Dienstag, 19. Juni 2018

Rezension: Kompendium zum schweizerischen Recht

Delli (Hrsg.), Kompendium zum schweizerischen Recht, 1. Auflage, C.H. Beck 2018

Von Carina Wollenweber-Starke, Wirtschaftsjuristin, LL.M., Bad Berleburg

  
Das vorliegende Werk „Kompendium zum schweizerischen Recht“ des Herausgebers Jean-Luc Delli ist in Zusammenarbeit mit anwaltsschule.ch entstanden und für die Deutschschweiz anwendbar. In dem erstmals erschienenen Werk sind Gerichtsentscheide bis zum 01.03.2017 eingearbeitet. Ziel ist es, den Leser auf die Anwaltsprüfung vorzubereiten.

Die 299 Seiten gliedern sich in eine Einleitung sowie in 2 Teile. Der 1. Teil („Countdown Anwaltsprüfung“) besteht wiederum aus 2 Kapiteln und umfasst ca. 40 Seiten. Dieses Lerncoaching hat zum Ziel, dem Leser die Lernplanung, -organisation und -methoden auf dem Weg zur Anwaltsprüfung näherzubringen. Das 1. Kapitel trägt die Überschrift „Die professionelle Anwaltsausbildung“. Der Leser erfährt u.a., welche Eigenschaften ein Kandidat für die Anwaltsprüfung mitbringen sollte, und erhält wertvolle Tipps. Darüber hinaus werden Lernmethoden für unterschiedliche Lerntypen vorgestellt (S. 39 ff.). Es erfolgt eine Kurzdarstellung über die 6 Lernphasen. „Das Lernkonzept für die Anwaltsausbildung“ bildet Kapitel 2. Hier werden die einzelnen Lernphasen genau beschrieben. Dies beinhaltet u.a. einen Vorschlag zur Lernzeit (z.B. S. 55). Denkbar ist, das hier Gelernte auch für andere Rechtsordnungen und u.a. selbst für andere Lerngebiete anzuwenden.

Teil 2 („Kompendium zum schweizerischen Recht“) umfasst 7 Kapitel auf über 220 Seiten und stellt demnach den Hauptteil des Werkes dar. Ausgewählte Rechtsgebiete werden zeiteffizient dargestellt und bilden das Grundwissen für die Anwaltsprüfung. Das 1. Kapitel widmet sich dem Zivilverfahrensrecht. Die Kapitel 2 und 3 stellen das Schweizerische Privatrecht vor. Dabei ist das Zivilgesetzbuch (ZGB) mit dem Personen-, Familien-, Erb- und Sachenrecht Thema von Kapitel 2 und das Obligationenrecht (OR) u.a. mit ausgewählten Vertragsverhältnissen und dem Gesellschaftsrecht Thema von Kapitel 3. Während das Anwaltsrecht auf 4 Seiten in Kapitel 4 erläutert wird, wird in Kapitel 5 das Internationale Privatrecht besprochen. Im 6. Kapitel geht es um das Strafrecht, welches in das Prozessstrafrecht sowie das materielle Strafrecht untergliedert ist. Den Abschluss bildet das 7. Kapitel mit einem Exkurs zum Staats- und Verwaltungsrecht.

Als Zielgruppe gelten insbesondere Kandidaten der Anwalts- und Eignungsprüfung (EU-/EFTA-Anwälte), Wiedereinsteiger und fortgeschrittene Studierende. Insbesondere im 1. Teil fällt auf, dass dem Leser immer wieder praktische Tipps vermittelt werden, die sofort umsetzbar sind (z.B. S. 33: Konzentrationsförderung). Zu Beginn eines Kapitels oder auch Unterkapitels in Teil 2 sticht die „Darstellung von Schwerpunktthemen“ ins Auge. Diese ist besonders wichtig, da der Leser eine kurze Übersicht über den relevanten Stoff inkl. Normen erhält. Darüber hinaus ist auch die Rubrik „Schlüsselbegriffe und Schlüsseldefinitionen“ sehr gelungen. Hier werden diejenigen Begrifflichkeiten erläutert, die der Leser auf jeden Fall kennen muss. Der jeweilige Begriff wird durch Fettdruck hervorgehoben und ist so schnell identifiziert. Die Reihenfolge ist häufig alphabetisch, aber nicht immer (z.B. S. 108 f.). Besonders hervorzuheben ist, dass z.T. die wichtigsten Anspruchsgrundlagen (z.B. S. 96 ff., S. 117 ff.) genannt werden. So sieht der Leser u.a. direkt, welche Klagemöglichkeiten bestehen. Gelegentlich werden sogar Prüfungsschemata dargestellt (z.B. S. 234 f.).

