Samstag, 19. Mai 2018

Rezension: Handbuch des Fachanwalts Strafrecht

Bockemühl, Handbuch des Fachanwalts Strafrecht, 7. Auflage, Carl Heymanns 2018





Mittlerweile hat sich der Bockemühl als Standardwerk im Bereich der Fachanwaltsliteratur etabliert. Da aber stets viel Bewegung in Gesetzgebung, Rechtsprechung und Schrifttum steckt, legt RA Prof. Dr. Jan Bockemühl als Herausgeber und Autor die nunmehr 7. Auflage seines auf den Strafverteidiger zugeschnittenen Handbuches vor. Das Werk ist in 10 große Teile gegliedert. Diese verdeutlichen bereits auf den ersten Blick, dass mit dem Handbuch sämtliche Situationen abgebildet werden, in denen die Tätigkeit eines Strafverteidigers relevant ist.

Teil 1 startet mit einer Einführung in den Beruf des Strafverteidigers durch Köllner. Hier wird ein umfangreicher Überblick über die Geschichte der Strafverteidigung gegeben und der „Gretchenfrage“ nachgegangen, ob es sich bei dem Verteidiger um ein Organ, reinen Interessenvertreter oder freien Advokat handelt. Hierzu beleuchtet er umfassend die höchstrichterliche Rechtsprechung, die im Ergebnis von einer Stellung des Verteidigers als Organ der Rechtspflege ausgeht (BGH, Urt. v. 26.11.1998). Aus wissenschaftlicher Perspektive ist es zudem sehr beachtlich, wie detailliert Köllner die „Verästelungen im Meinungsstreit“ (Rn. 24) darstellt, ohne dass es für den Leser überfrachtend wirkt. Zur Sprache kommen u.a. die Organtheorie nach Roxin, die eingeschränkte Organtheorie nach Beulke, aber auch den Positionen von Holtfort, Welp, Hassemer/Jaeger und Lüderssen sind eigene Abschnitte gewidmet. Ebenso werden in Teil 1 Fragen wie die potenzielle Strafbarkeit oder auch die Haftung des Verteidigers erörtert.

Teil 2 widmet sich der Verteidigung in der 1. Instanz. Hier erwarten den Leser auf mehr als 300 Seiten geballte Verteidigungsstrategien für das Ermittlungsverfahren, Zwischenverfahren, Hauptverfahren, aber auch Strafbefehls- und beschleunigtes Verfahren. Sehr interessant sind z.B. die Ausführungen Bockemühls zum Erreichen des Verteidigungszieles. Hier unterscheidet er zwischen „Nichtkooperation“ und Beschuldigtenaktivitäten als Mittel der Verteidigung. Dabei bietet er auch Muster für die tägliche Arbeit an, wie z.B. eine Mitteilung über die Schweigeverteidigung oder auch Musteranträge für eine Einstellung nach den §§ 170 II, 153, 153a StPO. Ein weiterer Part von Teil 2 stellt das „Mammutprojekt“ über die Verteidigung in der Hauptverhandlung dar, bearbeitet von Groß-Bölting/Kaps. Hier gilt es schließlich nicht nur, klare Handlungsoptionen aufzuzeigen, wie z.B. die Modalitäten bei Befangenheitsanträgen gegenüber Richtern, Schöffen oder auch Dolmetschern, sondern ebenso die Verzahnung von Praxistipps und strafprozessualer Theorie zu bewerkstelligen. Letzteres ist aus Sicht des Rezensenten besonders im Beweisaufnahme- und Beweismittelrecht eine anspruchsvolle Aufgabe, die jedoch ansprechend gelöst worden ist. Beispielsweise scheuen sich die Autoren nicht, Kritik an der im Zusammenhang mit der Verwertung von Beweismitteln praktizierten Widerspruchslösung zu üben, gleichzeitig aber auch ein erstes Muster für die Formulierung einer solchen Widerspruchsschrift zu liefern.  

