Mittwoch, 27. Dezember 2017

Rezension: Einführung in das japanische Recht

Kaspar / Schön (Hrsg.), Einführung in das japanische Recht, 1. Auflage, Nomos 2018

Von Carina Wollenweber-Starke, Wirtschaftsjuristin, LL.M., Bad Berleburg

  
Das vorliegende Werk „Einführung in das japanische Recht“ der Herausgeber Prof. Dr. Johannes Kaspar und Dr. Oliver Schön umfasst insgesamt das Vorwort, die Verzeichnisse sowie 21 Kapitel (§) auf 237 Seiten.

§ 1 beinhaltet eine Einführung in das Werk. Dabei dienen die historischen Rechtsentwicklungen als Hintergrundinformationen. § 2 stellt grob das Zivilrecht in Japan vor, welches durch §§ 3 – 6 weiter vertieft wird. Die behandelten Themen beinhalten bspw. Vertriebsrecht, Gutglaubensschutz und vorvertragliche Aufklärungspflichten. Während sich § 7 mit dem Patentrecht beschäftigt, legt § 8 den Fokus auf das Familienrecht. Die §§ 9 und 10 gehen auf das Arbeitsrecht ein. Thematisiert werden Kündigungen sowie der Tod durch Überarbeitung/Burn Out. Als Inhalt von § 11 ist mitunter die Haftung für den Betreiber eines Atomkraftwerks zu nennen. Die §§ 12 – 16 beinhalten diverse Aspekte zum Strafrecht. Bspw. werden das Jugendstrafrecht, der „Enkeltrick“ sowie Opferschutzaspekte thematisiert. Das Verwaltungsrecht bildet den Fokus der §§ 17 und 18. Mitunter ist das Baurecht ein Schwerpunkt. Die letzten Kapitel (§§ 19 – 21) beschäftigen sich mit der Verfassung und den Grundrechten. Hier sind insbesondere die Trennung von Staat und Religion sowie die Änderung der Verfassung zu nennen.

Anhand des Titels sowie der Anzahl an Seiten wird deutlich, dass es sich lediglich um eine Einführung handelt, welche Einblicke in die Materie gibt. Dennoch sollte der Leser bereits juristische Kenntnisse des deutschen Rechts mitbringen, auf denen aufgebaut werden kann (z.B. S. 51, Rn. 10: contra legem).

Wie bereits ersichtlich ist, deckt das Werk ein breites Spektrum an Rechtsgebieten ab: z.B. Familien-, Arbeits-, Straf-, Verwaltungs- und Vertriebsrecht. Das Besondere daran ist wiederum, dass die Materie zumeist mit Hilfe von Fällen dargestellt wird, denen eine kurze Einleitung vorangestellt ist. Dabei sind diese Fälle z.T. mit konkreten Fragestellungen und Abwandlungen (z.B. S. 73 f., Rn. 1) ausgestaltet. Die Lösung der Fälle erfolgt in einer Art, welche dem Gutachtenstil ähnelt. Allerdings sind z.T. weitere Erläuterungen vorhanden (z.B. S. 49, Rn. 8). Eine der Falllösungen beinhaltet sogar bereits die Umsetzung eines neuen Gesetzesentwurfs (S. 171, Rn.7). Die Fälle sind mitunter sehr speziell (z.B. § 10: Tod durch Überarbeitung/Burn Out; § 11: Haftung für Atomschäden; § 15: Enkeltrick).

Insbesondere der Rechtsvergleich mit dem deutschen Recht ist sehr interessant gestaltet (z.B. S. 42, Rn. 9). Dieser zeigt die wesentlichen Unterschiede auf (z.B. S. 39, Rn. 1: Anzahl der Vertragsseiten; S. 55, Rn. 4 bzw. S. 57, Rn. 9: Zeitablauf unterschiedlicher Verfahrensgänge). Mitunter werden auch Rechtsvergleiche mit anderen Rechtsordnungen angestellt (z.B. S. 52, Rn. 13: österreichisches Recht; S. 65, Rn. 6: französisches Recht; S. 65, Rn. 7: common law).

Häufig steht am Ende eines Kapitels eine wertende Betrachtung, welche erneut einen direkten Vergleich mit dem deutschen Recht beinhaltet. Allerdings muss auch erwähnt werden, dass nicht jedes Kapitel einen direkten Rechtsvergleich enthält (z.B. §§ 20 f.), sondern den Fokus nur auf das japanische Recht legt.

