Montag, 4. September 2017

Rezension: Berufsrecht der Rechtsanwälte, Patentanwälte und Steuerberater

Von Lewinski, Berufsrecht der Rechtsanwälte, Patentanwälte und Steuerberater, 4. Auflage, Nomos 2017

Von Rechtsanwalt Christoph R. Müller, Leipzig


Lange Zeit war das Berufsrecht der Rechtsanwälte kein Gegenstand in der universitären Ausbildung angehender Juristen. Dies hat sich erst in den letzten zwanzig Jahren geändert. Nicht zuletzt durch die Orientierung der Ausbildung hin zum Anwaltsberuf rückte auch das Standesrecht in den Fokus der Aufmerksamkeit. Und im gleichen Maße, wie die Bedeutung wuchs, entstand der Bedarf an entsprechender Literatur.

Der heutige Passauer Universitätsprofessor hatte hierzu bereits 2006 seinen „Grundriss des anwaltlichen Berufsrechts“ vorgelegt. Nach zwei weiteren Auflagen ist nunmehr die 4. Auflage, allerdings unter dem neuen Titel „Berufsrecht der Rechtsanwälte, Patentanwälte und Steuerberater“, erschienen. Das Werk hat damit nicht nur seinen Adressatenkreis erweitert, sondern auch im reinen Umfang erheblich zugelegt. Von zuletzt 268 wuchs das Buch auf 420 Seiten. Dass bei dieser Zunahme die Bezeichnung als Grundriss weg fällt, verwundert daher im ersten Augenblick nicht.

Zunächst ist der weite Bogen der Themen auffällig, denen sich der Autor widmet. Nach einem Propädeutikum befasst sich der Autor in 16 Kapitel mit allen denkbaren Aspekten des Berufsrechts. Die Prinzipien des Berufsrechts und dessen Geschichte bekommen dabei genauso eigene Kapitel, wie etwa das Mandatsverhältnis, die Verschwiegenheit, die Vergütung oder die Haftung. Damit steht die Neuauflage in der Tradition seiner Vorgänger.

Mit der Erweiterung auf das Berufsrecht der Steuerberater und Patentanwälte öffnet sich der Autor nicht einfach nur neuen Leserkreisen. Vielmehr ist die Erweiterung konsequent und notwendig. Zum einen ist das eigene Berufsrecht Prüfungsgegenstand für angehende Patentanwälte (§ 36 PatAnwAPO) und Steuerberater (§ 37 StBerG). Entsprechende Literatur ist aber nur in einer begrenzten Auswahl am Markt vorhanden. Allein dies rechtfertigt die veränderte Ausrichtung. Darüber hinaus nutzt v. Lewinski die Vergleichbarkeit und die bestehenden Unterschiede zwischen dem Recht der einzelnen Berufsträgern, um dem Leser die jeweilige Besonderheiten sinnvoll darzustellen. Gleichwohl ist das Buch weiterhin stark vom anwaltlichen Berufsrecht geprägt. Angehende Steuerberater oder Patentanwälte mögen an manchen Punkten den Eindruck haben, dass ihre Perspektive zu kurz kommt. Tatsächlich gelingt es dem Autor jedoch, an beinahe allen relevanten Stellen auf die jeweiligen Besonderheiten der verschiedenen Berufe einzugehen. Lediglich Randaspekte, wie die Privilegierung des Rechtsanwalts im Vergleich zu den Steuerberatern und Patentanwälten in § 139 Abs. 3 S. 2 StGB (auf Seite 157) bleiben unberücksichtigt. Diese fehlende Unterscheidung, die sich bei diesem Werk mit dem neuen Ansatz angeboten hätte, ist aber verschmerzbar, ist dies doch ein in der Praxis (hoffentlich) seltener Fall.

Hinsichtlich des Aufbaus bleibt das bewerte System, einzelne Themen sinnvoll zu gliedern und strukturiert zu erklären auch in der Neuauflage beibehalten. Beinahe jeder Abschnitt erhält Literaturhinweise vorangestellt. Der interessierte Leser ist damit schnell in der Lage, weiterführende Informationen zu finden. Dies ist auch notwendig, denn trotz des Zuwachses kann dieses Werk keinesfalls die gesamte und immer weiter wachsende Literatur und Kasuistik des Berufsrechts darstellen. Daher ist es begrüßenswert, dass sich der Autor im Fußnotenapparat auf einzelne Entscheidungen und Literaturbeiträge begrenzt und nicht der Versuchung erliegt, zeilenweise Fundstellen anzuführen. Dabei ist auch die Aktualität des Werkes hervorzuheben. So werden die spätestens ab 2015 lebhaft diskutierten Grenzen der Mitwirkung bei der Zustellung von Anwalt zu Anwalt und die Lösung über § 14 BORA n.F. genauso berücksichtigt, wie die Neuregelungen für Syndikusanwälte und die sogenannte „kleine BRAO-Novelle“ (BGBl. I S. 1121). Gleichwohl hätte sich der Rezensent gefreut, wenn etwa im Abschnitt Zeithonorar (Seite 207) ein Verweis auf das Urteil des LG Köln vom 18.10.2016 – 11 S 302/15 erfolgt oder hinsichtlich der Haftung des Rechtsanwalts für Fehler des Gerichts auf das Urteil des BGH vom 10.12.2015 – IX ZR 272/14 eingegangen worden wäre.

Am Ende steht fest: Auch wenn es der Titel nicht mehr verrät, es handelt sich weiterhin um einen Grundriss des Berufsrechts. Und dieser ist mit 39 Euro seinen Preis wert. Denn wer das Buch als Einstiegsliteratur oder als Orientierungshilfe für die Lösung von manch unbekannten, verdrängten oder vergessenen Fragen rund um das Berufsrecht der rechts- und steuerberatender Berufe verwendet, wird sich glücklich schätzen, das Werk im Regal zu haben. Daher ist das Buch nicht nur denjenigen zu empfehlen, die sich als Studenten, Referendare, Steuerberateranwärter oder Patentanwaltskandidaten erstmals mit den verschiedenen Facetten ihres zukünftigen Berufsrechts annähern. Vielmehr ist es auch dem schon langjährig tätigen Berufsträger zu empfehlen. Denn dank des systematischen Aufbaus ist es ein sehr gutes Mittel, die sich stellende berufsrechtlichen Fragen richtig zu verorten und die weiterführende Literatur schnell zu finden.