Montag, 1. Februar 2016

Rezension: Juristische Rhetorik

Gast, Juristische Rhetorik, 5. Auflage, C.F. Müller 2015

Von Carina Wollenweber, Wirtschaftsjuristin, LL.M., Siegen



Das Werk „Juristische Rhetorik“ von Wolfgang Gast umfasst 532 Seiten inklusive Bibliografie und Sachregister. Es ist in eine Einleitung und sechs Teile gegliedert. Die Einleitung liefert einen Einblick in die Geschichte und erläutert den Begriff „Rhetorik“. Des Weiteren wird der Aufbau des Buches erklärt.

Der 1. Teil trägt die Überschrift „Rhetorische Elementarlehre“ und stellt einen Schwerpunkt des Werkes dar. Er befasst sich mit allgemeinen Themen zur Rhetorik und weniger mit der Jurisprudenz. Allerdings finden sich in den Beispielen auch juristische Elemente wieder (z.B. Rn. 74, Rn. 91). Die Argumentation ist dabei ein wesentlicher Teil. U.a. werden die unterschiedlichen Arten von Argumenten gegliedert und vorgestellt (Rn. 299) sowie Fundstellen für (Sach-)Argumente (Rn. 313 – 320) präsentiert. Der 2. Teil besteht aus 7 Kapiteln und enthält 6 längere Fälle aus der Historie. Im 3. Teil werden die unterschiedlichen Auslegungsmethoden in ebenfalls 7 Kapiteln behandelt. Dabei bekommen die grammatikalische, systematische, historische und teleologische Auslegung jeweils ein eigenes Kapitel. Der Logik (Logos) wird der 4. Teil gewidmet, welcher aus 8 Kapiteln besteht. Dabei lernt der Leser, mit welchen logischen Argumenten er sein Gegenüber von seiner Ansicht überzeugen kann. Der 5. Teil besteht aus 5 Kapiteln und behandelt die Instrumente des rhetorischen Pathos. Thematisiert werden z.B. Metaphern und die juristische Fachsprache. Den Abschluss bildet der 6. Teil mit seinen 2 Kapiteln. Dieser beschäftigt sich mit dem Ethos, welcher die dritte Komponente der rhetorischen Arbeit neben Logos und Pathos darstellt.

Das Werk behandelt die Verbindung von juristischer Methodenlehre (Inhalt) und Rhetorik (Gewand). Dabei ist es stets das Ziel, das Einverständnis des Adressaten zu gewinnen. Dem Autor gelingt es, dass der Leser über die Sprache nachdenkt. Gast berichtet nicht nur über einen wortgewandten Sprachgebrauch; er lebt diesen auch. Der Schreibstil kann nur als sehr gut durchdacht bezeichnet werden. Der Leser merkt selbst, wie er von den Worten eingefangen und überzeugt wird. Dies motiviert dazu, die Techniken ebenfalls bei eigenen Adressaten zu verwenden, um den gewünschten Erfolg zu erzielen.

Die vielen Beispiele verdeutlichen eindrucksvoll das Gesagte. So zeigt bspw. ein Auszug aus William Shakespeares Drama „Julius Caesar“, wie Menschen von dem Gegenteil überzeugt werden können. Dies wird dem Leser mit Hilfe der Deutung der Vorgehensweise (Rn. 98, Rn. 101) erläutert. Auch werden die rhetorischen Schritte genau beschrieben (Rn. 99). Anschließend folgt eine klassische, gutachterliche Prüfung des Falles Caesar (Rn. 100), welche in Obersatz, Definition, Subsumtion und Ergebnis aufgeteilt wurde. Auch werden andere Fälle über mehrere Seiten hinweg thematisiert. Dabei folgt dem Sachverhalt stets die Analyse (Beispiele: Achill und Agamemnon: Rn. 517 – 532).

Neben den sprachlichen und juristischen Ausprägungen fällt auf, dass auch geschichtliche, philosophische und psychologische Einschläge vorhanden sind. Der Autor stellt dabei Fragen, die sich der Leser ebenfalls stellen wird. Dann werden diese beantwortet. Gast fragt dabei u.a., was unter Wahrheit zu verstehen sei (Rn. 383 ff.). Immer wieder sind u.a. historische Beispiele (z.B. Rn. 1288 ff.) oder Beispiele aus der Praxis (z.B. Rn. 1120 ff.) in den laufenden Text eingebettet, die zeigen, wie Rhetorik funktionieren kann. Leider werden diese nicht gesondert im Text hervorgehoben. Generell finden Hervorhebungen auch nicht durch Fett-, sondern durch Kursivdruck statt oder es wird eine andere Schriftart verwendet (z.B. Rn. 590, Rn. 846). Außerdem bemerkt der Leser, dass die Rhetorik immer wieder mit Hilfe der Logik erklärt wird. Dazu bedient sich der Autor Variablen (z.B. Rn. 60 – 62). Dies stellt einen Ansatz dar, über welchen erst nachgedacht werden muss, der dann aber doch Sinn ergibt.

Da die Begrifflichkeiten aufeinander aufbauen, sollte sich der Leser mit den gängigsten Wörtern vertraut machen. Ansonsten wird es ihm schwer fallen, dem Autor folgen zu können. Insgesamt kann gesagt werden, dass das Werk sehr anspruchsvoll zu lesen ist. Die Verweise innerhalb des Werkes dienen dazu, die entsprechenden Stellen schnell finden zu können (z.B. Rn. 108). Auch die fortlaufende Randnummerierung unterstützt die Suche. Mit Hilfe des Stichwortverzeichnisses sollte dies ebenfalls gelingen. Die umfangreiche Literatur wird auf 16 Seiten dargestellt. Dadurch wird der Leser in die Lage versetzt, auch selbst weiterführende Quellen bemühen zu können. Das Werk hat einen sehr stabilen Hardcover-Einband, welcher den hochwertigen Eindruck nur untermauert.

Fazit: Insgesamt handelt es sich um eine hervorragend gelungene Verflechtung von Rhetorik und Jurisprudenz. Der Leser erfährt, wie er selbst von einer Einstellung überzeugt wird, und kann die Kunst des Überzeugens lernen, um diese an anderen Menschen anzuwenden. Außerdem sind ebenfalls geschichtliche, philosophische und psychologische Einschläge vorhanden, die dem Buch zusätzlich Tiefe verleihen. Das Werk kann jedem Leser, welcher sich intensiv mit der Materie beschäftigen will, empfohlen werden. Allerdings muss sich dieser bewusst darüber werden, dass es keine einfache Lektüre sein wird.