Freitag, 19. Mai 2017

Rezension: Handbuch der Beweiswürdigung

Geipel, Handbuch der Beweiswürdigung, 3. Auflage, ZAP 2017

Von RinLG Domenica D’Ugo, Saarbrücken



Dr. Andreas Geipel, Rechtsanwalt aus München, hat sich zur Aufgabe gemacht, eine „Lücke im System“ des Feldes der Beweiswürdigung zu schließen. Er möchte fundierte Informationen für die tägliche Praxis sowohl des Straf- als auch des Zivilrechtlers bieten. Die vorliegende Neuauflage wurde dabei um Ausführungen zur straf- und zivilprozessualen Revision erweitert.

Das Werk wartet mit einem extravaganten Aufbau auf: Die Grundlagen zum Thema (Beweislast, relevante Situationen im Prozess, Zeugenbeweis, Zeugeneinvernahme etc.) finden sich erst im vierten und letzten Kapitel, während etwa die Vertiefung zur Zeugenaussage (Fehlerquellen, Analysen etc.) bereits im dritten Kapitel behandelt wird. Die Aussagekriterien und die „Widerlegung des Urteils“ sind schon Gegenstand des zweiten Kapitels. Den Auftakt bilden geschichtliche Ausführungen und solche zu den Gedanken des Autors zur Notwendigkeit der Objektivierung der Beweiswürdigung und Vorschläge zur Durchführung derselben (z.B. Teil I § 8: „Die Feststellung des Beweismaßes (weiter eigene Auffassung)“).

Dieses erste Kapitel liest sich durchaus interessant, allerdings wird der Leser förmlich durch statistische Hinweise - teils durch Tabellen (etwa auf S. 27 ff.) ergänzt - und Wahrscheinlichkeitsrechnungen erschlagen. Ob solche Ausführungen in ein Handbuch gehören, das ja eigentlich eher als Nachschlagewerk dienen soll, mag jeder Käufer selbst entscheiden; aufschlussreich sind die Daten in jedem Fall.

Recht früh wird klar, dass der Autor nicht mit Kritik am derzeitigen Stand der Dinge der Praxis der Beweiswürdigung sparen will. Diese Beanstandungen stützt er durch Aussagen von teilweise namentlich benannten Richtern und vor allem durch zahlreiche bekannte und unbekannte Beispiele aus der Praxis (u.a. „Sedlmayr“, „Arnold“, „Mollath“). Insoweit überrascht der Hinweis auf S. 637, wonach „nicht unerwähnt bleiben [darf], dass die allermeisten Richter vorzügliche Arbeit leisten und die meisten Urteile auch aus Sicht der anwaltlichen Interessenvertretung „richtig“ sind. Ungerechtigkeiten, wenn sie denn vorliegen, auch gravierende, liegen daher meist nicht an den handelnden Richtern, sondern schlicht am System“.

So richtig (für die Praxis) lesenswert wird das Buch sodann ab seinem dritten Teil (ab S. 639). Nach einer kurzen Einführung lernt der Leser u.a. Grundlagen der „Wahrnehmung und Wahrnehmungsfehler“, „Erinnerung und Erinnerungsfehler“ und der Aussageanalyse. Mögliche Fehlerquellen bei der Beweiswürdigung werden teilweise gelistet präsentiert, was der die rasche Lösung für sein Problem suchenden Sachbearbeiter zu würdigen wissen wird. Allerdings bedarf es angesichts der Kürze dieser Ausführungen dann dennoch sicherlich weiterer Recherchen, um fundierte Eingaben machen zu können. Dies wird aber durch entsprechende Hinweise in den Fußnoten erleichtert. Gleiches gilt beispielsweise für die alphabetisch geordnete Auflistung betreffend die Substantiierungslast des Klägers in Teil IV des Buches.


Zusammenfassend erscheint das „Handbuch der Beweiswürdigung“ bei erster Durchsicht eher ein umfassendes Lehrbuch als tatsächlich ein Nachschlagewerk für den Praktiker zu sein. Bei der Suche nach einzelnen Lösungen und Strategien finden sich aber dennoch schnell interessante Anregungen und Denkanstöße, die sowohl für den Rechtsanwalt als auch den Richter wertvoll sind.