Dienstag, 5. Juni 2018

Rezension: Neugründung auf alten Werten

Liebold / Schale (Hrsg.), Neugründung auf alten Werten? Konservative Intellektuelle und Politik in der Bundesrepublik, 1. Auflage, Nomos 2017

Von Ass. iur. Oliver Köhler, Berlin


Der von Sebastian Liebold und Frank Schale herausgegebene Sammelband "Neugründung auf alten Werten? Konservative Intellektuelle und Politik in der Bundesrepublik" ist das Ergebnis einer Tagung, die im Dezember 2015 an der TU Chemnitz stattfand. Die Beiträge der Teilnehmer sowie zwei weitere Autoren nähern sich aus unterschiedlichen Perspektiven der Frage, wie sich der Konservatismus als solcher mit einem radikalen Neuanfang nach dem zweiten Weltkrieg vereinbaren ließ. Die grundlegende Schwierigkeit einer präzisen Definition des "Konservatismus" kann auch in diesem Band nicht gelöst werden – dies ist auch nicht die Absicht der Autoren. Vielmehr geht es ihnen darum, inhaltliche Beiträge zum Konservatismus der Nachkriegszeit zu liefern sowie methodische Fragen der Intellectual History zu diskutieren. Anhand einzelner Persönlichkeiten wie Arnold Bergstraesser, Carl J. Friedrich, Andreas Hermes, Max Horkheimer, Hans-Joachim von Merkatz und Matthias Walden werden als einzelne Vertreter des Nachkriegskonservatismus vorgestellt. Daneben werden jedoch auch Denkströmungen wie der Antikommunismus oder Antiliberalismus behandelt oder Parteipositionen und europäische Vernetzung beschrieben.

Die Beiträge verzichten darauf, einen expliziten Bezug zur Gegenwart herzustellen, allerdings werden dem Leser selbstverständlich im Hintergrund aktuelle Debatten bekannt sein. Einen öffentlichen Diskurs über Konservatismus und wer ihn für sich beansprucht hat es lange Zeit nicht gegeben und ist erst mit dem Auftreten der AfD sowie ihrer Versuche, sich als "wahre Erben" des Konservatismus zu präsentieren wieder in das öffentliche Bewusstsein gerückt. Auch vor diesem Hintergrund ist es lohnend, sich mit der Frage über Wesen und übergreifender Werte des Konservatismus auseinanderzusetzen und zu verstehen, was die Nachkriegskonservativen unter Begriffen wie Abendland, Ordnung oder Autorität begriffen. Sehr erhellend ist in diesem Zusammenhang der Beitrag von Martina Steber zur Deutschen Partei, die als explizit konservative Partei elf Jahre als Koalitionspartner unter Adenauer diente. Zwei ihrer prominentesten Vertreter, Heinrich Hellwege und Hans-Joachim von Merkatz, haben Schriften, darunter 1955 die "20 Thesen für eine zeitnahe konservative Politik" veröffentlicht, die einen sehr expliziten Einblick in die Gedankenwelt des Nachkriegskonservatismus geben. Aus der Weimarer Zeit bekannte Vorstellungen finden sich auch hier, wie die eindeutige Bezugnahme auf das Christentum als "Garant ewiger Werte", sowie dem Versuch, die individuellen Freiheiten mit der "Autorität des Staatswillens" zu verknüpfen.

Die lesenswerten Einzelporträts befassen sich mit Personen unterschiedlicher Hintergründe, die aus ihrer jeweils eigenen Perspektive dem Nachkriegskonservatismus ihre persönliche Prägung hinterließen. So widmet Peter Becker ein Porträt dem früheren Reichslandwirtschaftsminister und späteren Bauernverbandsvorsitzenden Andreas Hermes, der sich in den 50er Jahren stark für den Erhalt tradierter Agrarstrukturen verwandte. Der Autor konzentriert sich dabei sehr stark auf die landwirtschaftlichen Konzepte und wirtschaftlichen Ansichten, bezieht jedoch auch das angespannte Verhältnis von Andreas Hermes zu Konrad Adenauer ein. Dieser schloss seinerzeit eine Ernennung von Andreas Hermes zum Landwirtschaftsminister aus, da Hermes die Westpolitik nicht unterstützte. Leider wird dabei nicht darauf eingegangen, dass es sich bei Andreas Hermes um eine interessante Schlüsselfigur bei der Gründung der CDU handelte. Die Überzeugung von Hermes, eine politische Trennung der Konfessionen sei zu überwinden, ging einher mit den Erfahrungen, die Andreas Hermes wohl im Widerstand um den 20. Juli 1944 gemacht haben muss, bei dem Persönlichkeiten unterschiedlichster politischer oder sozialer Herkunft gemeinsam eine Zukunftsvision für ein Deutschland nach Überwindung der nationalsozialistischen Diktatur entwickelten. Darauf genauer einzugehen und die konservativen Elemente des Widerstands gegen den Nationalsozialismus und ihre weite Strahlkraft über die Nachkriegszeit hinaus in die Gegenwart genauer zu untersuchen, wäre mit Sicherheit eine weitere Bereicherung für dieses ansonsten empfehlenswerte Buch gewesen.