Sonntag, 12. November 2017

Rezension: Rechtskultur

Mankowski, Rechtskultur, Beiträge zum ausländischen und internationalen Privatrecht 115, 1. Auflage, Mohr Siebeck 2016


Von Dr. Matthias C. Kettemann, LL.M. (Harvard), Frankfurt am Main



Mit „Rechtskultur“ legt Peter Mankowski, Zivilrechtsprofessor in Hamburg, ein Werk vor, dessen Blick zugleich systematisch wie individuell ist und das als Ganzes wie im Detail den Blick auf das Recht und seine Kulturen enorm bereichert. Für Mankowski ist Rechtskultur „Normenzusammenhänge und Ideen über Recht“, aber auch „Abstraktion“ (2): Laien wie Juristen dächten zu wissen, wovon sie sprechen – aber Rechtskultur entfaltet seine vielschichtige Bedeutung erst bei einer archäologischen Annäherung an den schillernden Begriff: archäologisch-rechtsvergleichend-anekdotisch.

Die mit einem enormen großen Fußnotenapparat versehene Studie ist offensichtlich ein Werk, das den Autor viele Jahre umtrieben hat. So zeigt er beeindruckend auf, wie stark Recht als solche Kultur und Kulturerscheinung ist und Rechtswissenschaften daher immer auch Kulturwissenschaft sein muss (5).

Im ersten Teil zu Rechtskultur als Teil der Gesellschaft verortet Mankowski die Quellen der Rechtskultur in der Antike und fasst dann die theologischen und philosophischen Bezüge des Rechts zusammen. Mit bemerkenswerter Sicherheit navigiert er die Leser immer wieder innerhalb weniger Seiten über unterschiedliche Terrains: von Fragen der Rechtskultur im Islam über die Vergangenheitsbewältigung bis zur Gewaltenteilung und der Terminologie der Finanzmärkte (50-90).

Besonders beeindruckt, dass Mankowski mit seiner luftbildarchäologischen Untersuchung rechtskultureller Phänomene Strukturen kenntlich macht, die lange verborgen geblieben sind. Nicht nur das: Er fasst auch wissenschaftliche Diskurse elegant und sinnhaft zusammen, sodass er selbst Uneingeweihten gute Überblicke – etwa zum Recht im Cyberraum (132) oder zur Medizinethik (137) – gibt.

Ein zentrales Thema des Werks spricht Mankowski in seinem Kapitel zur Dynamik der Rechtskultur an. Recht ist stets im Wandel und gibt Antworten auf die Fragen der Zeit. Kritisch behandelt er (168f) die Auswüchse „kurzlebiger Moden“ auf das Rechtssystem. Es ist ein Qualitätszeichen für das Werk, das der Autor mit Themen wie Gender, Political Correctness, gleichgeschlechtlicher Ehe, Terrorismus, Prostitution, Betäubungsmittel, Geburtenarmut und  Klimaschutz fast alle gesellschaftlich wichtigen Thema der heutigen Zeit erwähnt und (zumindest kurz) kontextualisiert. Es macht den Charme des Buches aus, das Mankowski innerhalb weniger Seiten über die verheerende Ökobilanz des Maisanbaus (237), die Datenschutzvergehen großer Unternehmen (240) und die Reproduktionsmedizin (242) schreibt – und alles rechtskulturell unterfüttert.

In einem besonders lesenswerten Abschnitt über „Rechtskultur und öffentliche Meinung“ untersucht Mankowski, warum das Recht und die Legitimität des Urteils oft nur schwer vermittelbar sind. Kritisch sieht Mankowski die Rolle von Anwalts- und Gerichtsserien und Filmen mit Blick auf ihren Einfluss auf das Rechtsverständnis in Deutschland.

Weitere Teile von „Rechtskultur“ widmen sich der juristischen Realität, der Privatautonomie, der widerstrebenden Gesellschaftsmodelle die auf dem Vorsorge- und dem Eigenverantwortlichkeitsgedanken beruhen, und den Sonderrechtskulturen. Zu letzteren gehören etwa das Militär, die Kirchen, Parteien und Sportverbände. Selbst in diesen „Staaten im Staat“ ist noch Rechtskultur (wenn auch eine sektoralere) festzustellen.

Ein abschließender Teil untersucht das Verhältnis von Rechtskultur und Nationalität und enthält unter anderem interessante Analysen von „legal transplants“, Konzepten und Ideen, die von einer Rechtsordnung exportiert werden.

Im nützlichen Résumé fasst Mankowski noch einmal zentrale Thesen zusammen. Unter anderem erinnert er daran, dass Juristen nicht alleine (und vielleicht nicht einmal vor allem) für die Prägung der Rechtskultur in einer Gemeinschaft  verantwortlich sind. Mit den Worten des Autors (522): Rechtskultur bildet „die Wirklichkeit einer Gesellschaft in ihrer rechtlichen Gestaltung ab“. Juristen seien zwar „Fachleute für Rechtskultur“, sie müssten sich allerdings vorsehen, „ihre Binnendiskurse für die ganze Wahrheit zu halten“.

„Rechtskultur“ ist ein gelungenes Werk eines Denkers, der in vielen Jahren Arbeit am und mit dem Recht dessen Facetten und Feinheiten erkannt hat und einen sehr sensiblen Blick auf die Wirkungsbedingungen und -zusammenhänge rechtlicher (Kommunikations-)prozesse hat. Man kann „Rechtskultur“ daher sowohl etablierten Juristen als erfrischenden Blick über den disziplinären Tellerrand als auch dem juristischen Nachwuchs als faszinierenden Blick auf die Vielfalt der Kultur des Rechts bzw. der Rechtskultur sehr empfehlen.