Freitag, 6. Mai 2016

Rezension: Der Prozessvergleich

Fleindl / Haumer, Der Prozessvergleich, 1. Auflage, C.H. Beck 2016

Von RinLG Domenica D’Ugo, Saarbrücken



Dieses Buch, das als Handbuch für Rechtsanwälte und Richter verstanden werden will, wurde von einer Richterin am Oberlandesgericht und einem Vorsitzenden Richter am Landgericht geschrieben, um die bestehende Fachliteratur-Lücke zum Titelthema zu schließen. Dass die Problemfelder betreffend den Prozessvergleich im Zivilprozess sehr vielfältig sind, spiegelt sich im Aufbau des Werkes wider. Die Gliederung zeigt durch klare Überschriften, welche Themen angesprochen werden: Grundlagen, Rechtsfragen, Kommunikation, Taktik, Kosten und Musterformulierungen. Wem es bis dahin noch nicht bewusst war, dem wird spätestens bei der Lektüre des Buches klar: Die Güteverhandlung ist eine der Aufgaben des Richteralltags, die dem Richter breit gefächerte Kompetenzen abverlangen, die weit über den juristischen Tellerrand hinausgehen.

Leider könnte man sagen, dass es beim Leser bei dieser kurzen Erkenntnis bleibt, denn die Autoren bzw. der Verlag haben sich auf eine übersichtliche Dimensionierung beschränkt, die der Vielfalt des Themas nicht gerecht werden kann. Die rund 170 Seiten umfassende Erörterung mutet als wilder Ritt durch die betroffenen Gebiete an, der alles kurz anreißt, aber an Tiefe vermissen lässt. Als Beispiel soll hier das Kapitel „Kommunikation“ dienen: Wer in Ausbildung, Studium oder Fortbildung noch keine Berührung mit Psychologie, Soziologie, Mediation o.ä. hatte, wird hier vielleicht erstmals über die Maslow´sche Bedürfnispyramide, das Eskalationsmodell von Glasl und das 4-Ohren-Modell von Schulz von Thun lesen. Die kurzen Andeutungen dürften jedoch kaum genügen, um dem unerfahrenen Rechtsanwalt/Richter das theoretische Werkzeug an die Hand zu geben, eine befriedigende und zielführende Vergleichsverhandlung zu führen. Dies kann und soll sicherlich auch nicht die Aufgabe eines Handbuches sein. Wenn der Leser - wie mehrfach auch von den Autoren betont: ein ausgebildeter Jurist in Form eines Rechtsanwalts oder Richters - dann im Folgekapitel jedoch beispielsweise zu lesen bekommt, dass arrogantes Auftreten und fehlende Vorbereitung hinderlich seien, die Begrüßung der Parteien zur Verhandlung hingegen förderlich, drängt sich die Frage auf, ob das Konzept wirklich zielgruppenorientiert erstellt worden ist. Es bleibt ehrlich zu hoffen, dass die Zielgruppe solche Anregungen nicht benötigt.
 
Nach allem sind die für das Buch zu zahlenden 39 € am besten für denjenigen angelegt, der sich einen kurzen Überblick über den zivilprozessualen Prozessvergleich und seine Hintergründe und Herausforderungen verschaffen will. Wer etwas Erfahrung als Rechtsanwalt oder Richter mit sich bringt, kann das Werk eventuell als Rechercheunterstützung benutzen, was Einzelfragen angeht, etwa zum Vergleich bei gewährter oder zu gewährender Prozesskostenhilfe.