Dienstag, 24. April 2018

Rezension: Legal Tech

Hartung / Bues / Halbleib, Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts, 1. Auflage, C.H. Beck 2018

Von Maren Wöbbeking, Göttingen


Mit „Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts“ haben Markus Hartung, Dr. Micha-Manuel Bues und Dr. Gernot Halbleib ein Buch herausgegeben, das sich mit einem Thema auseinandersetzt, das zwar erst seit circa einem Jahr einen eigenen Wikipedia-Eintrag hat, aber dafür bereits umso mehr in aller Munde liegt. Das Werk stellt den Anspruch an sich, die mittlerweile schon recht unübersichtliche Fülle an Legal Tech-Lösungen, -Überlegungen und -Publikationen in eine Gesamtdarstellung zu bringen – mit Fokus auf die Auswirkungen auf die Anwaltschaft. Das Buch ist dabei – alles andere hätte wohl auch verwundert – auch als E-Book verfügbar.

Die insgesamt acht Kapitel nehmen neben einer Einführung (auch in die relevanten Technologien) sowie einem abschließenden Zukunftsausblick insbesondere die verschiedenen praktischen Auswirkungen von Legal Tech Lösungen auf Rechtsabteilungen, große, mittelständische und kleine Kanzleien in den Blick. Zudem wird ein Vergleich zum Stand in den USA und England gezogen, der von dort ansässigen Spezialisten, wie beispielsweise Roland Vogl, dem Mitgründer und Geschäftsführer des Stanford Center für Legal Informatics (CodeX), jeweils in englischer Sprache verfasst wurde.

Besonders gelungen sind bei diesem Werk vor allem die allgemeineren Ausführungen, die sich beispielsweise zunächst auf Definitionen von „Legal Tech“ konzentrieren und sich durchgängig auch mit den damit zusammenhängenden Thematiken beschäftigen, die einigen Lesern zwar sicher als Begriff, aber nicht im Detail bekannt sein werden. Zu nennen sind zum Beispiel die Ausführungen dazu, um was es sich bei Künstlicher Intelligenz im technischen Sinne eigentlich überhaupt handelt oder wie ein „smart contract“ abläuft. Überzeugend sind auch die allgemeinen Skizzierungen der möglichen Anwendungsbereiche für künftige Legal Tech-Lösungen und deren Herausforderungen in den unterschiedlichen Bereichen. Dabei wird als wiederkehrendes Thema am Rande auch immer wieder auf die ethischen Fragen, die mit dem Einsatz von Legal Tech Lösungen zusammenhängen, eingegangen. Allem voran die Frage, ob und wie sich Legal Tech beziehungsweise die Veränderungen des Rechtsmarktes durch die Digitalisierung auf das Bestehen von Arbeitsplätzen auswirken könnten.

Deutlich wird dies etwa anhand des Kapitels, welches sich mit der Digitalisierung beziehungsweise der Zukunft von Legal Tech-Lösungen in mittelständischen und kleineren Kanzleien beschäftigt. Denn einerseits verbindet man Legal Tech gedanklich typischerweise eher mit Großkanzleien, andererseits – so beschreibt Marco Klock, seinerseits involviert in zwei Legal Tech Unternehmen, als Autor eines der Unterkapitel – bieten sich gerade aber auch für kleinere Unternehmen vielfach neue Chancen durch Legal Tech. Wie diese Chancen konkret aussehen können, wird detailliert und praxisnah beschrieben.

Als konkretes Anwendungsbeispiel für den Einsatz von Legal Tech in Großkanzleien wird auf der anderen Seite zum Beispiel die Analyse-Software Kira eingeführt. Diese ist dank einer machine learning-Technologie in der Lage, Dokumente beziehungsweise Verträge nach bestimmten Vertragsklauseln auszulesen und findet ihren Anwendungsbereich entsprechend insbesondere im Bereich Mergers and Acquisitions bei der Legal Due Diligence. Vorgestellt wird Kira dabei von Rechtsanwälten einer Kanzlei, die die Software tatsächlich nutzt. Vergleichbar dazu präsentieren zum Beispiel Rechtsanwälte von Deloitte Legal ihre hauseigenen Legal Tech Lösungen. Dies hat zum einen den Vorteil, dass Stärken und Schwächen der konkreten Legal Tech Anwendungen aus erster Hand dargestellt werden, kann aber durchaus auf den ersten Blick für den Leser wie eine Produktplatzierung wirken.

Tatsächlich können sowohl die Notwendigkeit solch praktischen Anschauungsmaterials sowie der moderate Umfang, den die konkreten Beispiele jeweilig im Buch einnehmen, als auch die Auswahl der einzelnen Legal Tech Lösungen, diese Wirkung aber durchaus entkräften. Letzteres wird unter anderem dadurch deutlich, dass beispielsweise auf die Software Leverton nicht näher eingegangen wird, obwohl der Mitherausgeber dieses Buches, Dr. Bues, dort als Geschäftsführer tätig ist.

Insgesamt handelt es sich mit „Legal Tech – Die Digitalisierung des Rechtsmarkts“ um eine bisher einmalig umfassende Darstellung von Legal Tech und verwandten Themen. Die Herausgeber sowie viele der Autoren sind führende Experten für die digitalisierte Rechtsberatung und Legal Tech-Anwendungen und recht viele der aktuell relevanten Legal Tech-Projekte finden Erwähnung. Moniert werden könnte lediglich, dass keine komprimierte Übersicht über alle laufenden Legal Tech-Lösungen (in Deutschland) bereitgestellt wird. Dem Anspruch, praktische Hinweise für die allgemeine Nutzung von Legal Tech Lösungen in der Anwaltschaft zu bieten, wird das Werk aber jedenfalls vollends gerecht.