Donnerstag, 29. September 2016

Rezension: Die mündliche Prüfung im ersten juristischen Staatsexamen – zivilrechtliche Prüfungsgespräche

Petersen, Die mündliche Prüfung im ersten juristischen Staatsexamen – zivilrechtliche Prüfungsgespräche, 3. Auflage, de Gruyter 2016

Von cand. iur. Andreas Seidel, Göttingen



Der Ablauf und die Aufgabenstellung in der mündlichen Prüfung des ersten juristischen Staatsexamen unterscheiden sich deutlich von den Anforderungen, die eine Klausur an den Prüfling stellt. Der Prüfling ist durch das Studium und die Examensvorbereitung gut auf den Prüfungstyp der Klausur eingestellt. Er durchlief zahlreiche Klausuren bis er in die Examensvorbereitung gelangt ist und meistens weitere zahllose Übungsklausuren während der Vorbereitung für das Examen. Jedoch dürfte den meisten Kandidaten die mündliche Prüfung weitestgehend unbekannt sein. Zwar bietet das Abitur die Möglichkeit, diesen Prüfungstyp kennen zu lernen, jedoch beginnt für den angehenden Juristen nach der Absolvierung der Pflichtfachklausuren Neuland und er muss sich auf veränderte Rahmenbedingungen einstellen. Da wundert es nicht, dass es mittlerweile Lehrbücher gibt, die sich mit diesen veränderten Anforderungen auseinandersetzen.

Dabei scheint es bei der Durchsicht verschiedener Lehrbücher zwei Strömungen zu geben: Zum einen besteht die Möglichkeit, juristisches Allgemeinwissen in kurzen Frage-Antwort-Sequenzen zu vermitteln. Dies kommt häufig in anderen Lehrbüchern zu kurz, wird aber von vielen Prüfern vorausgesetzt und gerne zu Beginn einer Prüfung als Einstieg benutzt (so etwa Pötters/Werkmeister, Basiswissen Jura für die mündliche Prüfung). Zum anderen wird versucht, die mündliche Prüfung möglichst genau abzubilden, damit der Kandidat einen Einblick in die Atmosphäre bekommt und sich auf die Umstände und Aufgabenstellungen einstellen kann (so etwa das vorliegende Lehrbuch von Petersen).

Dazu hat der Autor im hier besprochenen Lehrbuch zehn Prüfungsgespräche verfasst, die die Umstände in der zivilrechtlichen Prüfung darstellen sollen (leider hat es der Autor versäumt, im Inhaltsverzeichnis die Themen der Prüfungsgespräche zu nennen, deshalb nun an dieser Stelle der Hinweis: 1. Gespräch: BGB AT, Anfechtung einer betätigten Innenvollmacht; 2. Gespräch: Ansprüche aus GoA bei nichtigen Verträgen; 3. Gespräch: Deliktsrecht, insb. Gefährdungshaftung; 4. Gespräch: Bereicherungsrecht, insb. Nichtleistungskondiktion; 5. Gespräch: Veräußerung einer fremden Sache durch einen Minderjährigen; 6. Gespräch: Hypothekenrecht; 7. Gespräch: Familienrecht; 8. Gespräch: Erbrecht; 9. Gespräch: ZPO, insb. Zwangsvollstreckungsrecht; 10. Gespräch: Gesellschaftsrecht, insb. Vereinsrecht; im Anschluss daran finden sich noch nähere Informationen zum Vortrag im Rahmen der mündlichen Prüfung). Petersen hat zwar versucht, so nah an den Originalumständen einer mündlichen Prüfung zu bleiben wie nur möglich, jedoch mussten dort verschiedentlich Abschläge in der Authentizität hingenommen werden. So wurde etwa die Form eines Zwiegesprächs zwischen Prüfer und Kandidat gewählt, sodass die anderen Mitprüflinge außen vor bleiben. Jedoch wird an verschiedenen Stellen darauf hingewiesen, dass an diesen Punkten in der Prüfung der nächste Prüfling gefragt worden wäre. Insgesamt belaufen sich diese Prüfungsgespräche auch nicht über die volle Dauer einer mündlichen Prüfung, vielmehr dürften die Sequenzen nur ca. fünf bis sieben Minuten ausmachen, sodass ein gesamtes Prüfungsgespräch nicht abgebildet wird. Petersen ist es aber nichtsdestotrotz durch Kürzungen gelungen, ein umfassendes Prüfungsgespräch abzubilden, dass zunächst einfachere Fragen und zum Schluss ein anspruchsvolles Rechtsgespräch bietet, in dem der Prüfer an einigen Stellen Hilfestellungen gibt und an anderen Stellen nachfragt, wenn eine Antwort zu ungenau war. Ein großes Plus dieses Buches liegt jedoch in einer Entfremdung des Originals: Der Kandidat antwortet nie falsch, sodass der Student mit Hilfe dieses Werkes auch inhaltlich repetieren kann. Der Autor schreibt zwar, dass dadurch der Prüfling an einigen Stellen einen rechthaberischen und unsympathischen Eindruck erwecken würde (vgl. S. 18), dies ist jedoch weniger problematisch als sich der Gefahr von falschen Antworten auszusehen, die im „besten“ Fall nur verwirren aber im schlimmsten Fall zu verkehrten Überzeugungen auf Seiten des Rezipienten führen können.

Dabei wird der Leser nicht mit den Antworten alleine gelassen, sondern es werden häufig Einschübe durch den Autor vorgenommen, in denen er das Prüfungsgespräch erläutert, geschicktes oder ungeschicktes Vorgehen hervorhebt oder einen Einblick in die Gedankenwelt des Prüfers bietet. Doch nicht nur hier, auch im ersten Teil des Buches liefert Petersen viele Zusatzinformationen über die mündliche Prüfung und die Vorbereitung auf diese, sodass Ängste abgebaut werden können.


Somit bietet der Autor viele Hilfestellungen, die gerade im Hinblick auf die veränderten Anforderungen an die Bearbeitung der Aufgabenstellungen in der mündlichen Prüfung hilfreich sind und Ängste bzw. Unbehagen abzubauen. Dies gelingt Petersen ausgezeichnet durch seine langjährige Erfahrung als Prüfer, sodass durch die Lektüre wertvolles Wissen verschafft werden kann, das im Hinblick auf die Relevanz der mündlichen Prüfung entscheidend sein kann. Daher kann an dieser Stelle eine umfassende Leseempfehlung ausgesprochen werden für all jene, die sich momentan auf die mündliche Prüfung des ersten juristischen Staatsexamens vorbereiten.