Samstag, 5. Dezember 2015

Rezension Zivilrecht: Handbuch des Fachanwalts Familienrecht

Gerhardt / von Heintschel-Heinegg / Klein [Hrsg.], Handbuch des Fachanwalts Familienrecht, 10. Auflage, Luchterhand 2015

Von Richter am Amtsgericht Carsten Krumm, Lüdinghausen



Alle Leser, die irgendwie einmal mit Familienrecht in der Praxis in Kontakt gekommen sind, kennen dieses Buch – es ist der Klassiker für die Einarbeitung ins Familienrecht, ganz gleich ob für den Anwalt (an den sich das Buch richtet) oder den Richter. Ich selbst habe mir das Buch vor meinem ersten Start ins Familienrecht in der damals 5. Auflage angeschafft und war froh, gleich zu Beginn das Gefühl zu haben, auf sicherem Boden zu stehen. Wie bislang stets bei den Neuauflagen, so ist das „Handbuch des Fachanwalts Familienrecht“ auch diesmal gewachsen. Mittlerweile umfasst es über 3000 Seiten und ist so nicht nur rein physisch, sondern auch inhaltlich ein Schwergewicht. 21 Autorinnen und Autoren haben die Arbeit der Aktualisierung des Werks gestemmt: Rechtsanwälte, Notare und Richter.

Da das gesamte familienrechtlich notwendige Wissen im Buch zusammengetragen ist, macht es an dieser Stelle wenig Sinn, umfassend das Inhaltsverzeichnis zu referieren. Der grobe Aufbau stellt sich aber so dar: Zunächst finden sich etwa 200 Seiten Einführung in das Verfahren in Familiensachen. Aus eigener Erfahrung kann ich berichten, dass es durchaus sinnvoll ist, diesen Buchbereich als blutiger Anfänger komplett durchzulesen, da hierdurch ein guter Überblick gegeben wird, was in der Praxis auf junge Familienrechtler so zukommt. Sodann geht es in die eigentliche familienrechtliche Materie, also etwa in die Ehesachen, Sorgerecht, Unterhalt, Versorgungsausgleich und natürlich ins Güterrecht. Das Buch erschöpft sich nicht hierin, sondern stellt auch zahlreiche „Nebenkriegsschauplätze“ des Familienrechts vor. Dies sind etwa andere vermögensrechtliche Fragen, sozialrechtliche Verknüpfungen zum Familienrecht, das IPR, insolvenzrechtliche Probleme oder auch Partnerschaften außerhalb der Ehe. Angesichts des Umfangs des Buches sind alle Themen in der gebotenen Ausführlichkeit abgehandelt, die für eine ordnungsgemäße Fallbearbeitung nötig ist. Allein das Unterhaltsrecht nimmt knapp über 500 Seiten (!) in Anspruch – man kann hieran gut sehen, dass das Handbuch nicht nur Kurzauszüge der behandelten Themen enthält, sondern vollständige Darstellungen, die natürlich knapper als in monografischen Werken angelegt sind.

Auf einige „Extras“ des Buches soll natürlich hingewiesen werden:
Für die anwaltliche Praxis wichtig sind die (als Kapitel 12 eingefügten) Erörterungen zur Vertragsgestaltung in Familiensachen. Auf etwa 60 Seiten findet sich zu dieser Thematik eine zentrale Zusammenfassung von vertragsgestalterischen Fragen, wie etwa Betreuungsvorsorge, Ehevertragsgestaltung, Trennungsvereinbarung, Scheidungsfolgenvereinbarung und auch einvernehmlichen Reglungen zur elterlichen Sorge. Die erörterten Themenkreise spiegeln dabei den sonstigen Buchinhalt wider. Nach allgemeinen Erörterungen geht es etwa um die allgemeinen Ehewirkungen, die Ehescheidung, das Sorge- und Umgangsrecht, Unterhaltsfragen, Güterrecht, Versorgungsausgleich, Zugewinn, Hausrat und Ehewohnung. Es ist dabei noch darauf hinzuweisen, dass auch innerhalb der weiteren Buchkapitel immer wieder Einschübe vorhanden sind, die sich mit Vertragsgestaltung befassen. Der beratende Anwalt ist damit gut versorgt.

