Freitag, 26. August 2016

Rezension: Völkerrecht

Herdegen, Völkerrecht, 15. Auflage, C. H. Beck 2016

Von stud. iur. Maren Wöbbeking, Göttingen



Erschienen in der beliebten Reihe „Grundrisse des Rechts“ aus dem C. H. Beck-Verlag liegt 2016 mit Matthias Herdegens „Völkerrecht“ die nunmehr 15. Auflage dieses Lehrbuchs vor. Dabei unterscheidet es sich jedoch - berechtigterweise - in vielerlei Hinsicht von anderen aus dieser Reihe bekannten Lehrbüchern.

So handelt es sich bei Herdegens „Völkerrecht“ nicht um ein klassisches Lehrbuch für angehende Juristen, wie dies zum Beispiel bei Rengiers Lehrbüchern zum Strafrecht oder dem Wolf/Wellenhofer zum Sachenrecht aus der nämlichen Reihe der Fall ist. Herdegens Buch richtet sich nach eigener Aussage zwar auch an Studenten der Rechtswissenschaft und dabei insbesondere an jene mit einem völkerrechtlichen Schwerpunkt, aber darüber hinaus auch an die der politischen Wissenschaften und generell an „andere Disziplinen, die sich mit der Ordnung internationaler Beziehungen befassen“.

Nicht nur diesem Zielpublikum geschuldet, sondern auch der Thematik entsprechend ist dieses Lehrbuch daher auch von seiner Struktur und Herangehensweise nicht mit herkömmlichen juristischen Lehrbüchern zu vergleichen. Schwerpunkt des Lehrbuches ist es nicht, eine rein klausurorientierte oder schematische Herangehensweise an das Völkerrecht zu bieten, sondern vielmehr „einen umfassenden Einblick in die Grundlagen des modernen Völkerrechts“ zu geben. Und dies gelingt auch ausgesprochen gut.

Zu Beginn wird der Leser dabei durch den historischen Kontext des Völkerrechts geführt um sich dann bei den Grundpfeilern des Völkerrechts einschließlich aktuellster Rechtsprechung und neuen politischen Entwicklungen wiederzufinden.

Dabei fällt bereits nach kürzester Zeit des Lesens eine gewisse Redundanz hinsichtlich vieler Themenkomplexe auf. Wenngleich dahinstehen kann inwiefern dies bei Lehrbüchern generell wünschenswert ist, bietet es in diesem speziellen Fall die Möglichkeit, sich das Buch in lehrbuchuntypischer Art und Weise zu erschließen. Denn bereits durch das ausschließliche Lesen stellt sich hier ein Wiederholungs- und Erinnerungsprozess ein, ohne dass es auf den Lehrbüchern wohl sonst zumeist immanenten Erarbeitungsprozess in Form von eigenen Notizen und Zusammenfassungen ankäme. Geschuldet ist dieser Lernprozess sicherlich nicht zuletzt aber auch dem von Natur aus sehr eindrücklichen und allgemeinpolitisch geprägten Thema.

Nichtsdestotrotz finden sich aber auch viele Passagen, die sehr juristisch ausgeprägt sind. Zu erwähnen sind zum Beispiel die Kapitel zu den Rechtsquellen und den Auslegungsmethoden. Darüber hinaus werden auch Gebiete aus dem Europarecht, wie exemplarisch die Notwendigkeit eines Zustimmungsgesetzes in den Fällen des Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG und die direkten Auswirkungen des Völkerrechts wie zum Beispiel die Geltung der EMRK im nationalen Recht erläutert.

Besonders hervorzuheben sind die vielen aktuellen und häufig internationalen Fälle, die den Lesern zum Teil schon bekannt sein werden und deren rechtliche Einordnung das gesamte Rechtsgebiet sehr anschaulich macht. Viele der dabei verwendeten Zitate werden sogar in der Originalfassung (in der Regel Englisch) gebracht.

Teilweise muss man, wohl auch aufgrund der Redundanz, jedoch Abstriche in der strukturierten Gliederung des Buches machen. Häufig werden auch sehr lange Verweise in Klammern in die Sätze eingeschoben. Wenngleich es sich hierbei meist um nützliche Verweise handelt, erschweren sie dennoch die Lesbarkeit. Fußnoten hätten hier einen angenehmeren Effekt erzielt.


Insgesamt ist das Buch jedoch ausgesprochen gut geschrieben und lässt abschnittsweise den Lehrbuchcharakter kaum noch erkennen. Es kann daher über die benannte Zielgruppe hinaus tatsächlich eine klare Empfehlung für jeden thematisch interessierten Leser gegeben werden! Für Jurastudenten ist zudem darauf hinzuweisen, dass Völkerrecht zwar in dem hier enthaltenen Umfang in den Examina (abgesehen vom Schwerpunkt) nicht abgefragt wird, aber in seinen Grundzügen gerade für das Öffentliche Recht von immenser Bedeutung ist, welcher dieses Buch ausgesprochen gut gerecht wird.