Montag, 11. März 2019

Rezension: Gangsterblues – Harte Geschichten

Bausch, Gangsterblues Harte Geschichten, 1. Auflage, Ullstein 2018

Von Rechtsanwalt Marc Becker, Leipzig


Wem der Name Joe Bausch nichts sagt, dem dürfte zumindest als passioniertem Tatort-Zuschauer das Gesicht des Autors bekannt sein. Neben seinen Tätigkeiten als Regierungsmedizinaldirektor in der JVA Werl, Buchautor und Moderator ist der Autor als charismatischer Rechtsmediziner Joseph Roth im Kölner Tatort zu sehen. Das vorliegende Buch speist sich aber allein aus der hauptberuflichen Tätigkeit des Autors als Anstaltsarzt einer Justizvollzugsanstalt.

Gangsterblues ist bereits das zweite Buch von Bausch nach dem Vorgänger Knast, das in Deutschland zum Bestseller wurde. Anders als das Erstlingswerk, das eher den Gefängnisalltag in verschiedenen Facetten („Knastwährung“, „Tod im Knast“) aus der Sicht des Arztes darstellte, widmet sich Bausch hier in insgesamt 12 Kapiteln (nebst Vorwort), Einzelgeschichten von Insassen. Der Autor stellt selbst dem Buch voran, dass keine tatsächlichen Schicksale geschildert werden, sondern vielmehr der „Alltag in deutschen Gefängnissen“. Was Wahrheit und was Fiktion ist, bleibt daher während des gesamten Buches weithin offen. Sicher dürfte sein, dass der Autor in seiner beruflichen Eigenschaft Unmengen von Geschichten und Eindrücken gesammelt hat, die sich in jeder der Geschichten wiederfinden. Andererseits dürfte es bei keiner dieser Geschichten gelingen, sie auf eine eindeutige, wahre Begebenheit zurückzuführen. Nicht alle Geschichten handeln unmittelbar von Erlebnissen, die durch Insassen an den Autor herangetragen wurden. So handelt die letzte Geschichte „Mörderkind“ von der Angst einer Zeugin vor der Entlassung eines durch sie belasteten Mörders. Allen Geschichten ist gemein, dass sie von der ganzen Bandbreite menschlicher Emotionen handeln: Angst, Reue, Trauer, Wut, Ehre, Würde und Stolz.

Jedes einzelne Kapitel ist eine in sich geschlossene Kurzgeschichte, sodass man die Kapitel auch einzeln und ungeordnet lesen kann. Überwiegend beginnt die Geschichte damit, dass der Autor schildert, wie und wann der jeweilige Gefangene engeren Kontakt zu ihm gesucht hat und wie sich daraus der weitere intensivere Kontakt entspann.

Ohne die Inhalte der Kurzgeschichten vorwegnehmen zu wollen, möchte ich für die Kapitel Nach dem Schützenfest, Auf die Knochen und Unter dem Radar eine besondere Leseempfehlung aussprechen. Alle drei Geschichten zeichnen sich dadurch aus, dass man mit den Protagonisten fühlt und Bausch versucht – ohne Effekthascherei – psychische Vorgänge zu skizzieren. Insbesondere Unter dem Radar hinterlässt beim Leser ein Unwohlsein, lässt ihn in tiefe Abgründe blicken und man kommt nicht umhin, auch für die Hauptperson eine Spur Mitleid zu empfinden – oder wie es im Buch heißt: „Möchtest du solche Bilder haben, die ständig in deiner Birne kreisen?“.

Der Autor hat mit Gangsterblues eine spannende Sammlung von Kurzgeschichten vorgelegt, die von ihrer authentischen Sprache und den Charakteren leben. Dabei verzichtet er auf billige Effekthascherei, setzt aber auch nicht auf eine reduzierte Sprache wie etwa Ferdinand von Schirach in seinen Büchern. Jede Geschichte zeugt davon, dass der Autor – was leider nicht immer selbstverständlich ist – auch Inhaftierten und Straftätern auf Augenhöhe begegnet und im Umgang mit ihnen ungeachtet ihrer Taten auf Professionalität und Respekt setzt. Dabei beschönigt und romantisiert er nichts, zeigt jedoch auf, dass eine Geschichte oft viele Facetten haben kann und oftmals hat. Insgesamt handelt es sich um eine kurzweilige Lektüre, die interessierten Lesern nur ans Herz gelegt werden kann.