Mittwoch, 7. September 2016

Rezension: Grundlagen des Wirtschaftsprivatrechts

Richter, Grundlagen des Wirtschaftsprivatrechts. Falllösungstechnik, Gesetzliche und rechtsgeschäftliche Schuldverhältnisse, 1. Auflage, Vahlen 2016

Von Rechtsanwalt Sebastian Schechinger, LL.M., München



Das Buch unterscheidet sich – ganz bewusst – von der üblichen Studienliteratur zum Wirtschaftsprivatrecht. Es ist als „Workbook, Arbeitsbuch, Selbstlernwerkzeug, E-Learning Grundlage oder Blended Learningtool“ konzipiert, wie das Vorwort eingangs erläutert.

Dieser Ansatz verlangt eine kurze Erläuterung: Ziel des Werks ist es dem Lernenden zu ermöglichen, sich effizient und selbstbestimmt in die Materie einzuarbeiten. Hierbei soll es „Fahrplan“ beziehungsweise Anleitung zu den verschiedenen Möglichkeiten sein, über die der jeweilige Studierende dann selber entscheiden kann. Blended Learning ist ein Ansatz, der die klassischen Methoden mit den Möglichkeiten des Internets vernetzen will. Verschiedene Lernmethoden und Medien werden hierbei miteinander verknüpft. Es wird auch der Begriff integriertes Lernen verwendet. Das Werk ist also nicht lediglich als ein Lesebuch gedacht, sondern erfordert ein aktives Mitarbeiten des Studierenden. So etwa wird der Leser gleich zu Beginn aufgefordert in einem Rechtslehrbuch oder dem Internet nach Begriffserklärungen zum Stichwort „Recht“ zu forschen (S. 5). Sehr erfreulich ist hierbei die umfangreiche und zum Buch synchrone Linksammlung, die sich auf einer eigenen Internetseite zum Buch findet (www.vahlen.de/workboox). Im Buch werden die Links nur in Kurzform wiedergegeben. Dagegen werden die Links in vollständiger Länge auf der Internetseite dargestellt. Der interessierte Studierende setzt sich also am besten mit dem Buch vor seinen Computer und kann dann unschwer und schnell die Fundstellen (Texte und Videos) aufsuchen. Weiterhin ist eine App in Vorbereitung.

Es ist nicht alles allein selbst zu erarbeiten. So wird etwa die Anfechtung sowohl mit konkreten Fallbeispielen als auch mit einer umfassenden inhaltlichen Darstellung behandelt (S. 205 ff.): Auf eine kleine Fallsammlung – unter diesen der berühmte Klopapierrollen-Fall bei dem eine Bestellung von 25 Gros Rollen erfolgt, was zu der überraschenden Lieferung von 3.600 Rollen Toilettenpapier führt (25 x 12 x 12 = 3.600) – folgt zuerst eine abstrakte inhaltliche Vorstellung des Stoffes. Anschließend werden die Fälle gelöst, gefolgt von weiteren Ausführungen.

Unterteilt ist das Buch in zwei Module. In dem ersten Modul wird die Falllösungstechnik erläutert. In dem folgenden zweiten Modul wird diese dann anhand 60 weiterer Fälle vertieft, wobei die Fälle gesetzliche und rechtsgeschäftliche Schuldverhältnisse behandeln.

Das erste Modul beginnt dabei mit einer sehr fundamental angesetzten Grundsteinlegung, indem es zuerst auf den Begriff des Rechts eingeht und dann das Wesen des Wirtschaftsprivatrechts erläutert (1. und 2. Kapitel). Der ambitionierte Ansatz ein grundlegendes Verständnis zu schaffen, wird hier etwa auch daran deutlich, dass in diesem Rahmen ein kurzer Ausflug auch zu den Begriffen Öffentliches Wirtschaftsverwaltungsrecht, Gerichtsverfassungsrecht und Vollstreckungsrecht erfolgt (2.3 Kapitel, Teilbereich 5 – 7). Konkret auf Falllösungstechnik gehen dann die folgenden Kapitel ein, welche hierbei das Dresdner Schema zugrundlegen. Mit diesem Schema erfolgt in sieben Schritten die Falllösung, beginnend mit Sachverhaltserfassung, Brainstorming und einer Fallskizze, die dann nach fünf Zwischenschritten in die praktische Formulierung mündet.

Modul 2 widmet sich dann der Falllösung und dem Unterricht anhand kurzer Fälle. Es beginnt mit den gesetzlichen Schuldverhältnissen – hier werden behandelt unerlaubte Handlungen und die Gefährdungshaftung (1. Kapitel). Es folgt dann, weitaus umfangreicher, die Behandlung der rechtsgeschäftlichen Schuldverhältnisse. Auch hier erfolgt wieder ein großer Rundumschlag: behandelt werden bei dieser Gelegenheit etwa auch die Stellvertretung (3. Kapitel), Formvorschriften (4. Kapitel) und die Absicherung der Schuldverhältnisse (7. Kapitel). Vielfach werden diese Themengebiete den Vorlesungen zum Allgemeinen Teil des BGB und etwa dem Sachenrecht zugeordnet, nicht aber denen des Wirtschaftsprivatrechts. Dies muss aber keineswegs ein Schaden sein, erhält der Leser hierdurch einen Überblick über die großen Zusammenhänge.

Der Stoff wird auf 338 Seiten behandelt; Modul 1 macht hiervon 121 Seiten aus. Gemeinsam mit Vorwort, Inhaltsverzeichnis und Sachverzeichnis kommt das Werk auf über 360 Seiten. Passend zu dem Blended Learning Ansatz ist der Drucksatz sehr bewegt. Zahlreich ist die Schrift fett hervorgehoben, erfolgen Auszählungen, gibt es Kästchen, Balken, das Ganze immer wieder durchbrochen von zahlreichen Überschriften. Das Auge wird somit nicht müde und die Überschriften und der Fettdruck ermöglichen ein rasches Auffinden von Stichwörtern und schaffen Struktur. Die Sprache ist durchwegs gut verständlich und der Studierende wird direkt angesprochen. Das Werk ist somit gut lesbar. Der Preis beträgt 19,80 Euro, ist also günstig, zumal der Leser zusätzliche umfangreiche Online-Leistungen zum Buch erhält.

Der Verfasser, Professor Dr. Thorsten S. Richter, ist Hochschullehrer und E-/Blended-Learning-Beauftragter für Wirtschaftsrecht der Fakultät Wirtschaftswissenschaften der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Einsatz der neuen Online-Medien bei der Wissensvermittlung.


Dies mag dann auch den besonderen Ansatz des Werks erklären. Anders als die verbreitete Literatur zum Wirtschaftsprivatrecht beziehungsweise zum allgemeinen und besonderen Schuldrecht ist dieses Buch auch als Arbeitsbuch konzipiert. An einigen Stellen erfolgt eine Abhandlung von Thematiken die zwar sehr relevant sind, herkömmlich aber eben nicht dem Wirtschaftsprivatrecht zugeordnet werden. Somit ist das Buch eine Bereicherung für die Lehrbuch-Landschaft: Es bietet die Möglichkeit eines weitgehend eigeninitiativen Studiums anstelle einer passiven Lektüre. Wer aktiv mitdenkend einen Einblick in die Materie erhalten möchte, ist mit diesem „Selbstlernwerkzeug“ (Vorwort) also gut aufgehoben.