Freitag, 30. März 2018

Rezension: Internationales Privatrecht


Rauscher, Internationales Privatrecht, 5. Auflage, C.F. Müller 2017

Von Johann v. Pachelbel, Essen

  
Das vorliegende Lehrbuch zum internationalen Privatrecht (IPR) von Thomas Rauscher aus der Reihe „Schwerpunktebereich“ des Verlags C.F. Müller ist ein umfangreiches Nachschlagwerk zu allen Facetten des internationalen Privatrechts. Auf knapp 700 Seiten wird in Teil I das IPR, seine Rechtsgeschichte und seine wesentlichen zugrundeliegenden Regelungszwecke eingeführt, sodann in Teil II eine allgemeine Lehre des IPR entwickelt,  in der möglichst viele verallgemeinerungsfähige Lehrinhalte „vor die Klammer“ gezogen werden, dann in Teil III ein „Besonderer Teil“ des IPR dargestellt, in dem die verschiedenen deutschen, europarechtliche und völkerrechtlichen Normen einzeln besprochen werden, und schließlich in Teil IV das internationale Zivilprozessrecht und Zivilverfahrensrecht dargestellt.

Anhand dieser Aufzählung wird schon klar, dass dieses Lehrbuch keine kurze Einführung in das Thema bietet, dem Studenten am Vorabend der Klausur nicht mal eben schnell die wesentlichen Inhalte vermittelt, sondern das IPR in seiner Gesamtheit wissenschaftlich erfasst. In großer Detailliertheit werden schon in der Einführung die geschichtlichen Entwicklungen des internationalen Privatrechts dargestellt (Teil I). Umfangreiche Literaturverweise stellen die wissenschaftliche Literatur zu den einzelnen Themen zusammen. Besonders gut für ein tieferes Verständnis des IPR sind hier die Erläuterungen zu den grundlegenden Interessen, die zum IPR geführt haben und nach ihm verlangen. Darauf aufbauend kann der Studierende des IPR auch spezielle Normen des IPR in ihrem Sinn erfassen, indem er sie als Konsequenz dieser Interessen begreift. Auf über 100 Seiten wird sodann die „Allgemeine Lehre“ des IPR dargestellt (Teil II). Umfangreich werden Kollisionsnormen, ihre Funktionsmechanismen und ihre Inhalte abstrakt erklärt und kleinteilig klassifiziert. An dieser Stelle wird auch ausführlich die Technik der juristischen Arbeit mit IPR-Kollisionsnormen erklärt, wodurch deutlich wird, dass sich dieses Lehrbuch im gleichen Maße auch als Handbuch für den Praktiker verstehen möchte.

Der dann folgenden Darstellung der einzelnen IPR-Gesetze und -normen (Teil III) gelingt das Kunststück, das unglaubliche Wirrwarr aus deutschen, europarechtlichen und völkerrechtlichen Regelungen systematisiert und übersichtlich darzustellen. Der Umfang wird auch dadurch erhöht, dass das Lehrbuch des Öfteren Exkurse unternimmt, um mit dem IPR zusammenhängenden Rechtsfragen zu erläutern. So werden beispielsweise mehrere Seiten der Erklärung des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts gewidmet, um die IPR-Bezüge auf Staatsangehörigkeit besser zu verstehen. So wird bei der Erläuterung der CISG (UN-Kaufrecht) neben den dort enthaltenen IPR-Kollisionsnormen auch eine mehrere Seiten umfassende Darstellung des materiellen Kaufrechts vorgenommen. Auch der Teil des internationalen Zivilprozessrechts (Teil IV) geht ins Detail. Lediglich die Regelungen des internationalen Zivilverfahrensrechts zur freiwilligen Schiedsgerichtsbarkeit werden nur kurz erwähnt und nicht weiter erläutert.

Der wissenschaftliche Anspruch dieses Werks ist auf jeder Seite sichtbar. So erhält der Leser ein vollumfängliches Bild des IPR, das keine neugierigen Wünsche offenlässt. Derjenige jedoch, der sich einen kompakten Überblick über wesentliche Grundlagen des IPR erhofft, wird mit diesem Lehrbuch nicht glücklich. Auf dem Altar der Vollständigkeit und Wissenschaftlichkeit der Darstellung wurde ein gewisser Lesefluss und damit Lesevergnügen geopfert. Wie der Autor im Vorwort selbst sagt, versteht sich das Buch eben auch als Handbuch für den Praktiker. Diesen Zweck erfüllt es allemal. Die im Besonderen Teil fast schon kommentarartige Darstellung der einzelnen Gesetze, Verordnungen und Abkommen erlauben ein schnelles Finden der jeweils erwünschten Information – wenn man denn weiß, was man sucht! Praktiker und fortgeschrittene Kenner des IPR finden hier also eine qualitativ hochwertige wissenschaftliche Publikation, junge Studenten und Anfänger werden damit überfordert sein. Für letztere eignet sich das Lehrbuch jedoch hervorragend zur punktuellen Vertiefung einzelner Fragen.