Dienstag, 18. August 2015

Rezension Strafrecht: Materielles Strafrecht im Assessorexamen


Kaiser / Holleck / Hadeler, Materielles Strafrecht im Assessorexamen, 2. Auflage, Vahlen 2014

Von Rechtsreferendar Arian Nazari-Khanachayi, LL.M. Eur., Heidelberg



Während das Strafrecht im Zuge der Ersten Juristischen Staatsprüfung „lediglich“ in einer Klausur und sodann in der mündlichen Prüfung abgeprüft wird, wird es im Rahmen des juristischen Vorbereitungsdienstes als auch in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung umfangreicher abverlangt: Insofern können sich Rechtsreferendare spätestens im Referendariat nicht mehr hinter der – während des Studiums oft vorzufindenden – kaum überzeugenden Aussage „verstecken“, das Strafrecht könne wegen des „geringen Gesamtgewichts“ vernachlässigt werden. Wer sich mit dieser Aussage begnügt hat, muss das materielle Strafrecht erlenen und für die anderen Rechtsreferendare gilt es, das materielle Strafrecht praxisorientiert aufzufrischen und gegebenenfalls Lücken zu schließen. Genau an diesem Punkt ist die Neuauflage des Werkes von Herrn VRiLG a.D. Horst Kaiser, ehem. AG-Leiter für Referendare, ehem. Mitglied des Gemeinsamen Prüfungsamtes Nord für das Assessorexamen und Seminarleiter bei den Kaiserseminaren, Herrn StA Dr. Tosten Holleck, AG-Leiter für Referendare und Seminarleiter bei den Kaiserseminaren, und Herrn StA Dr. Henning Hadeler, AG-Leiter für Referendare, ganz besonders zu begrüßen, weil es auf 281 Seiten sowohl den allgemeinen als auch den besonderen Teil des Strafgesetzbuches mit Fokussierung auf examensrelevante Fragestellungen äußerst instruktiv illustriert.

Das Werk zeichnet sich sowohl formal als auch inhaltlich durch die äußerst examensorientierte Darstellung aus, wobei – wie die Verfasser selbst betonen – gerade die Anforderungen der Zweiten Juristischen Staatsprüfung, die sich von denen für die Erste Juristische Staatsprüfung unterscheiden, im Vordergrund der Bearbeitung stehen. So werden beispielsweise in diversen Hinweiskästchen des Öfteren wichtige Abgrenzungskriterien für die exakte Bestimmung und Zuordnung einer Handlung oder eines Handlungsgeschehens dargestellt. Hierdurch wird dem aufmerksamen Leser die Möglichkeit eröffnet, diese Kriterien systematisch herauszuarbeiten, um im „Ernstfall“ der Klausur die in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung noch „knappere“ Zeit (die Klausuren sind zwar weiterhin in fünf Stunden zu bearbeiten, doch der Aktenauszug ist erheblich länger als der Sachverhalt in der Ersten Juristischen Staatsprüfung und die zu bewältigende Informationsfülle dementsprechend umfangreicher, sodass in Relation die Zeit „knapper“ ist) effizient nutzen zu können (vgl. z.B. S. 4: Abgrenzung zwischen Vorsatzwechsel und vorsatzlosem Mittäter hinsichtlich des Exzesses eines Mittäters). In formaler Hinsicht sind neben den zahlreichen Nachweisen aus der Rechtsprechung, die ein Vertiefen einzelner Rechtsfragen ermöglichen, die unzähligen Verweise auf die im Examen als Hilfsmittel zugelassene Kommentierung zum StGB von Fischer besonders hervorzuheben: Hierdurch kann der Leser die einzelnen Lösungsansätze und Ansichten in Bezug auf einzelne Rechtsfragen nicht nur vertieft nachlesen, sondern macht sich zugleich mit den wesentlichen klausurrelevanten Stellen des besagten Hilfsmittels vertraut und kann in der konkreten Klausursituation – sofern dann noch notwendig – zeitsparend die „richtige“ Stelle nochmals nachschlagen.