Wie der Name „Kompendium“ schon sagt, ist das Werk kurz gefasst, obwohl es ein weites Themengebiet abdeckt. So wird jeweils am Ende eines (Unter-)Kapitels bei Spezialfragen und Wissenslücken auf weiterführende Fachliteratur im Quellen- und Literaturverzeichnis verwiesen. Dabei sind sogar die ISBN angegeben und Empfehlungen zur weiteren Vertiefung fett gedruckt. Besonders bedauernswert ist jedoch, dass ansonsten mit Quellenangaben sehr gespart wird. Zwar wird auf Gesetze und Gerichtsentscheidungen verwiesen; die Literatur wird aber sehr vernachlässigt. So ist auffällig, dass z.T. die herrschende Lehre angegeben ist, aber keine Literatur dazu (z.B. S. 145; S. 164: „herrschende Auffassung“). Dies ist für den Leser sehr ungünstig, da er selbst recherchieren muss. An manchen Stellen wird auch nicht erwähnt, dass noch andere Ansichten vorhanden sind (z.B. S. 147: Genehmigung des Vertrages bei Geltendmachung der kaufrechtlichen Gewährleistungsansprüche). Darüber hinaus könnte man darüber diskutieren, ob sich die ein oder andere Information an einer falschen bzw. unpassenden Stelle befindet (z.B. S. 172: Nachbesserungsrecht im Kaufrecht unter der Rubrik „Werkvertragsrecht“).

Zwar ist ein Inhaltsverzeichnis vorhanden. Allerdings ist anzumerken, dass die Gliederung des Inhaltsverzeichnisses bei Teil 2 feiner sein könnte (z.B. auch „Darstellung von Schwerpunktthemen“, „Schlüsselbegriffe und Schlüsseldefinitionen“), damit sich der Leser noch besser zurechtfindet. Die Autorinnen und Autoren werden mit Foto und kurzem Lebenslauf vorgestellt. Es fällt auf, dass von den insgesamt 13 Autoren 11 als Coach an der „anwaltsschule.ch“ tätig sind. Für den Leser ist nicht erkennbar, welcher Autor welches Themengebiet bearbeitet hat.

Übersichtlichkeit ergibt sich u.a. durch die Kopfzeile, in welcher der Name von Kapitel und Unterkapitel genannt sind. Eine Fußzeile existiert nicht. Am Rand der Seite befinden sich Fahnen, die ebenfalls Kapitel und Unterkapitel angeben, diesmal allerdings als Zahl. Randnummern sind nicht vorhanden. Ein Quellen- und Literaturverzeichnis für das gesamte Werk ist nicht vorhanden.

Besonders wichtige Wörter werden zum einen durch Fettdruck hervorgehoben. Zum anderen wird auch Kursivdruck benutzt. Dies wird u.a. für Gesetze, Gerichtsentscheidungen und stehende Begriffe (z.B. S. 134: „numerus clausus“) verwendet. Wichtige Überschriften werden unterstrichen  und gelegentlich als Sätze formuliert (z.B. S. 27 f.). In einem solchen Fall geben sie in Kürze den Inhalt des nachfolgenden Absatzes wieder.

Das Seitenlayout ist sehr angenehm und übersichtlich. Es befindet sich eine Leerzeile zwischen den einzelnen Absätzen. Des Weiteren existiert ausreichend Raum für Notizen. Auch die verwendeten Karikaturen und insbesondere die Sprechblasen (z.B. S. 28) in Teil 1 sorgen für Auflockerung. Gelegentlich werden auch Erklärungen zur Sprache gegeben (z.B. S. 33: „paraphrasieren“). Zitate werden vom Rest des Textes räumlich getrennt. Auch durch ihren kursiven Druck und die rote Schrift fallen sie auf.

In Teil 1 des Werkes wird gerne mit Kästchen (z.B. S. 54) und Tabellen (z.B. S. 55) gearbeitet. So erhält der Leser einen guten Überblick und kann insbesondere die einzelnen Lernphasen gut miteinander vergleichen. Hier werden auch die Ziele des Kapitels dargestellt (z.B. S. 26).

Fazit: Das Lerncoaching aus Teil 1 des Werkes ist äußerst gelungen und kann auch für andere Rechtsordnungen bzw. gar andere Prüfungen nutzbar gemacht werden. Bei dem eigentlichen Kompendium in Teil 2 muss sich der Leser bewusst sein, dass sich das Werk nur auf eine rudimentäre Wiederholung beschränkt und an der Oberfläche bleibt, sodass in jedem Fall Zusatzliteratur benötigt wird. Insgesamt zeigt das Werk insbesondere mit der Darstellung von Schwerpunktthemen, den Schlüsselbegriffen und -definitionen und den Bereichen für Notizen gute Ansätze. Leider schränken z.B. der Verzicht auf Literaturquellen, das nicht vorhandene Sachverzeichnis und das zu kurz geratene Inhaltsverzeichnis den Praxisgebrauch wiederum stark ein.