Samstag, 4. Februar 2017

Rezension: Effektive Strafverteidigung



Sommer, Effektive Strafverteidigung, 3. Auflage, Carl Heymanns 2016

Von RA, FA für Verkehrsrecht Sebastian Gutt, Helmstedt



Effektive Strafverteidigung ist der Titel dieses Werks von Sommer, erschienen in der 3. Auflage. Sommer ist Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht, kommt also aus der Praxis. In dem Buch geht es nicht bloß um das materielle und das prozessuale Recht – nein, der Autor will auch Grundlagen der für die Verteidigung so wichtigen Psychologie vermitteln. Der Autor geht also mit diesem Werk über das traditionelle juristische Handwerk, welches an der Uni vermittelt wird, hinaus. Ziel des Autors ist es dabei, die psychologischen und sozialen Mechanismen bei der Entscheidungsfindung aufzudecken und für die Verteidigung nutzbar zu machen. Der Blickwinkel ist dabei der eines Verteidigers, wobei Sommer im Vorwort klarstellt, dass das Anliegen des Buches weiter geht. Hiermit meint der Autor, dass die Entscheidungen des Gerichts von verschiedenen Elementen gesteuert werden, z.B. Emotionen und Rollenverhalten. Dies für sich auszunutzen, darum geht es Sommer.

Das Buch umfasst zwar nur drei (Ober-) Kapitel, dabei jedoch mehrere unterschiedliche Themen, die abgehandelt werden, und zwar auf gut 860 Seiten (inklusive Inhaltsverzeichnis). Wie für den Verlag üblich, ist das Buch übersichtlich gestaltet und nicht überfrachtet. Es finden sich viele Absätze, die das Lesen erleichtern. Zudem, was ich stets bevorzuge, sind die Rechtsprechungs- und Literaturnachweise in Fußnoten. Definitionen und Erläuterungen sind kleiner und eingerückt abgedruckt.

Nach einer Einleitung, in der beispielhaft einige praktische Fälle dargestellt werden, geht es im ersten Kapitel um die Theorie der Strafverteidigung. Hier wird von Sommer zunächst einleitend die Rolle der Strafverteidigung beschrieben als fester Bestandteil des Strafprozessrechts. Aber nicht nur die Rolle wird beschrieben, sondern auch das Vorgehen des Verteidigers außerhalb und innerhalb des Prozesses bzw. der Hauptverhandlung (Sammeln von Beweisen etc.).

Gut gefallen hat mir, dass der Autor auch auf Konfliktpotenzial der Strafverteidigung eingeht. Unter „D.“ (S. 43 ff.) wird nämlich darauf hingewiesen, dass auch der effektiven Verteidigung Grenzen gesetzt sind, und zwar dort, wo die Grenzen der Legalität (bewusst oder unbewusst) überschritten werden. Als Beispiele werden genannt Geldwäsche, Parteiverrat oder Verstoß gegen die anwaltliche Schweigepflicht. Sommer  stellt typische Konstellationen dar, weist auf Probleme hin und bietet Lösungsansätze. 

Ebenfalls erörtert wird das Mandatsverhältnis, also das Verhältnis Verteidiger - Mandant (2. Kapitel). Es wird unterschieden zwischen Wahlverteidiger und Pflichtverteidiger. Die klassischen rechtlichen Probleme rund um die Beiordnung etc. werden dargestellt. Besonders machen dürfte das Kapitel der Punkt „Konflikt zwischen Verteidiger und Mandant“. Dabei geht es etwa um das Finden der richtigen Verteidigungsstrategie und hieraus folgend die Formulierung von Zielen der Verteidigung. Sommer geht überwiegend auf das ein, was das Gesetz zum Mandatsverhältnis hergibt, was, wie er feststellt, nicht sonderlich viel ist. Die Ausführungen sind daher neben den gesetzlichen Vorgaben vielfach auch zwangsläufig theoretisch und sogleich praxisnah zugleich. Wenn es „zwischenmenschlich“ nicht passt, so darf dies auch dem Gericht nicht verborgen bleiben (S. 148).

Sehr umfangreich ist das 3. Kapitel geworden, welches Sommer das Aktionsfeld der Strafverteidigung nennt. Hier geht es dann auch psychologisch zur Sache. Äußerst interessant ist es, wenn der Autor die Struktur der richterlichen Entscheidungsfindung beschreibt. Hierbei geht er auf aktuelle psychologische Forschungen ein. Ebenfalls zur Sprache kommt die Kommunikation in verschiedenen Verfahrensstadien, z.B. bei Durchsuchungen oder Freiheitsentzug. Nachfolgend schildert Sommer die Verteidigung in der Hauptverhandlung und dort, wie z.B. Beweisanträge zu stellen sind – nicht nur prozessual, sondern auch atmosphärisch (Befangenheitsantrag, S. 432).

Auf alle Punkte im Detail einzugehen, ist schlichtweg nicht möglich. Daher habe ich mich auf wesentliche und aus meiner Sicht interessante Dinge beschränkt. Insgesamt handelt es sich um ein sehr gutes, mitunter auch spannendes Buch. Das Buch und die Hinweise eignen sich vor allem für Verteidiger, die in großen Strafprozessen tätig werden. Für den „Dorf-Anwalt“, der ich auch bin, dürfte das Buch ebenfalls interessant sein, vieles davon vielleicht aber nicht unbedingt praxisrelevant. Gleichwohl hat mir das Buch sehr gut gefallen. Es bietet gute Anhaltspunkte dafür, die eigene Herangehensweise an die Verteidigung zu überdenken und zu optimieren.