Samstag, 1. Oktober 2016

Rezension: Gesellschaftsrecht

Bitter / Heim, Lehr- und Fallbuch zum Gesellschaftsrecht, 3. Auflage, Franz Vahlen 2016

Von Jan Bley, Göttingen



Das in der 3. Auflage im Jahr 2016 erschienene Lehr- und Fallbuch zum Gesellschaftsrecht wurde verfasst von den Professor Georg Bitter und Rechtsanwalt Sebastian Heim. Unterteilt ist das Werk zunächst in Teil 1 und Teil 2. Teil 1 umfasst die wesentlichen Inhalte des Gesellschaftsrechts in der Form eines Kurzlehrbuchs. Teil 2 behandelt viele wichtige Problemfelder in Fällen. Weiter unterteilt ist das Lehr- und Fallbuch nach 13 §§. Hierbei bilden die §§ 1 bis 8 das Lehrbuch und die §§ 9 bis 13 das Fallbuch.

§ 1 beinhaltet eine mit neun Seiten relativ knappe aber gut übersichtliche Einführung. Die einführende Tabelle in Rn. 23 bietet einen kurzen Überblick über alle relevanten Gesellschaftsformen und ist damit dem grundlegenden Verständnis des Gesellschaftsrechts besonders dienlich. Im Folgenden ist das Buch von § 2 bis § 8 nach den behandelten Gesellschaftsformen unterteilt. Diesem Grobschema folgt auch das Fallbuch in Teil 2. Hierbei wird – entgegen der verbreiteten Vorgehensweise im Studium – mit den Körperschaften (Verein, AG und GmbH) begonnen und danach mit den Personengesellschafen (GbR, oHG, KG und PartG) fortgefahren. Dieser Aufbau wird damit begründet, dass die klare Trennung zwischen Gesellschaftsvermögen und persönlichem Vermögen der Gesellschafter bei den Körperschaften für Studenten leichter begreifbar sei und daher zuerst behandelt werden müsse. Ob diese Beobachtung tatsächlich zutrifft, soll dahingestellt sein. Jedenfalls aber ist das Buch sehr gut zu handhaben, da die einzelnen §§ stringent strukturiert sind. So wird stets mit Grundlagen begonnen, um dann zu Problemen der Entstehung, zu Haftungsfragen etc. zu kommen. Wo sich ein paralleler Aufbau anbietet, wird dieser auch konsequent verfolgt (bspw. lauten bei § 3 zur AG und § 4 zur GmbH jeweils die ersten drei Unterpunkte I. Grundlagen, II. Die Gründung und III. Die Organisation), was dem unbedingt notwendigen Grundverständnis und der Einordnung der verschiedenen Probleme in das „Große Ganze“ sehr förderlich ist. Als kleiner Malus ist festzuhalten, dass ein § nicht immer mit einer neuen Seite beginnt. Dies ist bspw. bei § 4 der Fall und erschwert es, schnell das gesuchte Kapitel zu finden. Überdies sind im gesamten Werk lediglich vereinzelt wichtige Begriffe dick hervorgehoben – hier wäre es wünschenswert, eine größere Anzahl an Begriffen hervorzuheben. Dies würde eine stichwortgeleitete Suche erleichtern.

Das Grundprinzip, ein Lehrbuch und ein Fallbuch zu kombinieren und hierbei klar zwischen Teil 1 (Lehrbuch) und Teil 2 (Fallbuch) zu trennen, ist eine überzeugende Idee. So ist es möglich, das gesamte Lehrbuch durchzuarbeiten und anschließend anhand des Fallbuchs den jeweiligen Kenntnisstand zu überprüfen. Aufgrund des in sich verständlichen Aufbaus eines jeden § kann jedoch auch lediglich ein § bearbeitet und sodann im entsprechenden § des Fallbuchs abgeprüft werden.

