Dienstag, 20. März 2018

Rezension: Reine Rechtslehre

Kelsen, Reine Rechtslehre, Studienausgabe der 2. Auflage 1960, hrsg. v. Jestaedt, Mohr Siebeck 2017

Von Dipl. iur. Andreas Seidel, Göttingen

  
Nachdem Jestaedt bereits 2008 eine Studienausgabe zur ersten Auflage von Kelsens Hauptwerk aus dem Jahr 1934 herausgegeben hat, hat er nun auch mit Unterstützung des Hans Kelsen-Instituts und in Kooperation mit dem Verlag Mohr Siebeck und dem Verlag Österreich die zweite Ausgabe der „Reine[n] Rechtslehre“ als Studienausgabe herausgegeben. Hierbei wurde der originalgetreue Text einschließlich des Anhangs „Das Problem der Gerechtigkeit“ aus dem Jahr 1960 abgedruckt. Lediglich die Autorenkorrekturen, die Kelsen selbst 1965 und 1966 anlässlich der italienischen Übersetzung eingefügt hat, wurden nun ins Deutsche übersetzt und finden sich nun erstmals auch in der deutschsprachigen Ausgabe. Anlass dieser Korrekturen war das 1961 erschienene Werk „The Concept of Law“ von Harts, mit dem er sich zum Zeitpunkt des Erscheinens der zweiten Auflage 1960 noch nicht befassen konnte.

Die zweite Auflage aus dem Jahr 1960 ist nicht nur rund fünfmal so umfangreich wie die erste, sondern weist auch zahlreiche Unterschiede auf. Neben dem offensichtlichen Unterschied der Ausführlichkeit, ist die zweite Auflage auch wesentlich komplexer. Nichtsdestoweniger zeigen sich auch große Übereinstimmungen im Hinblick auf den Ausgangspunkt, die Durchführung und die Konzeption der Rechtslehre aus dem Jahr 1934 sowie der Diktion Kelsens.

Die Studienausgabe zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sich nicht bloß auf den Abdruck des Originaltextes beschränkt wurde, sondern vielmehr auf knapp 90 Seiten ausführlich in Kelsens Werk eingeführt wird. Hierbei wird jedoch leider nur knapp allgemein in das Werk eingeführt, sondern sich auf einen Verweis auf die Studienausgabe zur ersten Auflage beschränkt. Im Rahmen der Einführung, die den treffenden Namen „Ein Klassiker der Rechtstheorie“ trägt, wird demgegenüber vor allem ein ausführlicher Vergleich der beiden Auflagen gezogen, wobei nach einer allgemeinen Gegenüberstellung jedes einzelne Kapitel untersucht wird. Zudem wird der Anhang „Das Problem der Gerechtigkeit“ beleuchtet, wobei neben der Frage, warum Kelsen die Form des Anhangs gewählt hat und warum teilweise in Nachdrucken und Übersetzungen der Anhang weggelassen wurde, insgesamt die verschiedenen Gerechtigkeitsschriften des Autors untersucht werden. Ebenso setzt sich Jestaedt mit dem Verhältnis von der zweiten Auflage von 1960 und der italienischen Übersetzung bzw. den zugrunde liegenden Korrekturen aus 1956/1966 auseinander, wobei dem Verhältnis zwischen Kelsens „Reine[r] Rechtslehre“ und Harts „The Concept of Law“ eine besondere Bedeutung zukommt.

Jestaedt hat so weit wie möglich das Originalerscheinungsbild beibehalten wollen. So orientiert sich die Studienausgabe in Aufbau, Inhalt und Orthographie an der Originalausgabe von 1960. Demgemäß wurde auch die alte deutsche Rechtsschreibung verwendet. Darüber hinaus lassen sich sogar die Originalpaginierung und der Originalseitenwechsel anhand von Seitenumbruchstrichen und den in der Marginalspalte aufgeführten Originalseitenzahlen ablesen. Zudem sind die erwähnten Autorenkorrekturen in einen Endnotenapparat verschoben, um den Originaltext weitestgehend unberührt zu belassen. Ebenso sind im Endnotenapparat die verwendeten lateinischen Begriffe übersetzt worden.

Abseits des eigentlichen Textes ist jedoch sowohl das Literaturverzeichnis, das mittlerweile veraltet ist, als auch das ebenfalls antiquierte chronologische Verzeichnis der Veröffentlichungen Kelsens aus der Studienausgabe herausgenommen worden. Anstatt dessen wird auf die Homepage des Hans Kelsen-Instituts verwiesen, die ein ausführliches, sowohl chronologisch als auch thematisch sortiertes Schriftenverzeichnis enthält.

Abschließend bleibt festzustellen, dass es Jestaedt mit dieser Studienausgabe gelungen ist, Kelsens „Reine Rechtslehre“ einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dies gelingt vor allem durch die hervorragende Einleitung in das durchaus als anspruchsvoll zu bewertende Werk, aber auch durch den Charme, den die weitestgehende Unberührtheit des Textes von 1960 ausmacht und den günstigen Preis von nur knapp 30 €. Gemeinsam mit der Studienausgabe der Erstauflage aus 1934 bietet Jestaedt somit den Grundstein, Kelsens Rechtstheorie verständlich zu machen.