Sonntag, 20. März 2016

Rezension: Law and Anthropology

Fikentscher, Law and Anthropology, 2. Aufl., C.H. Beck/Nomos/Hart 2016

Von RAG Dr. Torsten Obermann, Münster



Das Werk hat sich keine kleine Aufgabe gesetzt: Beschäftigt sich schon die Anthropologie mit einer Vielzahl von Fragestellungen von Biologie über Geschichte bis hin zu religiösen Fragen, wird dieses Gebiet durch die Erwähnung des Gesetzes im Titel nicht eingeschränkt. Vielmehr stellen die Autoren bereits im Vorwort klar, dass sich im Vergleich zur Erstauflage aus dem Jahr 2009 der Fokus erheblich erweitert hat und eine generelle Kulturanthropologie mit spezifisch juristischem Interesse angestrebt wird. Sowohl diese erweiterte Aufgabenstellung als auch der Tod des Hauptautors Wolfgang Fikentscher haben eine Co-Autorschaft mit seinem Sohn Kai Fikentscher bedingt, die indes den homogenen Stil des Werks in keiner Weise beeinträchtigt hat.

Entsprechend breit wird die Untersuchung aufgestellt. Der erste Teil, der die Hälfte des Werks ausmacht, dient einer Positionsbestimmung der juristischen Anthropologie im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung der Kulturanthropologie insgesamt. Bereits in diesem Zusammenhang werden bedeutende Konzepte wie soziale Einheiten von Familie bis zum Staat, Religion, Zivilisation und Recht und Gesetz diskutiert. Sogar biologische Anthropologie wird – in ihrer Bedeutung für die Kulturanthropologie – dargestellt.

Im zweiten Teil werden dann einzelne Rechtsgebiete in anthropologischer Hinsicht dargestellt. Ausgehend von einer Darstellung der Vorstellungen von Verfassungsrecht und Menschenrechten werden – vereinfacht gesagt – Vertrags-, Sachen-, Delikts-, Straf- und Verfahrensrecht dargestellt.

Im dritten Teil wird ausgehend vom Recht der amerikanischen Urbevölkerung die rechtliche Behandlung von ethnischen Gruppen im internationalen Recht und durch internationale Organisationen untersucht, was die Basis für eine abschließende Untersuchung, ob und wie die Ergebnisse von anthropologischen Untersuchungen auch für die Lösung drängender Fragen – Schutz von ethnischen Gruppen, Lösung internationaler Krisen etc. – fruchtbar gemacht werden können.

Das Werk ist von der schier unglaublichen Belesenheit seiner Autoren gekennzeichnet, denen es gelingt, Erkenntnisse aus verschiedensten Disziplinen bruchlos in ein eigenes schlüssiges Konzept zu integrieren. Diese Theorie wird durch extensive Feldforschungen des Hauptautors in den Pueblo-Kulturen Amerikas und in Taiwan ergänzt, was durchaus spannende Erkenntnisse ermöglicht. Beeindruckend ist die Klarheit, mit der dem Leser vor Augen geführt wird, wie leicht man andere Kulturen in einer durch die eigene Kultur geprägten Wahrnehmung missverstehen kann: So wird z.B. herausgearbeitet, dass nicht einmal die Erwartung einer generellen Anwendbarkeit in allen Kulturen ein notwendiger Bestandteil von der Vorstellung von Gesetzen ist. Vor diesem Hintergrund gelingt den Autoren eine sachliche und beeindruckende Darstellung von auf den ersten Blick fremden Vorstellungen. Hierdurch wird eine eingehende Analyse auch von aktuellen Entwicklungen – z.B. Völker- und Menschenrechtsfragen, das Verhältnis zwischen Europa und Russland und die Entwicklung des islamistischen Terrorismus – ermöglicht.

Gleichwohl ist das Buch keine leichte Lektüre. Insbesondere die theoretische Positionsbestimmung im Rahmen historischer Entwicklungen im ersten Teil erfordert eine hohe Aufmerksamkeit des Lesers. Umso ärgerlicher ist, dass gerade in diesem Teil die Lektüre durch eine Vielzahl von Druckfehlern, fehlenden Satzzeichen, unvollständigen Sätzen etc. erschwert wird. Ganz verständlich ist dies bei einem Prestigeprojekt – Festeinband mit Golddruck, Farbfotografien und ein Preis von immerhin 180,- € – dreier Verlage, von denen insbesondere der in Oxford ansässige Hart-Verlag auch über ein englischsprachliches Lektorat verfügen sollte, nicht, zumal die Fehler z.T. sinnentstellend sind.

Die mit dem Werk angestrebte Befreiung der Wahrnehmung von Vorprägungen und die unvoreingenommene Betrachtung fremder Rechtsvorstellungen ermöglicht jedoch einen frischen Blick auch auf die eigene Rechtsordnung, innerhalb derer im Rahmen von Globalisierung und Migration auch zunehmend derartige Regeln und Vorstellungen zu berücksichtigen sind.