Die vorhandenen Informationen betreffen häufig auch Themen außerhalb des Rechts. So sind diverse Statistiken vorhanden, welche dem Leser bessere Einblicke in das Leben in Japan gewähren (z.B. S. 24, Rn. 1 f.: Anzahl Rechtsanwälte, Richter und Verfahren; S. 34, Rn. 12: Unzufriedenheit mit der Justiz; S. 35, Rn. 12: Erfolgsquote der Juristenprüfung; S. 36, Rn. 12: Bewerberzahlen; S. 55, Rn. 2: Verkehrsunfälle; S. 141, Rn. 6: Mordrate, Anzahl Straftaten; S. 142, Rn. 8: Ausländeranteil in Japan; S. 142, Rn. 10: Aufklärungsquote bei Tötungsdelikten). Generell wird ein Schwerpunkt auf die Darstellung der Kultur, Tradition und Rechtsmentalität in Japan gelegt (z.B. S. 44, Rn. 15: unbezahlte Überstunden, Urlaub; S. 54, Rn. 2: Führerschein). Dies wird u.a. durch Sprichwörter deutlich (z.B. S. 40, Rn.2). So lernt der Leser auch so manches Wissenswertes über das Land Japan.

Obwohl ab und an sowohl der ungefähre Umrechnungskurs als auch die genauen Beträge in Yen und Euro angegeben werden, sind diese nicht immer vorhanden (z.B. S. 123, Rn. 2), sodass der Leser auch selbst umrechnen muss.

Besonders gelungen ist die Einbeziehung von Auszügen aus japanischen Gesetzen (z.B. S. 39, Rn. 1; S. 40, Rn. 7; S. 43, Fn. 13) und der japanischen Rechtsprechung (z.B. S. 43, Rn. 12).

Auffällig ist, dass der jeweilige Verfasser nicht nur die tatsächliche Rechtslage rezipiert, sondern auch Rechtsunsicherheiten schildert (z.B. S. 94, Rn. 8: Vermögensausgleichsansprüche) und mitunter selbst Vorschläge für Änderungen einbringt (z.B. S. 51, Rn. 12). Darüber hinaus wird nicht nur die aktuelle Lage dargestellt. Auch neuere Entwicklungen (z.B. S. 42, Rn. 10: angedachte Schuldrechtsmodernisierung; S. 174, Rn. 15: Befragung von Opfern per Videotechnik außerhalb des Gerichtsgebäudes) sowie historische Rückblicke (z.B. S. 87, Rn. 2: Haussystem) finden Erwähnung.

Mit Hilfe des Inhalts- und Stichwortverzeichnisses kann sich der Leser schnell zurechtfinden. Aufgrund der Randnummern sind präzisere Verweisungen möglich (z.B. S. 42, Fn. 9, 10, 12); diese Möglichkeit wird jedoch nicht immer genutzt (z.B. S. 177, Rn. 20: „wie oben erwähnt“). Gelegentlich schildert der jeweilige Autor auch seine Vorgehensweise (z.B. S. 113, Rn. 2).

Darüber hinaus existieren ein Literatur-, Abkürzungs- und Autorenverzeichnis. Dazu ist ergänzend zu sagen, dass das Abkürzungsverzeichnis nicht alle verwendeten Abkürzungen auflistet (z.B. S. 116, Rn. 6: AUVG, ASG; S. 120, Rn. 12: MHLW). Demnach muss der Leser selbst suchen und ggf. ein paar Seiten zurückblättern, da alle Abkürzungen zumindest bei ihrer ersten Verwendung in dem jeweiligen Kapitel erläutert werden.

Vergleichsweise selten werden besonders wichtige Wörter durch Fettdruck hervorgehoben. Bemerkenswert ist vielmehr, dass gelegentlich auch die japanischen Begriffe genannt werden (z.B. S. 24, Rn. 2).

Positiv zu werten ist die recht hohe Anzahl an Zitaten. Jedoch ist schnell ersichtlich, dass diese z.T. nur in englischer Sprache und ohne deutsche Übersetzung vorhanden sind (z.B. S. 36, Rn. 12; S. 38, Rn. 14). Dabei werden vom Leser gute bis sehr gute Englischkenntnisse verlangt. Z.T. wird allerdings auch der Inhalt des Zitats auf Deutsch wiedergegeben (z.B. S. 72, Rn. 22). Für eine 2. Auflage könnte darüber nachgedacht werden, für alle fremdsprachigen Zitate eine direkte oder indirekte Übersetzung anzubieten.

Fazit: Das vorliegende Werk stellt eine sehr gute Einführung in das japanische Recht dar und ist demnach jedem zu empfehlen, der sich mit dem Rechtssystem dieses Landes in einem ersten Schritt vertraut machen möchte. Die behandelten Bereiche bieten eine bemerkenswerte Vielseitigkeit. Besonders gelungen sind die diversen Fälle, bei welchen direkte Rechtsvergleiche zwischen japanischem und deutschem Recht angestellt werden. Darüber hinaus gestalten sich die vielzähligen Hintergrundinformationen überaus interessant. Dem Leser muss jedoch auch bewusst sein, dass es sich hier lediglich um eine Einführung handelt und er selbst bei intensivster Lektüre des Werks nicht einmal ansatzweise das japanische Recht in seiner Komplexität kennen und verstehen kann.