Montag, 19. Februar 2018

Rezension: Die Entwicklung der deutschen Rechtssprache

Von Künßberg, Die Entwicklung der deutschen Rechtssprache, 1. Auflage, Nomos 2017

Von Johann von Pachelbel, Göttingen

  
Zur Rezension liegt vor eine Schrift des Rechtshistorikers und Rechtsgermanisten Prof. Eberhard von Künßberg, die dieser während Vorbereitungen von Lehrveranstaltung zur Geschichte der Rechtssprache, historischer Rechtsgeographie und rechtlicher Volkskunde an der juristischen Fakultät in Heidelberg zwischen den Jahren 1923 und 1939 hielt. Diese Schrift, „Die Entwicklung der deutschen Rechtssprache“, wurde von Künßberg bis Anfang der 30ger Jahre fortentwickelt, ist in maschinenschriftlicher Form in dessen Nachlass in der Universität Heidelberg vorhanden und wird nun erstmals veröffentlicht.

Zum besseren Verständnis muss hier eine Einordnung dieser Schrift in das Gesamtwerk Prof. Künßbergs erfolgen. Dessen Lebenswerk ist die Übernahme und entscheidende Vorantreibung des Projektes der Erstellung des „Deutschen Rechtswörterbuch[s] – Wörterbuch der älteren deutschen Rechtssprache“ (im Folgenden DRW). Dieses sollte mehr als ein bloßes Nachschlagewerk, nämlich ein „Bedeutungsbuch“ sein; eine komplette Sammlung aller deutschen „Rechtswörter“, deren historische Genese und Bedeutung erläutert sein sollen. Wie Künßberg in seiner (vorliegenden) Schrift ausführt, verstanden er und seine Kollegen die Rechtssprache weit, also als nicht bloß klassische Begriffe der Rechtswissenschaft umfassend, sondern überhaupt alle deutschen Wörter, die in der Rechtswissenschaft gebraucht und gegebenenfalls eine in der Rechtswissenschaft andere oder spezielle Bedeutung haben. Da darunter naturgemäß ein großer Teil der deutschen Sprache fällt und auch alle „Rechtswörter“ aus historischen Formen der deutschen Sprache einbezogen wurden, war und ist das DRW ein Jahrhundertprojekt. Im Jahre 1897 von einem Vorgänger ins Leben gerufen und von Prof. von Künßberg 1905 bis 1941 betreut, ist das DRW noch immer in Arbeit und soll nach Angaben der Universität Heidelberg im Jahre 2036 abgeschlossen sein.

So weit so gut: das vorliegende Buch ist ein Exotikum. Auf knapp 100 Seiten ist das Werk  dargestellt. 61 Seiten dienen davor als Einleitung und Einführung in die Person und das Werk Prof. Künßbergs.

Schon diese Einführung ist inhaltlich hochinteressant, weil sie Zugang zur Rechtswissenschaft des frühen 20. Jahrhunderts gewährt. Durch die Erklärung des Projekts DRW und der Lehre Prof. Künßbergs werden grundsätzliche Gedanken zu den Themenkreisen Recht und Sprache erläutert und der untrennbare Zusammenhang zwischen beiden herausgearbeitet. Weiterhin wird über die Darstellung der Person Prof. von Künßbergs erläutert, wie Rechtswissenschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts stark von den politischen und ideologischen Auswüchsen dieser Zeit geprägt war und wie Rechtswissenschaftlicher sich dem damals nicht entziehen konnten. So sah Prof. von Künßberg sich nationalsozialistischen Gängeleien ausgesetzt, weil er eine Frau aus einer jüdischen Familie geheiratet hatte. Auch wird erzählt, wie Prof. von Künßberg dem nationalsozialistischen Regime verweigerte, das Wort „Führer“ als Rechtswort in das DRW aufzunehmen. Schon diese wertvollen Einblicke machen den ersten Teil des vorliegenden Buches lesenswert.

Nun endlich zum Hauptteil, der eigentlichen Schrift Künßbergs. Künßberg nimmt darin eine Systematisierung der Geschichte der deutschen Rechtssprache vor. In einer Einleitung führt er zunächst sein weites Verständnis von Rechtssprache und Rechtswörtern aus, erklärt die Untrennbarkeit von Recht und Sprache und nimmt dann eine Klassifizierung verschiedener Arten von Rechtssprache vor. Dem mit der Lehre Prof. Künßbergs nicht vertrauten Leser wird hier eine Übersicht über Arten der Rechtssprache präsentiert, die wohl viele Jurastudenten und Juristen schon einmal benutzt haben. Die Lektüre fasziniert, denn der Leser reflektiert seinen eigenen Gebrauch von und Erfahrung mit Rechtssprache und merkt, wie sich sein Bewusstsein für den Gebrauch von Rechtssprache schärfte.

Als nächstes nimmt Prof. Künßberg eine Einteilung der deutschen Geschichte der Rechtssprache in 4 Teile vor. Zunächst betrachtet er die deutschen Rechtswörter bis zum 13. Jahrhundert und beschreibt – hier wird es auch für den Laien interessant – den wechselnden Einfluss des Lateinischen auf die Rechtssprache. So bildet sich der Leser auch in römischer Rechtsgeschichte. Amüsant ist die Einstellung Künßbergs zum römischen Recht, der dem deutschen Recht eine „Bastardisierung“ durch den Einfall des römischen Rechts ab dem 16. Jahrhundert attestiert. Sodann schildert Künßberg das deutsche Recht ab dem 16. bis zum 19. Jahrhundert. Auch hier liest sich die Schrift süffig. Künßberg schreibt malerisch über die Entwicklung der Gesetzessprache und schildert, wie Gesetzestexte von Einfachheit zu „majestätischer Pompösität“ wechseln, plötzlich die Moralpeitsche schwingen und sich überhaupt vom Künßberg‘schen Ideal des einfachen, leicht verständlichen, klaren Gesetzestext entfernen. Unterhaltsam schildert er die Erscheinungsform von Rechtssprache bei Anwälten, denen er attestiert, dass sie im besonderen Maße einfach alte Formulierungen übernähmen und sich durch ständige Nutzung von Vorlagen und weitergegebenen Formularen etwas schwerfällig an neuere Entwicklungen der deutschen Rechtssprache anpassen. Nach einem Ausblick auf die Zukunft der Rechtssprache und einem Exkurs zu der Einwirkung von verschiedenen deutschen (damals noch weit verbreiteten) Mundarten auf die Rechtssprache schließt Prof. Künßberg sein Werk.

Dieses Buch ist etwas für Liebhaber und Interessierte an dem Zusammenhang von Recht und Sprache. Sehr weit abseits klassischer juristischer Fragestellungen ist es interessant, weil es eben den Blick des Lesers auf seine selbst verwendete Rechtssprache schärft. Auch ist es amüsant, weil die ein oder andere unbewusste Wahrnehmung von Rechtssprache eines jeden Juristen plötzlich bewusst wahrgenommen wird und dem Leser zuweilen ein Schmunzeln aufs Gesicht zaubert. Bei aller Spezialität des Themas ist es süffig geschrieben und so auch für juristische Laien verständlich. Formal ist zu beachten, dass redaktionelle Einfügungen in eckige Klammern gesetzt wurden. Durch diese ist der Fußnotenapparat der Schrift akkurat und verständlich geworden, sodass er zum weiteren Nachschlagen einlädt. Der Rezensent empfiehlt vorliegendes Buch allen, die sich für den Zusammenhang von Recht und Sprache interessieren.