Donnerstag, 19. Januar 2017

Rezension: Münchener Kommentar zum StGB - Band 1

Münchener Kommentar zum Strafgesetzbuch – AT (§§ 1 – 37), 3. Auflage, C.H. Beck 2017

Von RAG Dr. Torsten Obermann, Münster



In der dritten Auflage des Großkommentars zum StGB ist nunmehr der erste Band erschienen, dem die weiteren noch im kommenden Jahr folgen werden. Das bereits mit der ersten Aufgabe gesteckte hohe Ziel, „auf der Basis der präzise zusammengefassten höchstrichterlichen Rechtsprechung und zuverlässigen Wiedergabe der Literatur stets klare und praxisnahe Lösungsvorschläge und Entscheidungshilfen anzubieten“ wird auch in dieser Auflage konsequent weiter verfolgt.

Den Autoren gelingt es in hervorragender Weise, auf einem Fundament, das höchsten wissenschaftlichen Ansprüchen genügt, Lösungswege praxisgerecht aufzuzeigen. Dabei wird durchgehend auf höchste Aktualität geachtet: Der Stand von Literatur und Wissenschaft ist durchgehend bis August 2016 aber in Teilen auch darüber hinaus berücksichtigt. Dies ist schon an den Arbeiten am Fundament des Strafrechts, z.B. in der Kommentierung zu § 1 StGB aufzuzeigen: Ausgehend von einer ausführlichen Erläuterung des Bestimmtheitsgebots einerseits und des Analogieverbots andererseits in ihrer historischen Verwurzelung und theoretischen Bedeutung wird überzeugend harsche Kritik an dem Gesetzgeber, der sich durch die zunehmend weite Fassung von Tatbeständen mehr und mehr seiner Verantwortung entzieht, und an der Rechtsprechung, die dies akzeptiert und so entgegen der genannten Prinzipien häufig überhaupt erst das strafrechtlich missbilligte Verhalten maßgeblich umschreibt, geübt. Vor diesem wissenschaftlich ausgearbeiteten Hintergrund wird dann die aktuelle Diskussion um die Grenzen der Wahlfeststellung mit Blick auf die Praxis dargestellt.

Ähnlich werden bei der Darstellung des immer wieder praxisrelevanten § 20 StGB, aufbauend auf den ausführlichen Darstellungen zur Rolle der Schuld im Deliktsaufbau, unter Auswertung der neuesten Rechtsprechung und Literatur die einschlägigen Fallgruppen mit Blick einerseits auf ihre biologische Komponente, andererseits auf die normative Bewertung hin aufgegliedert dargestellt, wobei auch die Herausforderungen durch die neuere Hirnforschung ausgewertet werden. Hier findet sich alles, was der Praktiker für eine Beurteilung der maßgeblichen Situationen braucht: Berechnungsformeln, Checklisten von Indizien und Übersichten über die entschiedenen Konstellationen. Zu all dem wird die dahinter stehende Erklärung – wie stets auf höchstem wissenschaftlichem Niveau und mit ausgiebiger Angabe von Fundstellen – mitgeliefert.

Durch das – vorstehend nur an zwei beliebig vermehrbaren Beispielen hervorgehobene – Zusammenspiel von praktischen Ansätzen mit ausführlicher und fundierter Begründung unter Auseinandersetzung mit der aktuellsten Rechtsprechung und dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft erhält der Praktiker mit dem Werk ein Hilfsmittel von wirklich kaum zu überschätzenden Wert.

Er wird zunächst in die Lage versetzt, sich schnell über den Stand der Diskussion zu informieren: Der Band ist mit ausführlichen Inhalts- und Stichwortverzeichnissen ausgestattet, der Text ist durch Überschriften übersichtlich gegliedert und Stichworte sind durch Fettdruck hervorgehoben. Darüber hinaus wird es ihm aber auch leicht gemacht, in die komplexen Argumente einzutauchen, die hinter den vielen grundsätzlichen umstrittenen Positionen zum Allgemeinen Teil des Strafrechts stehen. Einen Eindruck von der Bearbeitungstiefe erhält man vielleicht, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Kommentierung der wenigen Normen in Band 1 einen Umfang von knapp 2.000 Seiten hat.

Besonders förderlich für die praktische Arbeit mit dem Werk ist die durchweg bewundernswerte Fähigkeit der Autoren, hoch komplexe Fragestellungen in klarer, verständlicher Sprache darzustellen, auf die der Rezensent durchaus neidisch ist. Die dadurch erzielte Lesbarkeit wird durch die Entscheidung, Fundstellen in Fußnoten darzustellen, noch unterstützt.


Nimmt man hinzu, dass der Leser angesichts der Überzeugungskraft der Darstellung auch nicht umhin kommt, die an liebgewonnenen Gewissheiten geübte rechtsstaatlich motivierte Kritik, wie z.B. im genannten Fall des Bestimmtheits- und des Analogieverbots, sehr ernst zu nehmen, so ist nur zu hoffen, dass bald die Bände der dritten Auflage möglichst vielen Richtern zugänglich sein werden. Die Rechtsprechung würde davon sicherlich erheblich profitieren!