Freitag, 28. April 2017

Rezension: Strafrecht allgemeiner Teil

Baumann / Weber / Mitsch / Eisele, Strafrecht Allgemeiner Teil, 12. Auflage, Gieseking 2016

Von Johann v. Pachelbel, Göttingen



Bereits in der 12. Auflage seit 1960 erscheint nun erneut das Lehrbuch „Strafrecht allgemeiner Teil“, begründet vom Tübinger Prof. Baumann, fortgeführt von Prof. Mitsch und Eisele. Mit seinen über 900 Seiten Text ist es ein echter „Schinken“. Dies wirft die Frage auf, für wen dieses Lehrbuch geeignet ist. Bereits im Vorwort ist zu lesen, dass sich das Lehrbuch an „ambitionierte“ Studenten richte und zur Examensvorbereitung diene. Dies ist auch die Meinung des Rezensenten.

Das vorliegende Lehrbuch erläutert die Dogmatik des Strafrechts grundlegend und umfassend. Auf über 60 Seiten wird in die Aufgaben und die Geschichte des Strafrechts eingeführt, die objektive Zurechnung des Taterfolgs auf knapp 50 Seiten erläutert, die Problematiken um die Rechtswidrigkeit auf ca. 140 Seiten ausgedehnt. Ohne Frage wäre ein Student in den unteren Semestern von dieser Fülle an Informationen und der Tiefe der Argumentation zu den jeweiligen Problemen überfordert. Für das Herantasten an das Strafrecht sei also auf die bekannten Kurzlehrbücher zum Strafrecht verwiesen.

Wer jedoch tiefer in Probleme des Strafrechts eintauchen möchte und wem dafür die Standard-Kurzlehrbücher nicht ausreichen, der findet im vorliegenden Lehrbuch eine unerschöpfliche Quelle zum allgemeinen Teil des Strafrechts. Es werden alle relevanten Fragen des Allgemeinen Teils ausführlich diskutiert und auch für das Verständnis notwendige Ausführungen zum besonderen Teil nicht ausgespart. Das vorliegende Lehrbuch eignet sich daher hervorragend zur Recherche für Hausarbeiten oder zur Vertiefung von examensrelevanten strafrechtlichen Problemen. Selbst sehr spezielle Probleme, in Kurzlehrbüchern nur in einer Randnotiz erwähnt, werden ausführlich besprochen. Dabei legen die Autoren besonderen Wert auf eine große Meinungsvielfalt. Es werden zunächst alle relevanten Meinungen relativ gleichrangig nebeneinander dargestellt, erläutert und ihre Konsequenzen aufgezeigt. Die von den Autoren vertretene Meinung findet sich sodann im Format gut visuell abgrenzbar in kleinerer Schrift im Anschluss.

Besonders erwähnenswert ist auch der Schwerpunkt des Lehrbuches auf der Erläuterung der Systematik des Strafrechts. Es findet keine bloße Aneinanderreihung von Themen und Problemen statt, sondern es werden viele Seiten Text investiert, um die jeweilige Materie in den Gesamtzusammenhang des Strafrechts einzuordnen. Die zusätzliche Masse an zu lesenden Seiten werden da gerne in Kauf genommen, denn der Hinzugewinn von Verständnis ist enorm.

Auch das Format zeigt die Zielrichtung des Lehrbuches auf. Auf didaktische Hilfsmittel wie Skizzen, Zeichnungen, Schaubilder und Schemata wird komplett verzichtet. Geschrieben ist im sauber gegliederten Fließtext. Lediglich Beispiele sowie gelegentliche Kommentare der Autoren, in denen sie unter anderem ihre eigenen Meinungen wiedergeben, sind im Format abgesetzt vom Text und gut unterscheidbar. Die fließende, nicht durch Bilder zerstückelte Darstellung schafft – wenn man bereits ein Level erreicht hat, wo Übersichten, Schaubilder und Schemata zur Visualisierung der Zusammenhänge nicht mehr überlebenswichtig sind -  eine hohe Eingänglichkeit der Erklärungen und eine hohe Informationsdichte im Text. Zur hervorragenden Übersicht der Darstellung trägt ebenfalls die Auslagerung der  Fußnoten aus dem Text an den unteren Seitenrand bei. Der Fließtext ist nicht unterbrochen von Hinweisen auf Urteile und Literatur.

Die Grad an Wissenschaftlichkeit des Lehrbuches ist hoch. Auch hier wird sichtbar: es ist kein Lehrbuch für Anfänger, wo für die Verdeutlichung der Materie nicht im Vordergrund steht, eine genaue Herkunft der Meinungen in Fußnoten zu dokumentieren. Im diesem Lehrbuch finden sich sehr ausführliche und genau zitierte Verweise zu jedem präsentierten Gedanken. Rechtsprechung und Literatur wurde auf das Umfassendste ausgewertet. Am Ende jedes Abschnitts sind lange Literaturlisten bereitgestellt, die die weitere Erforschung des jeweiligen Themas erleichtern. Für die Nützlichkeit zur Examensvorbereitung sei erwähnt, dass zu gewissen besonders examensträchtigen Problemen auf Klassiker der Examensvorbereitung zu Strafrecht verwiesen wird (zum Beispiel auf das Examensrepetitorium von Jäger). Der Examenskandidat erhält also mit dem vorliegenden Lehrbuch die perfekte Ergänzung zu den einschlägigen Repetitorien.

Alles in allem lassen sich zwei große Vorzüge des Lehrbuchs von Mitsch und Eisele zum Allgemeinen Teil des Strafrechts feststellen.
  • Das Lehrbuch ist eine vollständige, lückenlose Dokumentation des Standes der Wissenschaft zum Allgemeinen Strafrecht.
  • Das Lehrbuch ist ein exzellentes Recherche-Werkzeug.
  • Das Lehrbuch eignet sich hervorragend für Studenten höherer Semester zum ambitionierten Studium und zur Examensvorbereitung.


Wärmstens empfiehlt der Rezensent daher die Anschaffung des vorliegenden Lehrbuchs. Abschließend sei gesagt, dass die hochwertige Verarbeitung im Hardcover mit schönem Papier und hervorragender Bindung den Lesegenuss noch steigert.