Nachdem sich Teil 3 und Teil 4 ausgiebig der Verteidigung im Rechtsmittel- und Wiederaufnahmeverfahren gewidmet haben, übernimmt Heghmanns die Beleuchtung der Strafvollstreckung in Teil 5. Im Kapitel zum Fahrverbot hätte man deutlicher hervorheben können, dass § 44 StGB seit 2017 nicht mehr nur bei Straftaten mit Verkehrsbezug angewendet wird, sondern ein Fahrverbot nunmehr bei allen Straftaten, die mit einer Hauptstrafe sanktioniert sind, als Nebenstrafe verhängt werden kann. Davon abgesehen findet man auch hier in knackiger Darstellung praxisrelevante Tipps zum Umgang mit Fahrverbot und Führerscheinentzug.

Einen äußerst umfangreichen Part stellt Teil 6 zur Verteidigung in speziellen Verfahren dar. Hierbei handelt es sich um einen Block, der für den hochspezialisierten Verteidiger von besonderem Interesse ist. Kapitel 21 widmet sich dem äußerst großen Komplex des Wirtschaftsstrafrechts. Es liegt auf der Hand, dass dieses Gebiet – das eigene Lehrbücher und Großkommentare füllt – in einem gesamten Handbuch für den Strafverteidiger nicht in allen Facetten dargestellt werden kann. Wenn man z.B. vertiefte materielle Kenntnisse zum Abrechnungsbetrug oder den Details der strafbaren Werbung nach dem UWG benötigt, muss man andere Werke zu Rate ziehen. Gleichwohl erhält man auch hier einen fundierten Überblick über die einschlägigen Regelungen und Insidertipps für die Praxis. Gedacht sei hier nur an die Besonderheiten, die bei der strafprozessualen Durchsuchung zu beachten sind. Diese beleuchten Quedenfeld/Richter in einer Form, die es dem Leser möglich macht, sich in kurzer Zeit eine Strategie zu erarbeiten. Abgesehen vom Wirtschaftsstrafrecht wird in Teil 6 auch derjenige fündig, der sich auf die Verteidigung von Kapitaldelikten, Steuerstrafsachen, Betäubungsmitteldelikten, Verkehrs- sowie Sexual- und Jugendstrafverfahren spezialisiert hat. Der Rezensent hätte sich jedoch gewünscht, dass auch ein Kapitel zum Medizinstrafrecht Eingang in die Darstellung findet. Zwar wird dies im Rahmen der Korruptionsdelikte kurz gestreift und auf die §§ 299a, b StGB verwiesen. Allerdings hat es damit auch sein Bewenden, sodass der Medizin(straf)rechtler auf weiterführende Literatur zurückgreifen muss. Diesbezüglich ist aber bereits das Erscheinen eines Handbuches für Medizinstrafrecht von Gercke/Leimenstoll/Stirner angekündigt, das ebenfalls im Carl Heymanns Verlag erscheinen wird.

Nachdem sich Teil 7 der Vertretung von Verletzten und Zeugen gewidmet hat, behandelt Teil 8 instanzenübergreifende Fragen der Strafverteidigung, wie. z.B. Beweisverbote oder auch die äußerst praxisrelevante Verständigung im Strafprozess. Letztere besprechen Satzger/Ruhs in ausführlicher Manier und bieten dabei konkrete Verteidigungsstrategien und taktische Erwägungen im Rahmen des „Deals“ an. Abgerundet wird das Werk durch die Teile 9-11, die sich dem Sachverständigen, dem Umgang mit den Medien und der Rechtanwaltsvergütung beschäftigen.

Die Haptik ist so, wie es man es von einem Werk dieser Dicke erwartet – es liegt schwer in der Hand. Aber auch diejenigen, die vom Smartphone unterwegs auf den Bockemühl zugreifen wollen, werden nicht enttäuscht. Schließlich ist dem Handbuch auch ein Online-Zugang für eine Testversion von Jurion beigefügt.

Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass Praxisnähe, Darstellungstiefe und Übersichtlichkeit der Kapitel den Bockemühl zu Recht als elementares Rüstzeug für den Strafverteidiger bezeichnen lassen.