Donnerstag, 14. Januar 2016

Rezension Zivilrecht: Familienpsychologische Gutachten

Salzgeber, Familienpsychologische Gutachten, 6. Auflage, C.H. Beck 2015

Von RAG Dr. Benjamin Krenberger, Landstuhl



Die Zielgruppe des Werks sind Psychologen und Juristen, insbesondere Richter sowie Fachanwälte für Familienrecht. Damit macht der Autor schon gleich zu Beginn klar, dass man mit einem gewissen Grundverständnis für die Materie des Familienrechts und die dort nötigen sachverständigen Begutachtungen die Lektüre angehen sollte. Denn das Buch ist, was sich im Verlauf der Kapitel rasch manifestiert, in hohem Maße auf die Praxis ausgerichtet und sorgt, richtig angewendet, für eine deutliche Verbesserung der Kommunikation der Beteiligten im familiengerichtlichen Verfahren – jedenfalls auf der Sachebene.

Das Werk kommt mit knapp über 600 Seiten inklusive der umfangreichen Verzeichnisse äußerlich noch recht schlank daher, wenngleich man sich durch das enge Schriftbild vergegenwärtigen muss, dass die eingefasste Stoffmenge locker das doppelte an Seiten füllen könnte. Das ist aber auch gut so, denn das Bedürfnis der Sicherung und Verbesserung der Qualität der Sachverständigentätigkeit muss auch theoretisch gut untermauert werden, wofür dieses Werk in beachtlicher Weise sorgt. Allerdings macht der Autor auch klar, dies schon beginnend mit dem einleitenden Vorwort, dass er nicht jede Entwicklung im Familienrecht für begrüßenswert erachtet. Dies kommt gerade unter dem Stichwort des „Kindeswohls“ gut zur Geltung, denn es muss (auch) vorrangiges Ziel des familiengerichtlichen Verfahrens sein, Konflikte zu reduzieren, gar zu beenden, sie aber nicht durch eine Vielzahl von Interessensbeteiligten noch zu erhöhen. Denn eine solche Kakophonie der Bedürfnisse müssen am Ende der Sachverständige und der Richter ausbaden.

Was wird dem Leser geboten? Jedenfalls allgemein ein bilateraler Ansatz: erstens was muss der Sachverständige beachten? und zweitens was kann der Jurist mit dem Ergebnis des Sachverständigen dann anfangen? Zuerst werden deshalb Aspekte des familiengerichtlichen Verfahrens und die rechtlichen Aspekte bei der Beauftragung des Sachverständigen beleuchtet. Es folgt eine Übersicht über die am Verfahren beteiligten Personen und deren Stellung zum Sachverständigen, bevor danach die Kapitel zu den Einzelthemen in den Vordergrund rücken: zum Sorgerecht bei Trennung und Scheidung, zum Umgang des Kindes mit Eltern und anderen Bezugspersonen, zur Kindeswohlgefährdung sowie bei Ausfall der Eltern. Ein Zwischenkapitel widmet sich noch besonderen Problemkonstellationen, bevor dann noch einmal ein eigener, sehr ausführlicher Abschnitt zum Kindeswohl an sich präsentiert wird – insoweit korrelierend zu den bereits im Vorwort angekündigten Zielsetzungen des Werks. Hiernach wird das sachverständige Handeln näher beleuchtet, sowohl allgemein, hinsichtlich der Begutachtung in schriftlicher oder mündlicher Form, bezüglich des Einbezugs verschiedener Nationalitäten und schlussendlich mit einem Kapitel zur Qualitätssicherung.

Neben den zahlreichen richtigen und wichtigen Ausführungen zur eigentlichen Tätigkeit des Gutachters und ihrer rechtlichen Einordnung zeichnet sich das Werk auch durch den Fokus auf ergänzende Themen aus. Hier wären bspw. der Schutz des Sachverständigen zu nennen (S. 107 ff.). Das Gericht darf hier den Sachverständigen nicht zum Spielball falsch verstandener Interessenwahrnehmung werden lassen, sondern muss möglichen Hinweise auf verbale oder andere Ein- und Übergriffe konsequent nachgehen. Des Weiteren sind die immer wieder eingestreuten, aber mitunter auch als eigenes Unterkapitel ausgestalteten Hinweise aus der Disziplin der Psychologie (etwa S. 218 ff.) von immenser Bedeutung für Richter und Rechtsanwälte, um einer möglichen Argumentation wahlweise unterstützend oder negierend zu begegnen. Denn gerade im Familienrecht begegnet die juristische Denkweise natürlichen Grenzen, wenn es um die interdisziplinäre Einschätzung von Rechten und Folgen daraus geht. Schließlich ist auf das Unterkapitel zur aussagepsychologischen Begutachtung, v.a. bei Missbrauchsverdacht, hinzuweisen (S. 333 ff.). Die Thematik ist im (jugend-)strafrechtlichen Bereich gut bekannt und findet aber im Pendant des Familienrechts ebenso große Anwendung. Die beteiligten Juristen müssen deshalb die Grundzüge der Aussageprüfung beherrschen, um mit diesem emotional hoch aufgeladenen Thema möglichst sachlich umgehen zu können.

Unabhängig davon ist ein weiterer nicht zu unterschätzender Vorteil des Buches, dass er die am Verfahren beteiligten Personen auch auf die Gefahr vieler Problemkonstellationen zwischen Eltern und Kindern hinweist, die man eher aus anderen Disziplinen (Betreuungsrecht, Strafrecht, forensische Psychiatrie) kennt, aber die natürlich auch im Familienrecht zu Konflikten führen können. Vor allem möchte ich hier das Unterkapitel zu den verschiedenen Arten von Suchterkrankungen als gelungen hervorheben (S. 420 ff.), in welchem die aus der Sucht zwangsläufig resultierende Frage nach der Erziehungsfähigkeit der Betroffenen präzise angegangen wird.

Zugegeben, das Buch ist keine leichte Kost, aber das gilt in gleicher Weise für Fachbücher zu Begutachtungen aus dem Strafrecht oder zivilrechtlichen Teilgebieten. Die Darstellung findet aber einen gesunden und interessanten Mittelweg zwischen notwendiger pragmatischer Zusammenfassung des Stoffes und der dennoch möglichen variantenreichen Abbildung des Sujets. Die Dichte an Fundstellen aus Rechtsprechung und Literatur ist beeindruckend und untermauert das ohnehin schon durch die hohe Auflagenzahl gefestigte positive Bild dieses Werks. Insofern: eine gelungene Neuauflage und für das familienrechtliche Dezernat in Gericht und Kanzlei sehr zu empfehlen.