Freitag, 2. September 2016

Rezension: Psychologische Sachverständigengutachten im Familienrecht

Castellanos / Hertkorn, Psychologische Sachverständigengutachten im Familienrecht, 2. Auflage, Nomos 2016

Von RAG Dr. Torsten Obermann, Münster



In den letzten Jahren ist die Rolle des familienpsychologischen Sachverständigen sowohl in der familienrechtlichen Diskussion als auch in den allgemeinen Medien stark in den Fokus gerückt worden. In der Praxis hat dies zu einer weitreichenden Verunsicherung nicht nur der betroffenen Familien sondern auch der im Familienrecht tätigen Juristen geführt. In dieser Krise übernimmt das vorliegende Werk, das nunmehr in der zweiten, aktualisierten Auflage erschienen ist, die Rolle eines Wegweisers.

Das insgesamt 250 Seiten starke Buch untergliedert sich in vier große Teile. Im ersten Teil werden allgemein die rechtlichen, formalen und psychologischen Grundlagen der Begutachtung zusammengefasst. In diesem Rahmen werden Kindes- und Elternrechte vorgestellt, die für die Erstellung von Gutachten erforderlichen Qualifikationen erörtert, die maßgeblichen psychologischen Kriterien auf Eltern- und Kindebene herausgearbeitet und die möglichen diagnostischen Ansätze beschrieben und bewertet. Der zweite Teil gibt einen Überblick über die Begutachtung in streitigen Sorgerechtsverfahren zwischen den Eltern, der dritte umfasst Verfahren vor dem Hintergrund einer Kindeswohlgefährdung und der vierte stellt die Aufgaben des Sachverständigen in Umgangsstreitigkeiten dar.

Die Besonderheit des Buchs ist, dass – ausgehend von den Kapiteln vorangestellten Fällen aus der Praxis – die sich in psychologischer Hinsicht stellenden Fragen erarbeitet, Möglichkeiten der Diagnose aufgezeigt, psychologische Hintergründe der Probleme aufgezeigt und davon ausgehend kindgerechte Interventionsvorschläge aufgezeigt werden. Gerade der letztere Schritt macht das Werk insbesondere auch für im Familienrecht tätige Anwälte und Richter interessant, die oft vor einem für sie unübersichtlichen Angebot an Hilfen für die Eltern stehen und auswählen müssen, welche dieser Hilfen im konkreten Fall angemessen und erfolgversprechend ist. Besonders dankbar ist insoweit die Darstellung der Symptomatik forensisch relevanter psychischer Erkrankungen, Möglichkeiten der Diagnose und Heilung, der Auswirkungen auf die Erziehungsfähigkeit und bestehender Interventionsmöglichkeiten.

Inhaltlich gelingt es den Autorinnen, beide erfahrene Sachverständige für forensische Psychologie, das Werk auf dem aktuellsten Stand sowohl der familienrechtlichen Diskussion als auch der psychologischen Forschung zu halten. Der Text ist durchgehend hervorragend lesbar, der Aufbau logisch und übersichtlich. Großer Wert wird zudem auf eine Darstellung der aktuellen Diskussion um Qualitätsstandards gelegt. Dem Charakter des Buches als Kurzdarstellung geschuldet muss man allerdings für vertieften Einblick in die Zusammenhänge und in die Hintergründe der Forschung auf die (umfangreich) zitierte Literatur zurückgreifen.


Natürlich macht das Buch aus Juristen keine psychologischen Sachverständigen; aber seine Lektüre ermöglicht das informierte Nachvollziehen der Ausführungen des Sachverständigen und damit das Stellen kritischer Fragen zu seinen gewählten Diagnosewerkzeugen, Rückschlüssen und Empfehlungen. Hierdurch besteht einerseits die Möglichkeit zugunsten der Kinder die Qualität der Gutachten zu verbessern. Andererseits kann so der Eindruck des Gutachters als „heimlicher Richter“ vermieden werden, was wiederum zu einer größeren Akzeptanz der in familienverfahren letztlich unverzichtbaren psychologischen Sachverständigengutachten führen kann. Letztlich kann das schmale Werk auf für Sachverständige ein wertvoller Begleiter für einen schnellen ersten Zugriff auf die im Rahmen der Begutachtung auftauchenden Fragestellungen sein.