Ebenso wichtig ist für Anwälte das 17. Kapitel „Kosten“, da sich hier nicht nur die Gerichtskosten als Thema finden, sondern auch die Anwaltsvergütung. erwartungsgemäß sind in diesem Bereich nicht nur blanke Darstellungen der Rechtslage zu finden, sondern auch zahlreiche Beispielsfälle verschiedenster Verfahrenskonstellationen mit Berechnungsbeispielen. Alles in allem nimmt das gesamte Kapitel so auch deutlich mehr als 200 Seiten ein.

Dem schließt sich ein 150seitiger Teil „Musterschreiben“ an. Hierin geht es zunächst um allgemeine Muster, die zu Beginn des Mandatsverhältnisses helfen (z.B. Checklisten zu Unterhaltsstreitigkeiten oder zum Wohnwert). Es finden sich in einem zweiten großen Kapitelabschnitt dann auch Schriftsätze, Hinweisschreiben, Muster und Checklisten zur außergerichtlichen Vertretung des Mandanten. Hier wird wieder das gesamte familienrechtliche Themenrepertoire (z.B. Scheidung, Unterhalt, Versorgungsausgleich, Hausrat, Güterrecht) abgearbeitet. Entsprechend aufgebaut ist dann der nächste Abschnitt, der sich mit den Mustern pp. im gerichtlichen Verfahren befasst. Hier kann vor allem der Anfänger herausfinden, wie etwa ein Stufenantrag abzufassen ist, einschließlich der gerade zu Beginn der beruflichen Tätigkeit schwierigen Beantragung einer umfassenden Auskunft im Unterhalts- oder Zugewinnausgleichsverfahren. Hilfreich ist hier auch, dass vielen Mustern nochmals Kurzerläuterungen angefügt sind, die auf besondere Fußangeln oder die Gesetzeslage hinweisen.

Darüber hinaus ist darauf hinzuweisen, dass sich auch in den sonstigen Kapiteln Muster/Checklisten und Übersichten an den Stellen befinden, an denen sich dies sinnvollerweise anbietet. Hinzuweisen ist etwa auf die große Anzahl von Textmustern in Kapitel 18 zur Zwangsvollstreckung und auf die Musterformulierungen für von Verfügungen von Todes wegen (Kapitel 19).

Was gefällt noch an dem Buch? Da ist zunächst einmal die Handlichkeit trotz der besagten 3000 Seiten Text. Der Verlag schafft dies durch sehr dünnes Papier, das leicht die nächste Seite durcheinen lässt. Es ist aber noch genau das rechte Maß getroffen – die Textlesbarkeit wird nämlich nicht beeinträchtigt. Angenehm ist auch die Textstrukturierung, die durch viele Zwischenüberschriften geschaffen wurde. Es gibt kaum Textseiten, die nicht mit mindestens zwei Überschriften untergliedert sind. In Zusammenhang mit den bereits erwähnten Inhaltsverzeichnissen ist als gute und schnelle Lesbarkeit garantiert. Hierfür sorgen auch zahlreiche Fettungen von relevanten Schlüsselworten im Text.

Die obligatorischen Verzeichnisse sind erwartungsgemäß gut gepflegt. Insbesondere das fast 30-seitige Inhaltsverzeichnis zeigt eine klare/straffe Struktur auf. Es wird jeweils ergänzt durch vor den 21 Kapiteln zusätzliche ausführliche Inhaltsübersichten. So muss das Inhaltsverzeichnis nicht bis ins kleinste Detail ausgeführt werden, was die Übersichtlichkeit des Buches deutlich fördert. Ganz wichtig ist natürlich auch die „Idiotenwiese“, also das Stichwortverzeichnis. Dieses ist mit über 100 Seiten opulent geraten – die Nutzer werden sich hierüber freuen.

Erfreulich für die Anwaltschaft ist vor allem die Online-Freischaltung des Werkes. Jedes Buch enthält nämlich im Buchdeckel einen individuellen Freischaltcode, der die Recherche im Buch online ermöglicht und vor allem auch die ins Buch aufgenommenen Formulare elektronisch abrufbar macht.

Das Handbuch ist – trotz des auf den ersten Blick hohen Preises von 154 Euro - so zweifellos weiterhin auch in der 10. Auflage aus gutem Grunde als das Standardwerk zur Einarbeitung in und zur Bearbeitung von Familiensachen uneingeschränkt zu empfehlen und zwar nicht nur der Anwaltschaft, sondern auch allen Familienrichtern. Es ist den Preis ohne Zweifel wert!