Mittwoch, 9. November 2016

Rezension: Organisierte Kriminalität 3.0

Sinn, Organisierte Kriminalität 3.0, 1. Auflage, Springer 2016

Von Patricia Popp, Wiesbaden



Die „Organisierte Kriminalität“ (OK) ist ein Phänomen, das neben dem Terrorismus die deutsche und internationale Kriminalpolitik beschäftigt und beherrscht. Es gibt zwar viele Bemühungen der Wissenschaft, der Strafverfolgungsbehörden und einiger empirischer Studien, allerdings herrscht weiterhin viel Ungewissheit über das Ausmaß der OK, über ihre Strukturen und die Entwicklung in Deutschland. Aus diesem Grund hat sich der Strafrechtler Arndt Sinn aus Osnabrück dieser Thematik gewidmet. In seinem Werk Organisierte Kriminalität 3.0 nimmt er eine Standortbestimmung der jahrzehntelangen Verfolgung der OK in Deutschland vor.

Das Werk ist in sechs Kapiteln untergliedert und reicht von einer obligatorischen Einleitung über die rechtlichen Anknüpfungspunkte für eine OK-Verfolgung, die Verfolgungsstrategien gegen OK, bis hin zu einem Ausblick auf die Zukunft der OK. Insgesamt umfasst das Buch knapp 80 Seiten und befasst sich überwiegend mit einer Studie, die die polizeilichen Kriminalstatistiken mit Daten von 2012 bis 2014 berücksichtigt. Diese wurden zudem in den Kontext des international vorliegenden Datenmaterials und weiterer Untersuchungen gestellt. Arndt Sinn, der bereits für EUROPOL arbeitete, stellt sich die zentrale Frage, ob es im deutschen Strafgesetzbuch Defizite zur OK gibt und wie diese gegebenenfalls ausgeräumt werden könnten. Hierfür wirft Sinn auch einen Blick über die nationalen Grenzen hinaus und zeigt die Lage zur OK in anderen europäischen Staaten auf.

Zu Beginn gibt Sinn einen kurzen Überblick über den Begriff der OK, was den Einstieg in die Thematik äußerst erleichtert. Bei der OK geht es nämlich um ein diffuses Feld von Personengemeinschaften, Strukturen und Handlungsvollzügen, das zudem sehr komplex, verzweigt ist und in viele Kriminalitätsbereiche hineinreicht. Auch wird direkt zu Beginn konstatiert, wie schwierig es ist, die Entwicklung der OK nachzuzeichnen oder Prognosen zur OK zu erstellen. Dies liegt laut Sinn maßgeblich daran, dass häufig nur Experteninterviews und Befragungen als Grundlage für Studien oder Vorhersagen gedient haben. Dunkelfeldfelduntersuchungen beispielsweise sind in diesem Bereich methodisch nur schwer zu realisieren. Diese Gründe erschweren es, das Gesamtspektrum der Organisierten Kriminalität aufzuzeigen.

Nichtsdestotrotz wird zunächst die OK-Lage in Deutschland dargelegt. Hier zeigt sich beispielsweise, dass sich die Anzahl der OK Verfahren im Jahr 2014 in Deutschland auf 571 Verfahren belief und daher im Vergleich mit den Verfahrenszahlen aus den letzten Jahren stabil geblieben ist. Auch beim OK Potenzial weist Sinn auf einen Rückgang in Deutschland hin. Die Lage in der EU sieht hingegen weniger rosig aus, da hier ein Anstieg der OK zu verzeichnen ist. Der Autor prognostiziert unter anderem, dass Menschen- und Kokainhandel in den kommenden Jahren eine ernstzunehmende Gefahr für die EU darstellen werden. Sinn sieht die Ursachen für den Anstieg der OK vor allem in der hohen Flexibilität und Mobilität sowie der Internetnutzung und grenzüberschreitenden Arbeitsweise, die sich die Organised Crime Groups (OCGs) zu Nutze machen. Erstaunlich sind auch die klassischen und neuen Märkte aus denen die OK ihre Gewinne „erwirtschaftet“. Der illegale Handel mit und Schmuggel von Organen, Waffen oder Drogen, nukleare radiologische, biologische, chemische Substanzen, sowie verschreibungspflichtigen Pharmazeutika, bedrohten Tier- und Pflanzenarten, jede Form von Tabak, Kunstgegenständen oder Produktfälschungen aber auch die illegale Abfallbeseitigung oder Geldwäsche im großen Stil sind nur einige Beispiele, mit denen die OK ihre Geschäfte mitten in Europa betreibt. Die Reichweite dieser Schwarzmärkte ist unüberblickbar und beängstigend. Umso beunruhigender ist es, dass sich die Aufklärung von OK-Komplexen immer wieder als besonders zeit- und kostenintensiv erweist. Diesen Zustand kritisiert auch Sinn und weist zudem ganz offen darauf hin, dass dies mitunter an den großen Wahrnehmungsdefiziten der unterschiedlichen Statistiken in Deutschland und Europa liegt.

Im internationalen Verglich beschreibt der Autor dann die unterschiedlichen Lagen zur OK in Italien, Österreich, Polen und Ungarn und kommt zu dem Schluss, dass jedes Land seine eigene Vorgehensweise bei der Bekämpfung der OK hat. In diesen Vorgehensweisen kritisiert Sinn jedoch zahlreiche Widersprüche und Unklarheiten. Abschließend schlägt er deshalb für die zukünftige internationale OK Bekämpfung verschiedene Strategien vor. Diese belaufen sich etwa auf eine engere internationale polizeiliche Zusammenarbeit mittels Polizeikooperationsverträgen, einen besseren Informationsaustausch, verdeckte Ermittlungen aber auch auf die Technisierung der Zusammenarbeit und auf eine größere Einbeziehung der Zivilgesellschaft bei der Aufklärung von OK Straftaten. Nur auf diese Weise sieht Sinn die Möglichkeit für einen Fortschritt bei der OK Bekämpfung und die Chance alle Facetten der (wie er sie benennt) Organisierten Kriminalität 3.0 aufzudecken.


Abschließend ist nun festzuhalten, dass es sich bei der OK um ein Thema handelt, das die Allgemeinheit mehr betrifft, als sie es auf den ersten Blick vermuten würde. Die kriminellen Verhaltensweisen der OK sind enorm und verletzen nicht nur kollektive sondern auch Individualrechtsgüter. Daher ist es überaus ratsam, sich mit diesem Thema etwas eingehender zu beschäftigen. Organisierte Kriminalität 3.0 bietet hierfür einen guten Überblick. Das Buch lässt zwar anmuten etwas eintönig zu sein, da es sich doch viel mit Statistiken und Zahlen beschäftigt. Was aber wirklich alles hinter der OK steckt, eröffnet sich dem Leser erst während der Lektüre und ist überraschenderweise sogar spannend und durchaus lehrreich. Organisierte Kriminalität 3.0 ist daher kein Ersatz für einen echten Krimi (diesen Anspruch erhebt es verständlicherweise auch nicht), aber eine informative und lesenswerte Alternative.