Mittwoch, 21. März 2018

Rezension: Bürgerliches Recht


Medicus / Petersen, Bürgerliches Recht, 26. Auflage, Vahlen 2017

Von Johann v. Pachelbel, Essen

  
Der berühmte Band „Bürgerliches Recht – eine nach Anspruchsgrundlagen geordnete Darstellung zur Examensvorbereitung“ von Dieter Medicus ist nun, weitergeführt von Jens Petersen, in der 26. Auflage erschienen. Generationen von Jurastudenten haben sich bereits mit dieser komprimierten Abhandlung zum examensrelevanten Zivilrecht auf das 1. Staatsexamen vorbereitet. So stellen sich hier zwei Fragen: Zum Einen soll das Konzept dieses Lehrbuchs bewertet werden und zum Anderen soll überprüft werden, ob die neue Auflage an die Qualität seiner Vorgänger anschließt und sich als heißester Tipp für das Repetitorium halten kann.

Zwei grundlegende Gedanken liegen dem Lehrbuch zugrunde. Das gesamte materielle Zivilrecht soll in einem Stück abgebildet werden. Auf weniger als 500 Seiten wird von BGB AT über das Schuldrecht und Sachenrecht bis hin zu den entferntesten Winkeln des Familien- und Erbrechts das examensrelevante Zivilrecht aufbereitet. Das klingt zunächst wie die Quadratur des Kreises. Der Jurastudent hat – angsterfüllt – immer diese unüberschaubare Menge von Lehrbüchern zum Zivilrecht vor Augen, die er scheinbar alle vor dem Examen durchgearbeitet haben muss. Der Medicus schafft es, diese tausenden Seiten auf weniger als 500 herunterzubrechen, indem er Grundwissen gnadenlos voraussetzt und nur in die aus Sicht der Autoren relevanten Probleme des Zivilrechts „hereinzoomt“, nicht ohne natürlich einen die einzelnen Problemkreise in ein großes Ganzes einbindenden Text bereitzuhalten (der aber prägnanter nicht sein könnte). „Gnadenlos“ nennt der Rezensent dies, weil dies so konsequent durchgehalten wird, dass ein Anfänger des Zivilrechts schon nach wenigen Seiten frustriert aufgeben wird. Selbst der fortgeschrittene Student ist stetig herausgefordert, mit dem atemberaubenden Tempo der Gedankenfolge Schritt zu halten. So dauert die Lektüre von ein paar Seiten komprimiertem Medicus auch deutlich länger als in einem normalen Lehrbuch; dementsprechend dichter und konzentrierter ist auch der vermittelte Lerninhalt.

Der zweite Grundgedanke ist die Lösung der thematischen Ordnung vom klassischen sogenannten Pandektensystem (zuerst BGB AT, dann Schuldrecht AT, dann Schuldrecht BT, dann Sachenrecht, und so weiter). Stattdessen ist der Stoff nach Anspruchsgrundlagen im Zivilrecht geeignet. Zunächst werden die Primäransprüche abgearbeitet: Ansprüche aus Vertrag (hierunter werden alle Problemkreise zum Vertragsschluss und -inhalt abgehandelt, also ein großer Teil des BGB AT, aber auch Schuldrecht BT und Elemente des Sachenrechts zur dinglichen Einigung), Ansprüche aus GoA, dingliche Ansprüche, und so weiter. Danach werden relevante Einwendungen besprochen und schließlich gibt es ein paar Kapitel zu einzelnen Themen außerhalb der Ordnung.

Dieses System überzeugt! Anstatt den Studenten wieder systematisch zu überfrachten, werden dem Leser die Probleme dort erklärt, wo sie auch in der Klausur im Anspruchsaufbau begegnen. Es wird also der Sinn für das Lösen einer konkreten Fallfrage geschärft, indem dem Leser eine systematische Herangehensweise an juristische Fragestellungen vermittelt wird. Wer bei der Stellvertretung nicht wie im klassischen Lehrbuch zum BGB AT nur lernt, wie die Stellvertretungsregeln grundsätzlich funktionieren, sondern gesammelt und komprimiert die Anwendung der Stellvertretungsregeln auf Vertragsschluss im Schuld- und Sachenrecht, inklusive handels-, gesellschafts- und familienrechtlicher Abwandlungen erlernt, der ist besser auf die unbekannte Klausur vorbereitet. Dazu kommt, dass die Auswahl der Probleme auf jahrzehntelanger Erfahrung fußt und dadurch dem Studenten wirklich das Notwendige – nicht mehr und nicht weniger – vermittelt (auf wenige Ausnahmen wird sogleich eingegangen). Die Sprache hat zwar wegen der inhaltlichen Dichte zuweilen keinen literarischen Wert. Jedoch opfert der Leser dies gern auf dem Altar des durchdringenden Verständnisses der zivilrechtlichen Materie. Durchgehend veranschaulichen BGH-Fälle den Stoff, manchmal ersetzt die Fallbesprechung eine theoretische Abhandlung, weswegen der Medicus zuweilen Züge einer Fallsammlung trägt. Auch dies trägt dazu bei, dass der Medicus seinen Ruf als gute Examensvorbereitung verdient.

Auch die neue Auflage des Medicus schließt an das Niveau der alten an. Der Medicus hat seinen Blick für neuere Entwicklungen des Rechts nicht verschlossen. So sind die wichtigen neuen BGH-Fälle eingearbeitet. Jedoch fällt auf, dass der Medicus zunehmend Schwierigkeiten hat, mit der anwachsenden Komplexität des Zivilrechts fertig zu werden. Durch die Aufnahme und Vergrößerung neuer Sektionen muss Altes weichen. Das führt dazu, dass einige vermeintlich genügend bekannte Teile des Zivilrechts so knapp dargestellt werden, dass nicht immer der gesamte examensrelevante Stoff präsentiert werden kann. Es ist also ab und zu notwendig, weitere Materialien anzuschauen und gegebenenfalls selbstständig gewisse Problemkreise zu vertiefen. Dies ist dann wohl die einzige Schwäche des Medicus, die der Rezensent ausmachen konnte. Insgesamt verbleibt aber der große Wert der Darstellung für das Examen, sodass dieses Buch allen Studenten in der Examensvorbereitung wärmstens ans Herz gelegt wird.