Daneben können in inhaltlicher Hinsicht diverse Aspekte bezogen auf die examensorientierte Darstellung der Verfasser herausgegriffen werden: Erfreulich ist beispielsweise, dass die Verfasser bei spezialgelagerten Problemen einen Hinweis auf einzelne Fallkonstellationen aus der Rechtsprechung, in denen die jeweiligen Rechtsfiguren /-institute angewandt werden, liefern (vgl. z.B. S. 17: Korrektur des Rücktritthorizonts). Begrüßenswert ist ferner der stets vorhandene Hinweis auf die Folgen der Annahme oder Ablehnung einer Rechtsfigur oder eines Tatbestandes, weil der Leser hierdurch den Gesamtzusammenhang im Blick behält und das ganzheitliche – für die strafrechtliche Klausurbearbeitung ungemein wichtige – Denken einübt (vgl. z.B. S. 21: Sofern die Fahrlässigkeit in einer Konstellation bejaht wird, sind die §§ 16, 22 ff., 26 f. StGB gedanklich auszuschließen). Flankiert wird diese Komponente des Werkes mit den unzähligen Hinweisen der Verfasser darauf, wie der gedankliche Ablauf bei der Prüfung einzelner Vorschriften und Konstellationen erfolgen sollte, um keine Aspekte zu übersehen. Darüber hinaus präsentieren die Verfasser auch typische Kombinationsmöglichkeiten von Einzelproblemen in der Form, in der sie regelmäßig in Examensklausuren vorzufinden sind (vgl. z.B. S. 7: Kombination der Rechtsfrage der Strafbarkeit des „agent provocateur“ mit der Rechtsfrage und die Strafmilderung wegen des Einsatzes eines verdeckten Ermittlers nach § 110a StPO). Ferner arbeiten die Verfasser erfreulicherweise mit einer sehr angenehmen und zugleich fachspezifischen Sprache, die dem Leser das Verstehen der Materie zwar erleichtert, gleichzeitig jedoch nicht auf Kosten der Fachterminologie erfolgt. Schließlich sind auch Exkurse gelegentlich vorzufinden, die zwar für die unmittelbare Klausurlösung keine zwingende Bedeutung haben mögen, jedoch sowohl dem – für die Zweite Juristische Staatsprüfung kaum zu überschätzenden – Gesamtverständnis dienen als auch nützliches Wissen für die mündliche Prüfung präsentierten (z.B. S. 146: die Entwicklungslinien des strafrechtlichen Gewaltbegriffes).

Neben den vorstehenden Einzelaspekten müssen zwei grundsätzliche Punkte, die sich insbesondere im Bereich der Darstellung des besonderen Teils zeigen, als grundsätzlicher roter Faden des Werkes hervorgehoben werden: Einerseits werden die jeweils entscheidenden Wertungen, normative Vorgaben und/oder Auslegungsergebnisse stets anhand der höchstrichterlichen Rechtsprechung illustriert. Dies ist gerade vor dem Hintergrund erfreulich, dass während des Universitätsstudiums vornehmlich Lehrmeinungen aus der Literatur gewichtet wurden. Nunmehr sind die Klausuren freilich praxisgerecht, folglich – vornehmlich – orientiert an der BGH-Rechtsprechung zu lösen, so dass dieser rote Faden der Verfasser dem Leser nicht nur das Wissen um die (aktuelle) Rechtsprechung, sondern zugleich ein Gespür für eine praxisorientierte Auslegungs- und Argumentationsweise vermittelt. Andererseits werden die Ausführungen der jeweiligen „Blöcke“ aus dem besonderen Teil des Strafgesetzbuches stets ausgehend von den durch die einschlägigen Vorschriften geschützten Rechtsgüter und den damit einhergehenden Funktionen illustriert. Dies ist deswegen besonders begrüßenswert, weil dem Leser hierdurch wichtige Wissenselemente für eine Vielzahl von auslegungsbedürftigen Rechtsfragen zwecks Ermöglichung einer eigenständigen Auslegung und Argumentation vermittelt werden.

Es bleibt mithin festzuhalten, dass die Neuauflage des Werkes von Kaiser/Holleck/Hadeler ein hervorragendes Werk sowohl für die Wiederholung des materiellen Strafrechts als auch für das schließen etwaiger Lücken in diesem Bereich ist. Zudem hebt sich dieses Werk deswegen ganz besonders ab, weil es gerade mit spezieller Berücksichtigung der Anforderungen in der Zweiten Juristischen Staatsprüfung unter umfangreicher Auswertung von Originalexamensklausuren erstellt wurde, so dass der Leser fokussiert auf die – im Vergleich zur Ersten Juristischen Staatsprüfung – nunmehr veränderten Klausurherausforderungen exzellent vorbereitet wird. Das Werk muss daher jedem Rechtsreferendar empfohlen werden.