Rechtsanwalt erwähnen. Hinzu kommt jeweils der Hinweis darauf, an welcher Stelle die jeweiligen Arbeitsschritte mit den dazugehörigen Gedankengängen ihren Niederschlag im Gutachten finden. Auch werden die jeweiligen Mindestanforderungen an rechtliche Erwägungen für die Ausgestaltung der jeweiligen Schritte vorgestellt (z.B. Aufklärung zwecks Vermeidung einer anwaltlichen Haftung [Rn. 10] oder die Einhaltung des nicht notwendigen Inhalts der Klageschrift zwecks Vermeidung von Zustellungsverzögerungen [Rn. 41]). Darüber hinaus weist die Verfasserin – im Lichte ihrer eigenen Erfahrungen – auf klausurrelevante Rechtsgebiete aus dem materiellen Recht hin (z.B. das Mietrecht; siehe für weitere Rechtsgebiete Rn. 20). Darüber hinaus ist in diesem Abschnitt eine besonders hilfreiche Aufzählung von Ansprüchen zu finden, die nach ihren Rechtsfolgen systematisch sortiert sind (Rn. 71 ff.). Der Leser kann sich diese Auflistung einprägen und in der Klausurensituation gedanklich durchlaufen, um eine strukturierte Lösung entwickeln zu können. Schließlich findet der Leser in diesem Abschnitt bisweilen Hinweise auf die Korrektorensicht und die damit einhergehenden Bewertungskriterien (vgl. z.B. Rn. 59 oder 70), die schließlich in zehn von der Verfasserin formulierte Regeln (S. 17) zwecks Erreichens besserer Ergebnisse von Klausurbewertungen münden: Denn vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrungen als langjährige Korrektorin benennt Benner einerseits vermeidbare, damit zwingend zu vermeidende Fehler und führt andererseits einzuhaltende Arbeitsweisen /-schritte auf.

Ebenfalls vorstehend angerissen ist die Darstellungsweise der Verfasserin im Rahmen der Klausurenlösungen, wodurch das Werk ferner inhaltlich besticht. Denn neben dem oben bereits erwähnten Aspekt (scil. Präsentation von Schriftsätzen) lassen sich zwei weitere Punkte hervorheben: Zum einen lässt es sich die Verfasserin nicht nehmen, auf einzelne Rechtsfragen und -gebiete hinzuweisen, die innerhalb eines Themas stets wiederkehren und deswegen präzise beherrscht werden müssen (siehe z.B. Rn. 496). Zum anderen wir den Lösungen ein Abschnitt mit Vorüberlegungen, eine Datenliste und eine Gliederung vorangestellt, der dem Leser sowohl das oben beschriebene Gespür für taktische Erwägungen zu vermitteln als auch das Einüben der systematischen Herangehensweise an die Lösung von Anwaltsklausuren zu schulen vermag. Abgerundet wird das Bild schließlich durch einen Wiederholungs- und Vertiefungsabschnitt, welcher den jeweiligen Lösungen nachgestellt ist. Diese zeichnen sich insbesondere durch die dort gestellten Fragen aus, womit der Leser jeweils eine Selbstkontrolle durchführen kann.

Insgesamt muss der Referendarklausurenkurs von Benner als sehr gut gelungen bezeichnet werden: Es ist imstande, sowohl das fallrelevante Wissen zwecks Lösung diverser klausurrelevanter Themengebiete instruktiv zu vermitteln als auch diverse Hinweise zur Arbeitsweise, Gedankenführung und (taktischen) Erwägungen für die Lösung von Anwaltsklausuren zu präsentieren. Daher ist das Werk von Prof. Dr. Suanne A. Benner ohne Einschränkung jedem Rechtsreferendar für die Examensvorbereitung zu empfehlen.