Sonntag, 18. September 2016

Rezension: Psychologie im Familienrecht

Tewes, Psychologie im Familienrecht – zum Nutzen oder Schaden des Kindes?, 1. Auflage, Springer 2016

Von RAG Dr. Torsten Obermann, Münster



Das Buch, das sich vor allem an Familien richtet, die in familiengerichtlichen Verfahren verfangen sind oder dies zu werden drohen, setzt bei dem Gefühl des Ausgeliefertseins an, unter welchem Familien im Rahmen einer Begutachtung häufig leiden, und welches durch die in den letzten Jahren auch öffentlich stark in den Fokus gerückten Kritik an der Qualität der Arbeit der psychologischen Sachverständigen noch verstärkt wurde.

Um es vorweg zu nehmen: Das Buch erweist sich als eine ausgewogene Darstellung und für die Beteiligten als wertvoller Leidfaden zu einer befriedigenden Krisenbewältigung. Keineswegs handelt es sich um eine grundlegende „Abrechnung“ mit dem System der familienpsychologischen Begutachtung.

Der Autor, emeritierter Professor für Psychologie und selbst für mehr als vier Jahrzehnte forensischer Gutachter, legt ein auch für Laien gut verständlich geschriebenes, dabei aber wissenschaftlich psychologisch und rechtlich fundiertes Buch vor. In den drei einleitenden Kapiteln werden die grundlegenden rechtlichen und psychologischen Konzepte in Kindschaftssachen, die am Konflikt beteiligten Akteure mit ihren Rollen und Möglichkeiten zur Intervention vorgestellt. Herzstück des Buchs ist dann das vierte Kapitel, in welchem den Eltern „eigenverantwortliches Handeln und Mitdenken“ bei der Begutachtung ermöglicht werden sollen. Hieran schließen sich die Behandlung hochkonflikthafter Beziehungen und schließlich Fragen der Inobhutnahme von Kindern an.

Zentrales Anliegen des Buches ist es, den betroffenen Eltern ein Verständnis für die psychologischen Hintergründe der Konflikte, der Lösungsstrategien und der damit jeweils verbundenen „Risiken und Nebenwirkungen“ zu ermöglichen. Checklisten bieten dabei auch die Möglichkeit, die eigene Rolle im Verfahren zu überdenken. Unter Auswertung der juristischen Diskussion sowie der aktuellsten psychologischen Forschungsergebnisse werden die Chancen und Risiken verschiedener psychologischer Herangehensweisen diskutiert. So wird insbesondere auf die Darstellung von Hintergründen, Verfahrensweisen, Möglichkeiten und Grenzen von lösungs- bzw. entscheidungsorientierter Vorgehensweise, verschiedener Testverfahren, projektiver Analyseverfahren, Interaktionsbeobachtungen etc. großer Wert gelegt. Den Eltern werden Gestaltungsmöglichkeiten vor, während und nach der laufenden Begutachtung aufgezeigt. Dies geht hin bis zu dem Ratschlag in gewissen Konstellationen die (weitere) Teilnahme an der Begutachtung zu verweigern.

Insgesamt ist das Buch hervorragend geeignet, das einleitend beschriebene Gefühl des Ausgeliefertseins zu vermindern und die Eltern in die Lage zu versetzen, dem Sachverständigen auf Augenhöhe zu begegnen.

Die vom Autor übersichtlich dargestellten aber stets umfassend belegten und überzeugend begründeten „Risiken und Nebenwirkungen“ der verschiedenen Methoden von Sachverständigen können aber auch das Gericht in die Lage versetzen, das Vorgehen des Gutachters zu steuern, zu überwachen und zu bewerten.


Insgesamt ist das gut 160 Seiten starke Werk für alle Eltern, die in einen familiengerichtlichen Streit „um die Kinder“ hineingezogen zu werden drohen genauso einschränkungslos zu empfehlen wie für Familienrichter und –anwälte, die die Verantwortung für das Verfahren im Interesse der Beteiligten nicht an Sachverständige delegieren sondern dieses selbst mitgestalten wollen.