Freitag, 10. November 2017

Rezension: Nachbarschaftsrecht

Gerber / Nasemann, Nachbarschaftsrecht, 2. Auflage, Haufe 2017

Von RAG Dr. Benjamin Krenberger, Landstuhl



Die Nachbarschaftsstreitigkeit gehört vor den Amtsgerichten zu den unangenehmsten Verfahren, hat aber auch vorgerichtlich enormes Stresspotential für die beteiligten Juristen: mehr Emotion als üblich, weniger eindeutiges Recht als gewünscht prägen diese Verfahren, und die Beweislage ist meist diffus. Es gibt aus dem sachenrechtlichen Bereich schon verschiedene Titel, die allerdings mehr auf die Grundstücksrechte abstellen. Zudem gibt es länderspezifische Titel zum Nachbarschaftsrecht. Umso wichtiger ist es, wenn ein Buch wie das vorliegende den Ansatz wagt, beide Linien zu verknüpfen. Die Autorinnen sind in diesem Bereich erfahren und kennen als Beraterinnen bei Haus&Grund München die Materie aus der Praxis. Positiv anzumerken sind schon zu Beginn die Ausführungen, in welchen die Autorinnen zur besseren Nachbarschaftspflege anraten und Beispiele dafür geben (S. 147; Kap. 10, etc.). Kein schlechter Rat in Zeiten zunehmender Egoisierung.

Mit knapp 200 Seiten inklusive schlanker Verzeichnisse ist völlig klar, dass das Buch hier einen Überblicksansatz verfolgt und kein klassisches wissenschaftliches Lehrbuch sein möchte. Sprache, Fragestellungen und gesonderte Hinweise lassen eindeutig darauf schließen, dass der Rechtsanwender zwar auch Adressat des Buches ist, aber eher noch der gewöhnliche Bürger als Rechtssuchender. Das muss nicht verkehrt sein, denn gerade im Nachbarschaftsrecht verbietet sich jede verkopfte Lösung, sondern da ist praktisches Geschick beim Finden von Lösungen gefragt.

Dennoch wäre es angebracht gewesen, gewisse formale Unstimmigkeiten zu vermeiden. So ist schon das erste Kapitel geprägt von einer falschen Untergliederung, denn Grillen auf dem Balkon ist kaum ein tauglicher Unterpunkt zu Zäunen und Hecken. Gleichsam haben die Wärmepumpen als Lärmquelle nichts im Kapitel zu Sportlärm verloren. Hier und auch anderenorts darf das Lektorat in der Folgeauflage gerne noch einen Blick mehr auf das Buch werfen, um solche Kleinigkeiten auszumerzen.

Zu Beginn werden klassische Fragen aus Nachbarschaftskonflikten aufgezeigt und ein Überblick über mögliche Rechtsgrundlagen gegeben. Hiernach folgt der Blick auf das Grundstück, also den Eigentumsbegriff, Grenzverläufe, Einfriedungen, Fahrtrechte, Räum- und Streupflicht und vieles mehr. Schon diese grundstücksbezogene Zusammenstellung zeigt gut auf, wo überall Konfliktpotential und damit Beratungsbedarf besteht. Nach einem kurzen Ausflug ins Baunachbarrecht geht es um Pflanzen in des Nachbars Garten. Besonders lobenswert ist dabei die Übersicht der in den Bundesländern geltenden Grenzabstände. Ungünstig ist allerdings, dass die Gesetze als Grundlage dieser Werte nicht genannt werden.

Das nächste Kapitel widmet sich Einflüssen, die aus dem Miteinander resultieren, sprich Lärm, Gerüche, Tiere aller Art und Größe, aber auch Videoüberwachung. Dem schließt sich ein eigener Abschnitt zum Wohnungseigentümer an. Das Buch endet mit kurzen Kapiteln zu Ansprüchen bei Störungen sowie dem Schlichtungsverfahren.

Die Lektüre des Buches geht rasch voran, es ist informativ geschrieben, aber der Jurist als Zielgruppe wird den Tiefgang ein wenig vermissen, selbst wenn die Bandbreite der gebotenen Konfliktfälle erfreulich hoch ist. Bei manchen Hinweisen und Beispielen fehlt es mir an Belegen zu Rechtsprechung oder Literatur, sodass man manches nicht einmal nachprüfen kann. Lobenswert sind die vielen begleitenden praktischen Tipps zur Dokumentation von Verstößen etc., die man auch als Anwalt seinem Mandanten mit auf den Weg geben kann. Insgesamt ist das Buch unzweifelhaft eine Bereicherung im Rechtsgebiet des Nachbarschaftsrechts und dürfte, um mehr rechtliche Quellen und Hinweise angereichert, gerne noch an Umfang zulegen.