Samstag, 20. Februar 2016

Rezension: Schuldrecht Allgemeiner Teil

Medicus / Lorenz, Schuldrecht I Allgemeiner Teil, 21. Auflage, Verlag C.H. Beck München

Von Richterin Christiane Warmbein, Ulm



Bereits in 21. Auflage erscheint eines der Standard-Lehrbücher zum allgemeinen Schuldrecht. Begründet von Dieter Medicus, der im Juli 2015 verstarb, liegt es bereits seit einigen Auflagen in der Verantwortung von Stephan Lorenz.

Das klassische Lehrbuch hält inhaltlich, was es verspricht: auf gut 400 Seiten werden alle Komplexe des allgemeinen Schuldrechts erläutert und dargestellt. Der Aufbau des Inhalts ist dabei an die typische Chronologie eines Schuldverhältnisses angelehnt: nach den Grundlagen des Schuldrechts geht es daher weiter mit der Entstehung und dem Inhalt von Schuldverhältnissen sowie der Erfüllung und ihren Surrogaten.

Besonders umfangreich ist der folgende Teil zu den sehr prüfungsrelevanten Leistungsstörungen. Hier werden zunächst die Systematik der Leistungsstörungen und anschließend alle Varianten vollständig erörtert. Weiter geht es mit einem Kapitel zur Beendigung von Schuldverhältnissen, beispielsweise durch Aufhebung oder Rücktritt. Ein besonderer Teil ist dem Schadensersatz gewidmet. Das Werk schließt mit Ausführungen zur Auswechslung eines einer Vertragspartei und der Beteiligung weiterer Personen am Schuldverhältnis.

Die Erläuterungen sind zwar umfangreich und vollständig, jedoch teilweise für einen Studenten während der Vorbereitung auf Anfängerklausuren schwer verständlich. Ein Satz wie „§ 311a (…) gehört systematisch in den Sachzusammenhang der §§ 280-284.“ (S. 138 Mitte) ohne weitere Erläuterungen, welcher Art der Zusammenhang sein soll und wo § 311a in der Systematik der §§ 280-284 seinen Platz hat, fördert nicht das Verständnis eines Studenten in den Anfangssemestern. Die Intention vieler Verweise auf weitere Themenkomplexe mag das Erkennen von Zusammenhängen sein. Die Gefahr ist aber, dass die Leser, die sich typischerweise mit dem allgemeinen Schuldrecht intensiv beschäftigen, hiervon eher durcheinander gebracht werden. Bei Ausführungen wie „Das geschuldete Verhalten wiederum bestimmt sich nach dem Maß der verkehrserforderlichen Sorgfalt, welches zugleich Maßstab des Verschuldens in § 276 II ist. In einer solchen Situation fallen somit objektive Pflichtwidrigkeit und Verschuldensvorwurf weitgehend zusammen.“ (S. 141) wird sich ein Student, der pflichtbewusst im ersten Drittel seines Studiums versucht, konzentriert mit einem Lehrbuch zu lernen, fragen: was ist hier mit § 276 II? Welche Folge hat es, dass Pflichtwidrigkeit und Verschulden zusammenfallen? Warum nur weitgehend? Welche Unterschiede gibt es? … und zunächst keine Antwort darauf finden.

Zu vielen, leider aber aus Platzgründen nicht allen Darstellungen sind kleine Beispielfälle abgedruckt, die sich durch eine kleinere Schrift vom restlichen Fließtext abheben. Hierdurch wird das Verständnis der Theorie gefördert. Zur Übung kann der entsprechende Band der „Prüfe dein Wissen“ – Reihe herangezogen werden, der mit dem Lehrbuch inhaltlich abgestimmt ist. Dies ist ein großer Vorteil, um sich auf Klausuren vorzubereiten: Mit Hilfe des Falltrainings können alle wichtigen Variationen einen Themenkomplexes eingeübt und durch die Theorie des vorliegenden Lehrbuchs auf eine solide Basis gebracht werden.

Wünschenswert wäre es, Definitionen deutlich hervorzuheben. Diese finden sich meist im Fließtext, was meist zu umfangreichen eigenen Markierungen des Lesers führen wird. Einen guten Überblick geben hingegen die enthaltenen Skizzen zur Systematik beispielsweise der Haftung bei Pflichtverletzung (S. 149). Hierdurch kann das Gelesene nochmals in den Gesetzeszusammenhang eingeordnet und miteinander in Bezug gebracht werden. Die Ausführungen sind ergänzt um zahlreiche weiterführende Nachweise aus Literatur und Rechtsprechung. Für Hausarbeiten und zur tiefgehenden Recherche ist das Buch daher bestens geeignet. Zur Klausurvorbereitung gilt dies allerdings nur eingeschränkt: Es mag Studenten geben, die bereits zu Beginn des Studiums fähig sind, die komplexen Erläuterungen zu verstehen und nach einer Transferleistung in der eigenen Klausur anzuwenden. Viele werden jedoch – auch aus Zeitmangel – zu einem anderen Hilfsmittel, wie einem Skript greifen. Dies ist ganz klar eine Sache des eigenen Geschmacks und der persönlichen Präferenz.