Donnerstag, 10. November 2016

Rezension: Bilanz – lesen und verstehen

Koss, Bilanz – lesen und verstehen, 1. Auflage, C.H. Beck 2016

Von Dr. Torsten Obermann, RAG, Münster



Auch dem mit nicht spezifisch wirtschaftlich vorgebildeten Juristen fällt über kurz oder lang eine Bilanz in die Hände – sei es zur Feststellung einer Unterhaltspflicht im Familienrecht oder zur Einschätzung der Liquidität eines Schuldners. Da die allgemeine juristische Ausbildung Fragen der Buchführung und Rechnungslegung nur am Rande streift, ist eine derartige Begegnung in der Regel mit der Sorge verbunden, dass sich die Schwierigkeit, einen Zugang zu finden, als dauerhaftes Problem entpuppt. Gerade der Abbau von diesen Ängsten ist ein zentrales Anliegen des Werks. Nicht umsonst widmet der Autor es insbesondere interessierten Lesern, die nicht glauben wollen, dass Bilanzierung Hexenwerk sei und nur von Magiern verstanden werden könne.

Bei der Vermittlung seines umfassenden Wissens geht der Autor schwungvoll zu Werke. Hier ist jederzeit zu spüren, dass er nicht nur aufgrund seiner Ausbildung als Jurist und Betriebswirt über profunde Kenntnisse verfügt, sondern diese zudem – wohl auch aufgrund seiner Erfahrungen als Journalist und Dozent – in hervorragender Weise vermitteln kann. Seine Freude an der Darstellung wirtschaftlicher Sachverhalte vermittelt sich beim Lesen, sodass die Lektüre tatsächlich neben Erkenntnisgewinn ungeheuren Spaß macht, was man bei einem Buch über Bilanzen vielleicht zunächst eher nicht erwarten würde.

Dem Verfasser gelingt es, komplexe buchhalterische Fragestellungen nicht nur sprachlich präzise sondern auch gut lesbar zu vermitteln. Optisch wird das Buch z.B. durch gesondert gekennzeichnete Checklisten und Merksätze sowie Kapitelzusammenfassungen übersichtlich gegliedert. Inhaltlich sorgen Beispielsfälle aus der Presse für Anschaulichkeit und lockern die Lektüre zusätzlich auf. Optisch hervorgehoben werden auch Beispiele für Buchungen und Bilanzen. Hervorgehobene Überschriften und Aufzählungen sowie ein ausführliches Inhalts- und Sachverzeichnis garantieren einen guten Überblick.

Inhaltlich widmet der Autor sein Augenmerk besonders zwei Gegenständen. Dies betrifft einerseits Hintergrundwissen zu konkurrierenden nationalen und internationalen Rechnungslegungsstandards. Mit viel Freude wird geschildert, wie die unterschiedlichen Rechtstraditionen z.B. im deutschen und im amerikanischen Raum das Verfahren zur Entwicklung von Rechnungslegungsstandards beeinflusst haben und wie die unterschiedliche Orientierung der Märkte, insbesondere die unterschiedlichen Interessen der Kapitalgeber, deren Inhalt prägt. Unternehmen in Deutschland werden i.d.R. über die Hausbank finanziert. Das Kreditinstitut als Fremdkapitalgeber ist maßgeblich an einer langfristigen Sicherung von Zins und Tilgung interessiert. Hohe Gewinnausschüttungen gefährden dieses Ziel, welches dagegen für die in Amerika wichtigeren Eigenkapitalgeber an der Börse von besonderem Interesse ist. Deren Interesse ist daher auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Der Zusammenhang dieser Konflikte mit dem Streit um internationale Standards ist im Zuge von Globalisierung und allseitigen Harmonisierungsbestrebungen von großem Interesse.

Andererseits widmet sich das Buch schwerpunktmäßig der Erklärung von Informationen, die außerhalb der eigentlichen Bilanz, z.B. im Anhang oder im Lagebericht, zu finden sind. Hier zeigt das Werk auf, wie sich aus – häufig offen zugänglichen aber kaum beachteten – Informationen problemlos Kennziffern errechnen lassen, die z.B. für Investitionsentscheidungen oder über Geschäftspartner aufschlussreich sind. Die Begeisterung des Autors für derartige Sachverhalte ist geradezu mitreißend.


Nicht verschwiegen werden soll jedoch, dass das eigentliche Titelthema, das Lesen und Verstehen von Bilanzen, nur einen kleineren Teil des Buches bildet. Der Buchführung im engeren Sinne – elektronische und händische Buchung von Geschäftsvorfällen – und der Erstellung der Bilanz an sich sind v.a. das zweite und der erste Teil des dritten Kapitels gewidmet (S. 21 – 75 des knapp 300 Seiten starken Werks). Entsprechend setzen diese knappen Ausführungen durchaus schon einige Vorkenntnisse aus diesem Bereich voraus, die das Allgemeinwissen wohl übersteigen dürften.