Sonntag, 10. Februar 2019

Rezension: Romantik und Recht

Arnold / Pape (Hrsg.), Romantik und Recht – Recht und Sprache, Rechtsfälle und Gerechtigkeit, 1. Auflage, De Gruyter 2018

Von ref. iur. Kim-Naike Sander, Kaiserslautern


Bevor ich zum Inhalt dieses Buches etwas sagen kann, muss ich auf die intendierte Zielgruppe eingehen. Ich dachte mir, neben den üblichen Lehrbüchern versuche ich „zur Abwechslung“ mal „leichte Kost“ und wählte Romantik und Recht für eine Rezension aus. Hierbei ließ ich mich von der Buchbeschreibung auf der Internetseite des Verlages leiten, welche auszugsweise folgende Passagen enthielt: Ohne Schuld und Sühne, Belohnung und Strafe, ohne Verbrechen und Leidenschaft, Opfer und Täter kam die Literatur nie aus und die Literatur der Romantik ist wie die Zeit davor und danach durchzogen von Rechtsfällen. Im Zuge der Aufklärung wuchs das Interesse an Rechtsfällen sowie am Verbrecher und seinen Beweggründen. […] Die Beiträge der Rechtshistoriker und Literaturwissenschaftler gehen den Fragen von Recht und Gerechtigkeit, Verbrechen und Strafe in rechtshistorischen Werken, in Literatur, Ästhetik und Sprache, aber auch in der Rechtspraxis nach […] (https://www.degruyter.com/view/product/506698, letzter Zugriff: 10.01.2019). Ich erwartete einen Überblick über die Kriminalliteratur der Epoche und ein Auseinandersetzen mit der Frage, warum der Verbrecher hier gerade so dargestellt wurde. Diese Erwartungen wurden – immerhin – teilweise erfüllt.

Bei dem Werk handelt es sich um ein Kolloquium der Internationalen Arnim-Gesellschaft verschiedener Rechtshistoriker und Literaturwissenschaftler. Bei der Lektüre merkt man stets, dass die Autoren Personen sind, die sich in der Literaturinterpretation auskennen und es sich bei den behandelten Werken um Klassiker handelt, die in ihren Kreisen weitgehend bekannt sind. Für den nur interessierten, aber bloß rudimentär auf dem Gebiet vorgebildeten Leser ist das eine schwierige Kombination. Viele der Autoren verzichten beispielsweise auf eine vorangestellte Zusammenfassung der von ihnen behandelten Werke. Es werden zwar immer wieder Schlüsselstellen erklärt, doch ist einem das Verständnis des Zusammenhangs und das tatsächliche Mitdenken sehr erschwert, wenn man die besprochenen Texte nicht gelesen hat. Aus diesem Grund ist diese Rezension mit Vorsicht zu genießen, da sie nur von jemand interessierten, jedoch auf dem Gebiet bloß grundlegend vorgebildeten Autoren stammt.

Überraschenderweise beginnt das Kolloquium mit vier Aufsätzen eher rechtstheoretischer Natur, die sich mit der Rechtssetzung auseinandersetzen. Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts zerfiel das Heilige Römische Reich, in Frankreich endete die Revolutionszeit, der Grande Terreur mit der Hinrichtung Robespierres. In dieser Zeit des Umbruchs sollten Gesetze geschaffen werden. Doch wie werden Gesetze erschaffen? Was muss in den Gesetzen drinstehen? Mit dieser Frage beschäftigt sich die sogenannte Volksgeistlehre. Kernpunkt ist (sehr vereinfacht), ob Gesetze nur das verschriftlichen, was der Bürger sowieso schon für rechtens erkennt (also was im Volksgeist schon gilt) oder ob der Volksgeist durch die Gesetze geformt werden soll, sie also den Bürger erst auf den richtigen Weg bringen sollen. Mich überraschten diese Kapitel erst, da sie mit der von mir erwarteten Kriminalliteratur kaum etwas gemein hatten. Dennoch stellen sie den Umbruch im Rechtsdenken dar. Es hilft, sich in die Epoche besser hineinzuversetzen.

Die weiteren drei Viertel des Werkes trafen eher meine Erwartungen, wandelten sie jedoch auch etwas ab. Gerade die Aufsätze im Abschnitt „Recht, Sprache und Leidenschaft“ gehen mehr auf literarische Darstellungsarten ein, beschreiben etwa auch die verwendeten Stilmittel und die dadurch hervorgehobenen Aspekte der Erzählung. Einen wesentlichen Teil der übrigen Aufsätze bildet jedoch ein ganz anderer Punkt. Während die oben zitierte Beschreibung der Internetseite nur im Nebensatz von „aber auch in der Rechtspraxis“ spricht, soll dies ein charakteristisches Merkmal der weiteren Beiträge werden: Was ist in Wirklichkeit passiert und wie wurde dies literarisch dargestellt? So hat Achim von Arnim auf seinen Gütern stets Dritte als Richter geladen und nicht selbst Recht gesprochen, was sich in seinen literarischen Werken widerspiegelt (Christof Windertszahn, Die Justiz und der Töpfer, S. 79 – 95). Achim von Arnims Mistris Lee ist eine übertriebene Darstellung des Rechtsstreits Rachel Fanny Antonia Lee vs. Loudoun und Lockhart Gordon (so der Titel des Beitrags von Sheila Dickson, S. 121 – 136). Teilweise spielten die Rechtsstreitigkeiten auch nur im Hintergrund eine Rolle und haben den Inhalt des Werkes gar nicht beeinflusst. So wollte Bettina von Arnim etwa Briefkorrespondenzen und Tagebücher ihres verstorbenen Mannes veröffentlichen. Da diese jedoch auch Inhalte hatten, die das Bild dieser Familie, die mit der gehobenen Gesellschaft stark verbunden war, zu schädigen geeignet waren, sollte dies verhindert werden. Die Rechtsfragen und der Ablauf des Prozesses werden von Barbara Becker-Cantarino in Bettina von Arnims Rechtsstreitigkeiten und ihr Nachlass (S. 111 – 120) dargestellt. Wieder andere Texte basieren auf rein fiktiven Geschichten, denen allerdings die damalige Rechtslage zugrunde liegt. So hat in der Märchenwelt der Gebrüder Grimm, in der galt „Was du versprochen hast, mußt du auch halten“ (so auch der Titel von Roswitha Burwicks Beitrag, S. 187 – 201), Rumpelstilzchen der Königin eine zweite Chance gegeben. Diese hatte versprochen, dem Rumpelstilzchen ihr Kind zu geben. Zur damaligen Zeit konnte einen solchen Vertrag jedoch nur der Vater des Kindes abschließen, die Mutter war nicht berechtigt. Der Vertrag war unwirksam. Da Rumpelstilzchen dies bewusst war, gab es der Mutter die Möglichkeit, durch Erraten seines Namens das Versprechen abzulösen.

Es bleibt mir also zu sagen, dass aus diesem Kolloquium Aufsätze hervorgegangen sind, die teilweise mehr, teilweise weniger dafür geeignet sind, von rechtshistorischen und literaturwissenschaftlichen Laien gelesen zu werden. Vielmehr handelt es sich um einen Beitrag für ihre jeweiligen Disziplinen. Als ich das Buch als „leichte Kost“ auswählte, habe ich es damit bei weitem unterschätzt. Es war allerdings sehr interessant, in eine andere Sparte der Wissenschaften einzutauchen und aus den Texten das ein oder andere neue Wissen mitzunehmen.