Sonntag, 26. Februar 2017

Rezension: Erfolgreich Vernehmen

Habschick, Erfolgreich Vernehmen, Kompetenz in der Kommunikations-, Gesprächs- und Vernehmungspraxis, 4. Auflage, Kriminalistik 2016

Von Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht Johannes Berg, Kaiserslautern



Im Verlag Kriminalistik erscheint das Werk Klaus Habschicks „Erfolgreich Vernehmen“ in 4. Auflage. In der mittlerweile auf 787 Seiten angewachsenen Darstellung stellt das Werk einen umfangreichen Leitfaden speziell zur Durchführung kriminalpolizeilicher Vernehmungen dar.

Inhaltlich folgt auf die Einleitung ein kürzerer Teil, in dem Habschick die Vernehmungsphilosophie in ihrem Wandel mitsamt gängiger Vernehmungsstandards im internationalen Vergleich darstellt. Hierauf folgt ein zweites Kapitel, das sich der wichtigsten Fehler in polizeilichen und richterlichen Vernehmungen und bei der Aufgabenwahrnehmung der Vernehmung widmet. Nach der weiteren Darstellung der Kommunikation im Allgemeinen und ausgewählter Kommunikationsprobleme stellt der Autor allgemeine Leitsätze einer Vernehmung auf. Weiter schildert er die Vorbereitung einer Vernehmung, die Beschuldigtenvernehmung im eigentlichen Sinne, die Zeugenvernehmung, gibt Hilfen zur Einschätzung der Persönlichkeit zu Vernehmender sowie einige Hinweise zur Aussagekraft einer Vernehmung und zum richtigen Verständnis bzw. der Unterscheidung von Irrtum, Missverständnis, Lüge und Falschaussage. Wenngleich als „Exkurs“ bezeichnet folgt darauf auf über 30 Seiten ein Einblick in die Wahrheitsfindung durch Körpersprache. Schließlich geht Habschick auf besondere Vernehmungssituationen, wie bei Kindern und Jugendlichen, den Beschuldigten von Tötungsdelikten, Angehörigen des Drogenmilieus, Bundeswehrangehörigen und ausländischen Soldaten, allgemein ausländischer Beschuldigter und der Vernehmung von Personen mit Handikap ein. Abschließend widmet sich die Darstellung der Protokollierung der Vernehmung, dem Wiedererkennungsverfahren, der Eigensicherung während der Vernehmung, der Vernehmung Polizeibeamter in der strafrechtlichen Hauptverhandlung, der Zusicherung von Vertraulichkeit durch die Staatsanwaltschaft sowie der inhaltlichen Vernehmungsführung am Beispiel ausgesuchte Deliktsbereiche, worauf Habschick sein Schlusswort setzt.

Wenngleich das Werk „Praxis-Tools“ und Vernehmungsleitfäden als Schnellinformation zusammenfasst, sollte das Buch gleichwohl in seiner Gänze durchgearbeitet werden. Sucht man darauf die Schnellinformationen als Gedächtnisstütze, zeigt es sich in der täglichen Praxis aller mit Vernehmungen befassten Personen als wertvoller Helfer.

Bereits zu Beginn der Lektüre wird deutlich, dass der Autor die Darstellung nicht etwa in einer kürzeren Zeitspanne „heruntergeschrieben“ hat, sondern dieses Werk jahrelang mit Herzblut gelebt haben muss. In kaum vorstellbarer Bandbreite finden sich Quellen wissenschaftlicher und literarischer Natur ebenso wie solche aus Tagespresse und neuen Medien.

Die Darstellung ist äußerst lehrreich, kompakt und eingängig und sollte jedem Beamten der Kriminalpolizei wertvoller Begleiter sein. Doch gerade auch Juristen und insbesondere Verteidigern ist die Lektüre dringend anzuempfehlen. Freilich wird sich mancher Leser über recht politisch anmutende Ausführungen Habschicks etwa zur Migrantendelinquenz oder zu der Einführung des polizeilichen Generalisten wundern und möglicherweise echauffieren. Zum einen sollte dies dem Autor bereits infolge seiner sonst wahrlich bemerkenswerten Leistung nachgesehen werden. Zum anderen werden zahlreiche Verteidiger an eigene Verfahren zurückdenken, in denen man beschriebene Probleme aus der anderen Perspektive heraus erlebt hat. Bleibt es doch keinem Verteidiger erspart, von letztlich aufgrund erheblicher Straftaten inhaftierter Mandanten später von diesen der Schlechtleistung bezichtigt zu werden, weil selbst nach rechtskräftiger Verurteilung – der Schuldexternalisierung sei Dank – diese Situation schlechterdings unmöglich mit dem eigenen Verhalten zu tun haben und folglich alleine der Unfähigkeit des eigenen Rechtsanwalts geschuldet sein kann. Ebenso wenig sollte es stören, wenn das Werk in der Terminologie bisweilen schief liegt und Beschuldigte beispielhaft als „Täter“, „Mörder“ oder „Betrüger“ betitelt werden. Denn immerhin handelt es sich um die Arbeit eines Kriminalbeamten, die an keiner Stelle den Anspruch erhebt, juristisches Lehrbuch zu sein.

Die in der Neuauflage aufgenommenen Ergänzungen zu Alterskriminalität, Amokläufen, Cyberkriminalität, „Ehrenmorden“, Zwangsverheiratung, Frauen und Minderjährigen als Beschuldigten von Tötungsdelikten, sexueller Belästigung am Arbeitsplatz sowie Kommunikationsproblemen in ausgewählten Berufen fügen sich nahtlos in das herausragende Werk ein und unterstreichen die Bedeutung weit über den polizeilichen Leserkreis hinaus.

Um damit zum Fazit zu gelangen: Polizeibeamten ein unverzichtbarer Begleiter und Juristen eine große Bereicherung. Absolut empfehlenswert.