Freitag, 21. April 2017

Rezension: Rechtsgeschichte der Wirtschaft

Schmoeckel / Maetschke, Rechtsgeschichte der Wirtschaft, 2. Auflage, Mohr Siebeck 2016

Von cand. iur. Andreas Seidel, Göttingen



Auch wenn ein Werk zur Rechtsgeschichte der Wirtschaft mit Sicherheit nicht zum Standardkanon der Lehrbuchliteratur gehören dürfte wie etwa der Medicus / Petersen, Bürgerliches Recht oder Degenhardt, Staatsrecht I, rückt dieses Themenfeld immer stärker in das juristische Bewusstsein. Wenn im Schwerpunktbereich unter anderem ein wirtschaftsrechtliches Profil angeboten wird, liegt es nahe, auch Randgebiete wie die europäische oder die historische Dimension dieses Rechtsgebiets zu beleuchten. So hat die Einführung des Schwerpunktbereichsstudiums auch in diesem Fall dazu geführt, dass neue Vorlesungen und Seminare geschaffen wurden, für welche die Lehrbuchliteratur erst noch erstellt werden musste. Der zweite Grund, der zu einem wachsenden Interesse an einer Rechtsgeschichte der Wirtschaft geführt hat, ist sicherlich auch die durch die Finanzkrise erstarkte Erkenntnis, dass mit Blick auf die Erfahrungssätze der Geschichte drohende Gefahren leichter zu erkennen sind. Nicht zuletzt dürfte auch das stärker werdende Interesse an interdisziplinärer Arbeit, insbesondere im Verhältnis von Rechts- und Wirtschaftswissenschaften zur erhöhten Aufmerksamkeit dieser Disziplin beigetragen haben.

Jedoch ist das Themenfeld – auch wenn es dadurch beschränkt ist, dass lediglich die Rechtsgeschichte seit dem 19. Jahrhundert dargestellt wird – zu umfassend, als dass es keiner weiteren Einschränkung bedürfte. So liegt eben keine Wissenschaftsgeschichte des Wirtschaftsrechts vor und auch werden nicht alle Rechtsbereiche historisch aufgearbeitet, die mit der Wirtschaft in Beziehung stehen. Vielmehr wurde der freiheitliche Aspekt als Leitthema benutzt um davon ausgehend die einzelnen Themen zu beleuchten. Die Autoren haben sich zuvorderst die Frage gestellt, in welchem Umfang das Wirtschaftsrecht bzw. dessen Teilbereiche dem Einzelnen privatautonome Entscheidungen beließen bzw. belassen (vgl. Vorwort zur zweiten Auflage, S. VIII). Des Weiteren wurden diejenigen Bereiche ausgelassen, die bereits in klassischen Darstellungsformen zur Privatrechtsgeschichte oder Rechtsgeschichte des öffentlichen Rechts enthalten sind.

Dabei ist den Autoren Schmoeckel und Maetschke sehr wohl die Außergewöhnlichkeit dieses Rechtsgebietes bewusst. Es zeugt daher gleichermaßen von großer Empathie für die Anliegen der Rezipienten als auch akkurater wissenschaftlicher Arbeit, die Darstellung mit einer ausführlichen Standort- und Gegenstandsbestimmung zu beginnen. Hierbei wird insbesondere eine Negativabgrenzung vorgenommen, in der – wie oben erwähnt – einer Darstellung der Wissenschaftsgeschichte des Wirtschaftsrecht ebenso wie einer neueren Privatrechtsgeschichte und der Rechtsgeschichte aller wirtschaftsrelevanten Rechtsmaterien eine Absage erteilt wird. Vielmehr soll die „Freiheit als Abgrenzungskriterium und Vergleichsmaßstab“ benutzt werden, wobei hier auch ein wichtiger methodischer Ansatz erkennbar wird: Besonders das englische Wirtschaftsrecht bot im 19. Jahrhundert eine Blaupause für die Schaffung eines deutschen Pendants, wobei hier besonders Adam Smiths „invisible hands“ als auch der sog. Manchesterliberalismus als solcher in den Vordergrund gestellt werden müssen. Dennoch forderten deutsche Rechtswissenschaftler schon bei der Schaffung des Bürgerlichen Gesetzbuches den berühmten „Tropfen sozialistischen Öls“ (Otto von Gierke), sodass das Wirtschaftsrecht deutscher Diktion schon immer nicht rein freiheitlich verstanden werden konnte, sondern stets auch einen sozialstaatlichen Einschlag trug.

Dieses Kriterium zu Grunde legend erläutern die Autoren zunächst allgemein das Wirtschaftsrecht vor Entstehung des freien Marktes (S. 13 ff.) und die Bedeutung des Marktes als Wirtschaftskonzept (S. 44 ff.). Darauf aufbauend werden dann die einzelnen Disziplinen des Wirtschaftsrechts dargestellt, angefangen bei dem Handelsrecht über den gewerblichen Rechtschutz und das Gesellschaftsrecht, das Steuerrecht und das Kartell- sowie Regulierungsrecht bis hin zum Arbeitsrecht. Auch wird das öffentliche Wirtschaftsrecht beleuchtet sowie die Frage nach einem Weltwirtschaftsrecht gestellt. Abschließend wird ein ausführliches Fazit gezogen, indem das Themenfeld nicht mehr systematisch geordnet wird, sondern anhand von politischen Konzepten resümiert wird, wobei im Jahr 1800 begonnen wird und sodann eine Zeitreise über das Kaiserreich, die Zeit der Weimarer Republik, den Nationalsozialismus bis zum geteilten Deutschland nach 1945 folgt.


Zusammenfassend ist das vorliegende Werk eine wunderbare Darstellung zur Rechtsgeschichte der Wirtschaft. In der zweiten Auflage ist es auch nicht mehr nötig, die Notwendigkeit eines Lehrbuchs über diese Materie ausführlich darzustellen. Es eignet sich aufgrund seiner zugänglichen Schreibweise und der bei „null“ beginnenden Darstellung vor allem für Schwerpunktstudenten, die sich im Rahmen ihres Studiums mit rechtsgeschichtlichen Erwägungen des Wirtschaftsrechts erstmalig auseinandersetzen müssen.