Mittwoch, 4. Juli 2018

Rezension: Das römische internationale Privatrecht

Majer, Das römische internationale Privatrecht, 1. Auflage, Kohlhammer 2017

Von Gregor Lienemann, München


Abseits der ausgetretenen Rezeptionsrouten, die in der Sache hauptsächlich das Terrain „BGB I-III“ erkunden, bleibt die Lehre im geltenden Zivilrecht dogmengeschichtlichen Exkursen zumeist fern. Der Gegenstand des vorzustellenden Buches, das internationale Privatrecht (IPR) in seinen Bezügen zur römisch-hellenistischen Antike, macht hier keine Ausnahme: Lehrbücher zum IPR handeln das Problem von Kollisionsrecht in den antiken Rechtsquellen regelmäßig – wenn sie es überhaupt für berichtenswert erachten - in wenigen Sätzen ab.

Christian F. Majer will dieses Vakuum füllen, mehr noch: dem Professor aus Ludwigsburg geht es darum, die Keimzellen des IPR in einer erstmaligen „Gesamtsdarstellung“ (sic! - S.6) zu eruieren und damit eine Brücke zwischen Dogmatik und Rechtsgeschichte zu schlagen. Diese Zielsetzung ist ebenso verdienst- wie anspruchsvoll; unvermeidbare Abstriche auf nur 123 Textseiten betreffen die exegetische Quellenarbeit, welche Majer über weite Strecken im romanistischen Schrifttum geleistet sieht.

Das Buch zerfällt in 4 Teile, denen ein Abriss zur Ausbildung des IPR seit dem hohen Mittelalter sowie ein (angesichts fehlender thematischer Gruppierung und apodiktischer Wiedergabe nur des jeweiligen Ergebnisbefunds wenig hilfreicher) Literaturbericht über die Kernfrage von Kollisionsrecht im alten Rom vorgeschaltet sind (S. 1-7). Der 1. Teil (S. 8-10) entkräftet knapp den prinzipiellen Einwand eines in das IPR eingeschriebenen modernistischen Staatenbegriffs, der Hauptteil (S.11-92) sichtet den Quellenbestand nach Provenienz und Anknüpfungsgegenstand gegliedert auf Spuren von Kollisionsrecht und geht Parömien des IPR, z.B. zur lex rei sitae nach. In einem 3. Teil versucht sich Majer (S. 93-110) an der wesensmäßigen Einordnung des sog. ius gentium und seiner Positionierung zum IPR. Der 4. Teil (S. 111-121) ist einer genetischen Betrachtung des Personalitätsprinzips – für jeden Rechtsunterworfenen gelte grundsätzlich nur sein Heimatrecht – vorbehalten, bevor abschließend (S. 122 f.) die verifizierten Kollisionsregeln rekapituliert werden.

Nach Art eines Gutachtens - Majer stellt nachgerade Obersätze auf („möglicherweise“, S.15 u. passim) und erarbeitet Zwischenergebnisse – gestaltet sich der Streifzug durch die Quellen. Er bleibt nicht lange fruchtlos: mit dem „Anknüpfungsmoment“ civitas Romana (Bürgerrecht) werde das Zusammentreffen römischer und fremder Rechtssätze bewältigt, und zwar für Ehe, Adoption, Testamentserrichtung und Freilassung (manumissio). Diese Deutung muss man nicht für zwingend halten, vor allem die Wertungsprinzipien favor libertatis und favor testamenti legen eine Einschränkung dahingehend nahe, dass fremdes Sachrecht nur mittelbar, gleichsam rechtsvergleichend als Wirksamkeitshilfe für statusrechtlich einschneidende Rechtsakte wie etwa die manumissio zum Zuge kam. Umso luzider sind die Ausführungen zum Recht der Provinzen von Hispanien bis Judäa, so analysiert Majer ein epigraphisch erhaltenes Reskript Kaiser Hadrians an die kleinasiatische Stadt Aphrodisias (S. 66-72), welches die Grenzen der lokalen Rechtsprechungshoheit gewissermaßen auf gemeindliche „Interna“ festlegt. Freilich muss er selbst konzedieren (S. 50 f.), dass solche Zuständigkeitskonflikte ohne spezifischen Anknüpfungsgegenstand im Sachrecht den Begriff Kollisionsrecht wohl überdehnen. Sachgerechter wäre eine Einbettung in den Fragenkreis des ius gentium; es ließe sich gut die These stützen, dass die mit Gai. 1,1 aus der naturalis ratio gespeiste Rechtsmasse sich konkret in Aspekten des Völkergewohnheitsrechts (S. 95 – auf die Quellen bezogen die reziproke Wahrung von Autonomiebereichen) manifestierte. Die im Weiteren herausgestellte dispositive Leitbildfunktion des ius gentium (S. 104-109) leuchtet für das römische Großreich, in dem schwerlich –jedes Stadtrecht eine hohe Regelungsdichte aufweisen konnte, strukturell ein. Interessanterweise sind die Verweise auf ius gentium nach Majer erneut auf das Personenrecht bezogen.

Im Ganzen geht das Buch auf die Passagen des Quellencorpus mit Implikationen zum IPR kritisch ein und gleicht übersichtlich und überzeugend gewichtet die Materien des Privatrechts auf Kollisionsrecht und -regeln ab. Es verlangt dem studentischen Leser dabei trotz konziser Paraphrasen vertiefte Lateinkenntnisse ab, denn nur griechische Texte werden mit einer Übersetzung dargeboten. Die angesichts des Titels leicht befremdliche Behandlung (auch) des ius gentium als Abgrenzungsfigur zum IPR tut der Verständlichkeit keinen Abbruch und hat bei einem Studienbuch sicherlich didaktische Berechtigung. Als caveat sei hier zweierlei angemerkt: die durchgehende Systematisierung nach der Leitfrage „vollkommene Kollisionsnorm ja/nein“ nivelliert das Quellenmaterial, ohne historische und gattungsmäßige Abstufungen in der gewaltigen Zeitspanne von Plautus bis Justinian vorzunehmen. Gerade die Verwertung textkritischer Erkenntnisse (mängelbehaftet zB Gai. 4,37 – S. 116) sollte auch erklärtermaßen „non-romanistische“ Arbeiten auszeichnen. Überdies stechen dem Leser vielfach orthographische Fehler ins Auge (vgl. besonders das Literaturverzeichnis), was die informative Untersuchung zu einem wahrhaft besonderen Gegenstand nicht verdient hat.