Mittwoch, 23. Dezember 2015

Rezension Zivilrecht: Briefe an junge Juristen

Gostomzyk / Jahn, Briefe an junge Juristen, 1. Auflage, C.H. Beck 2015

Von RA Tim Hendrik Walter, Unna



Ein jeder von uns alten Griechen kennt die Sage des Odysseus, der während seiner beschwerlichen zehnjährigen Irrfahrt von den Schlachtfeldern Trojas schließlich an der Küste des geliebten Ithaka erwacht. Während all der Zeit wurden seine Geschicke maßgeblich durch die Einmischungen verschiedener Gottheiten bestimmt. Während insbesondere der Meeresgott Poseidon danach trachtete Odysseus Leiden zu verlängern, war es auf der anderen Seite Athene, welche Odysseus und dessen Sohn immer mit Rat und Tat zur Seite stand, wenn diese den Mut zu verlieren drohten. Da die Götter jedoch den Argwohn ihrer Brüder und Schwestern befürchteten und auch sonst den direkten Kontakt mit den Sterblichen vermieden, schickte es sich zu dieser Zeit nicht in eigener Gestalt den Helden und Günstlingen entgegen zu treten. Stattdessen wählte Athene die Gestalt des greisen Mentors, in dessen Leib sie schlüpfte, um fortan dem nach Orientierung suchenden Helden mit Ratschlägen und Zuspruch zur Seite zu stehen. Dieser weise Mann diente fortan als Namensgeber für eine erfahrene Person die ihr umfassendes Wissen an eine jüngere Generation weitergibt.

Das Gemeinschaftswerk „Briefe an junge Juristen“ bietet dem Leser gleich 32 Monologe solcher Mentoren an, die allesamt als Juristen, aber auf unterschiedlichste Art und Weise herausragende Erfolge im juristischen Kosmos - auch weit über die Landesgrenzen hinaus - erzielt haben. Auf 168 Seiten berichten diese über ihren Werdegang, Schicksalsfügungen, über ihre Entscheidungen und darüber, was ihrer Erfahrung nach einen erfolgreichen Juristen ausmacht.

Zuerst überbringt Hermes dem jetzt schon geneigten Leser jedoch schlechte Kunde.
Obwohl das Werk wohl am ehesten in der Gestalt eines Ratgebers erscheint, werden diejenigen Leser, welche einen konkreten Leitfaden für oder ein Schema für ein bereits festgelegtes Lebensziel suchen, nach der Lektüre dieses Buches mitunter bitter enttäuscht werden. Das hat seine Gründe. Die Briefe der Mentoren sollen und wollen nämlich gar nicht belehren, Dogmen aufstellen oder die goldene Mittelstraße des Erfolgs malen. Ihr Anliegen ist vielmehr ein völlig anderes. Anstatt eine exakte Karte zu erstellen, wollen sie Appetit erwecken, verborgene Interessen fördern und vor allem Mut machen. Den Mut eigene Entscheidungen zu treffen, den Mut Verantwortung für Tätigkeiten zu übernehmen, die man womöglich noch erst erlernen muss, und auch den Mut gegebenenfalls zu scheitern. Dieser Ruf zur eigenen Courage macht mitunter einen Schwerpunkt des Werkes aus, der insbesondere an die weiblichen Mitglieder der Zunft gerichtet ist. Die Briefe von Prof. Dr. Frauke Brosius-Gersdorf, Barbara Mayer, Peter Raue und nicht zuletzt der aus der Feder von Brigitte Zypries sind wahre Aufrufe zur echten Emanzipation und sollten in Zeiten des Zweifels immer wieder zurate gezogen werden. Nur ganz nebenbei sei erwähnt, dass das Wort „Quote“ in keinem der benannten Briefe auftaucht.

Die Verfasser selbst rekrutieren sich nicht nur aus den klassischen und bekannten Betätigungsfeldern für Juristen, wie etwa denen des Rechtsanwalts, des Richters oder dem der Oberstaatsanwältin. Auch der Leiter des Hauptstadtstudios, der German Legal Director einer weltweit bekannten Internet-Suchmaschine sowie der Chief Governance Officer einer internationalen Großbank widmen dem Werk ihre Zeilen. Gerade diese Vielfalt der Erfahrungen ist es, welche das Werk von anderen Ratgebern weit abhebt. Die Kompetenz der Mentoren ist unstreitig. Das sich an die Briefe anschließende Autorenverzeichnis steht Beleg dafür, dass lediglich ausgewählte Kapazitäten zu Wort kommen, welche durch ihren Karriereweg als Beispiel zum Nachahmen animieren.

Genauso diffizil wie Odysseus Bogenschuss gestaltet sich jedoch eine Bewertung der „Briefe an junge Juristen“. Entscheidend ist, welche individuellen Erkenntnisse der Leser aus den Briefen gewinnt. Wenn es schließlich eine zentrale Botschaft gibt, die sich durch das Werk zieht, dann sicher diejenige, dass es keinen Königsweg gibt, sondern auch Umwege letztlich zum Ziel führen können. Der junge Jurist soll jedoch den Mut und die Überzeugung aufbringen einen Weg zu beschreiten.

Der Verfasser, Rechtsanwalt mit einjähriger Praxiserfahrung, hat jedenfalls jeden einzelnen der beschrittenen Wege mit Spannung verfolgt, sich selbst hinterfragt und Schlüsse für seinen eigenen zukünftigen Werdegang gezogen. Er ist überzeugt: Wenn Friedrich Graf von Westphalen im vorletzten Brief die Neugierde zur wesentlichen Tugend des jungen Juristen erhebt, dann sollte man diesem Ruf folgen und damit anfangen einmal einen Blick in „die Briefe“ zu werfen. Es könnte sich durchaus lohnen und womöglich auch die ein oder andere Irrfahrt vermieden werden.