An schwierigen und wichtigen Stellen sind in Teil 1 bereits Fallbeispiele (z.B. § 4 Rn. 32 zur Qualifizierung einer Vorgründergesellschaft bei der GmbH) und Graphiken (z.B. § 3 Rn. 202 zur Kapitalerhöhung bei der AG) eingeflochten. Die Verzahnung von Lehr- und Fallbuch wird dadurch gefördert, dass zudem an zahlreichen Stellen in Teil 1 auf einen Fall in Teil 2 verwiesen wird, der sich mit der dargestellten Thematik befasst (bspw. verweist § 6 Rn. 59 auf Fall 36 zum Thema des Ausscheidens eines Gesellschafters aus der oHG). An diesem Fall ist auch exemplarisch, dass das Niveau der Fälle gemessen an dem Pflichtfachstoff als eher gehoben zu bezeichnen ist, da über die Grundfragen hinaus (Hier: was passiert, wenn ein Gesellschafter aus der oHG austritt?) häufig vertiefte Fragestellungen (Hier: Was passiert, wenn eine AG die Anteile des ausscheidenden Gesellschafters kaufen möchte?) mitbehandelt werden. Dies scheint auf den ersten Blick – gerade den lernökonomisch denkenden Jurastudenten im Blick – zu viel zu sein. Jedoch zeigt das Fallbuch für die Examensklausur realistische Konstellationen, da sie mit dem Transfer des Grundwissens gelöst werden können.

Dem Verständnis dienend wird sich in den Fußnoten meist auf das Notwendigste beschränkt. Teilweise werden hingegen auch speziellere oder weitergehende Fundstellen (bspw. Teil 1 Fn. 319 hinsichtlich den Grundsätzen zum unternehmensbezogenen Rechtsgeschäft) genannt, was die vertiefende Lektüre erleichtert und daher sehr nützlich ist.

Die Änderungen gegenüber der Vorauflage sind im Vorwort detailliert aufgelistet und mit der entsprechenden Fundstelle versehen: „Einführung der Frauenquote für die Organe der AG (§ 3 Rn. 53, 80), das Delisting (§ 3 Rn. 95), die Einziehung (§ 4 Rn. 95), und die Geschäftsführerhaftung (§ 4 Rn. 147 ff.) bei der GmbH, den Rangrücktritt zur Vermeidung der Überschuldung (§4 Rn. 273), die persönliche Haftung von GbR-Gesellschaftern (§ 5 Rn. 84 ff., 108, § 7 Rn. 46), die Inanspruchnahme von Mitgesellschaftern für Drittansprüche (§ 5 Rn. 61) sowie die Kapitalerhaltung bei der GmbH und Co. KG (§ 7 Rn. 61).“ Dies ist eine hervorragende Möglichkeit, sich gezielt einen Überblick über Novellierungen zu verschaffen.

Das Gesellschaftsrecht zählt zwar zum allgemeinen Prüfungsstoff des juristischen Staatsexamen, wird jedoch von vielen Studenten gescheut und allenfalls sehr oberflächlich behandelt. Umso lobenswerter ist es, dass der Bitter/Heim durch einfachen und deutlichen Syntax die Materie verständlich und interessant darstellt. Das Buch ist vor allem an den Bedürfnissen der Studenten orientiert und behandelt daher auch im Wesentlichen diejenigen Inhalte, welche für die schriftliche Pflichtfachprüfung im ersten Staatsexamen notwendig sind. Jedoch sind auch Inhalte umfasst, die nicht zum Pflichtfachstoff gehören, wie z.B. § 3 zur AG oder die Kapitalerhaltung der GmbH (§ 4 Rn. 224 ff.). Dies mag zwar eine gute Grundlage für alle sein, die an einer (zur Vorbereitung auf den Schwerpunktbereich) vertieften Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftsrecht interessiert sind, kann aber auch auf den oben bereits erwähnten lernökonomisch denkenden Studenten abschreckend wirken.


Das Grundkonzept ist wie aufgezeigt stimmig und insbesondere die im Vorwort aufgelisteten Neuerungen sind absolut sinnvoll. Der Umfang des Buches ist mit 385 Seiten für den durchschnittlichen Examenskandidaten wohl zu groß, jedoch können aufgrund der gut sortierten Unterkapitel auch einzelne Inhalte sinnvoll bearbeitet werden. Der Preis ist mit 24,90 € sehr überschaubar, weshalb der Bitter/Heim zumindest für die Einarbeitung in den gesellschaftsrechtlichen Schwerpunkt absolut empfehlenswert ist.