Freitag, 11. Mai 2018

Rezension: Europäisches Steuerrecht

Schaumburg / Englisch, Europäisches Steuerrecht, 1. Auflage, Otto Schmidt 2015




Das bereits im Jahr 2015 erschienene Handbuch verfolgt das Hauptanliegen, Bestand und Dogmatik des Europäischen Steuerrechts systematisch darzustellen und wesentliche Implikationen für das deutsche Steuerrecht aufzuzeigen (Vorwort, V). Seine Entstehung beruht auf der zutreffenden Diagnose, dieses Feld könne nicht länger als bloße Annexmaterie in steuer- oder europarechtlichen Handbüchern und Kommentierungen thematisiert werden. Herausgeber und Verlag haben damit die Chance ergriffen, eine Lücke im Markt steuerlicher (Praxis-)Literatur zu besetzen. Das ist auf beeindruckende Weise gelungen.

Der Schaumburg / Englisch versammelt auf über 1.080 Seiten (inkl. Stichwortverzeichnis) Beiträge eines renommierten, sechsköpfigen Herausgeber- und Autorenteams, das nahezu sämtliche Dimensionen steuerlicher Betätigungsfelder abdeckt: Wissenschaft, Beratungspraxis, Richterschaft und Finanzverwaltung. Diese Zusammensetzung sowie die Integration des Werks in die Reihe steuerlicher Handbücher des Dr. Otto Schmidt Verlages stehen repräsentativ für den Ansatz, die Rechtsmaterie ausgewogen und praxisnah darstellen zu wollen. Der Wert dieses Werks reicht jedoch über den Praxisbezug hinaus, da es die komplexe Materie „Europäisches Steuerrecht“ – ausgehend von der Standardbegriffsbildung (vgl. Rz. 1.3) – in besonderer Weise systematisiert und in sämtlichen Teilen die vielgestaltigen Bezüge zur nationalen (Steuer-)Rechtsordnung aufzeigt.

Als Kernfelder werden die primärrechtlichen Anforderungen des Gemeinschaftsrechts an die Ausgestaltung des nationalen Steuerrechts (im Sinne einer „negativen Integration“) sowie die sekundärrechtliche Harmonisierung einzelner Bereiche des Steuersystems (im Sinne einer „positiven Integration“) dargestellt. Diese Teile umfassen rund 900 Seiten. Ihnen vorausgeschickt sind „Einführende Grundlagen“, abschließend werden die Spezifika in den Bereichen „Steuerverfahren und Steuerprozess“ behandelt. Ein ausführliches Stichwortverzeichnis, welches sogar eine eigenständige Betreuung erfahren hat, rundet das Werk ab.

Will man überhaupt Kritik üben, würde diese eher auf die Zusammensetzung des Autorenteams zielen, welches durch Ergänzung einer Stimme aus der Unternehmenspraxis einen zusätzlichen Gewinn erfahren könnte. Zugleich bestünde die Möglichkeit, dieser Stimme den Bereich der harmonisierten indirekten Steuern und des Zollrechts, bislang aufgrund der Schwerpunktsetzung nur überblicksartig angesprochen, zuzuordnen (ähnlich Cordewener, FR 2015, 1006, 1007).

Fazit: Der Schaumburg / Englisch besetzt nicht nur einen bis dato wenig erschlossenen Bereich in der steuerrechtlichen Praxisliteratur, sondern fügt sich als weiterer, bedeutender Baustein in der stark positionierten Steuerrechtsreihe des Dr. Otto Schmidt Verlages ein. Das Werk ist ein verlässlicher, prägnanter und zugleich anspruchsvoller Begleiter für Praktiker und Forschende in den Querschnittsfeldern Steuerrecht, Europarecht und Verfassungsrecht. Herausgeber und Autoren haben einen Standard gesetzt, an dem sich Konkurrenzwerke – beispielsweise das für Juni 2018 angekündigte Handbuch von Kokott „Das Steuerrecht der Europäischen Union“ (Verlag C.H. Beck) – messen lassen müssen.