Samstag, 2. April 2016

Rezension: Kriminalistisches Denken

Walder / Hansjakob, Kriminalistisches Denken, 10. Auflage, C.F. Müller 2016

Von RA, FA für Sozialrecht und FA für Bau- und Architektenrecht Thomas Stumpf, Lehrbeauftragter FH Öffentliche Verwaltung Mayen (Rheinland-Pfalz), Pirmasens



Das vom Schweizer Prof. Dr. Hans Walder begründete und nach dessen Tod von seinem Landsmann Dr. jur. et. lic. oec. Thomas Hansjakob fortgeführte Werk erlebt seine mittlerweile 10. Auflage. Das sagt eigentlich schon alles über die Erfolgsgeschichte dieses Buchs aus. Sinn und Zweck des Ganzen ist eine knappe, aber umfassende Einführung in das kriminalistische Denken der Strafverfolger und Ermittler. Ein Buch, das nicht nur der einschlägigen juristischen Zielgruppe zusagen dürfte, sondern das sich im Grunde an alle richtet, die sich für das Thema interessieren, etwa Autoren, Journalisten oder sehr eifrige Krimileser. Damit soll das Buch nicht auf ein populärwissenschaftliches Niveau herabgewürdigt werden – im Gegenteil. Es soll nur zeigen, wie gut und verständlich es geschrieben ist und dass es ein Gebiet bearbeitet, welches auch Interessierte außerhalb der damit befassten Professionen sicher zu begeistern weiß.

Optisch wirkt das Werk im handlichen Taschenbuchformat auf den ersten Blick recht schmal, alleine, das täuscht, das Buch bringt es auf 350 Seiten. Das kriminalistische Denken ordnet der Autor der Kriminaltaktik zu, also der Lehre vom richtigen und zweckmäßigen Vorgehen bei der Aufklärung von Straftaten. Ausgehend vom Anfangsverdacht einer Straftat entwickelt der Verfasser sodann den sog. Kriminalistischen Zyklus: die beim Ausgangsverdacht vorhandenen Ausgangsdaten werden als Arbeitsgrundlage zunächst analysiert, sodann die sich hieraus ergebenden Hypothesen abgeleitet, welche das Programm bestimmen, welche Beweise zu führen sein werden. Sodann werden die hierzu noch erforderlichen Daten herangeschafft. Ist die auf diesem Wege erfolgte Datenerhebung vollständig, mündet das Ganze in das strafprozessuale Verfahren. Oder, ganz einfach ausgedrückt, wie wird ein Kriminalfall gelöst.

Der Autor erläutert, wie dieser Zyklus funktioniert, welche Arbeitsmethoden (geistiger und technischer Art) zur Anwendung gelangen (sollen) und wie Fehler vermieden werden. In Teil 1 des Buchs werden die hierfür zur Verfügung stehenden Hilfsmittel dargestellt und erörtert. Der 2. Teil erklärt den beschriebenen Kriminalistischen Zyklus dann im Detail. Wie funktioniert die Verdachtserhebung, wie kann ein Verdacht verifiziert oder auch falsifiziert werden, wie können die Daten gewonnen und analysiert werden, wie werden die hieraus resultierenden Hypothesen folgerichtig und fehlerfrei erstellt. Täterprofile spielen eine Rolle, systematische Wahrnehmungen, Wahrscheinlichkeiten. Es werden einzelne Arbeitsmethoden erklärt, wie etwa der konkrete Ablauf eines kognitiven Interviews zur Definierung korrekter und falsche Erinnerungen bei Zeugen oder Opfern. Der Autor versucht Hilfestellung zu leisten z.B. beim Erkennen des Unterschiedes zwischen falscher Erinnerung und bewusster Lüge. Im letzten Teil geht es schließlich um das Ergebnis der erhobenen und analysierten Daten: deren Einführung und Verwendung im Strafprozess zum Nachweis der angeklagten Straftat.

Das Buch ist sehr interessant, gerade, aber nicht nur, für Strafermittler oder Strafrechtler. Auch für den noch weniger forensisch erfahrenen Ermittler (oder Verteidiger) geben sich hier zahlreiche wertvolle Einblicke, die für die tägliche Arbeitspraxis von hohem Nutzen sein können. Hilfreich für den Verteidiger sind z.B. auch gerade die Ausführungen zu Vernehmungs- und Fragetechniken gegenüber Beschuldigten, gerade, wenn diese nicht geständig sind. Insgesamt eine sehr empfehlenswerte Lektüre.