Freitag, 15. März 2019

Rezension: Praxisratgeber Pflegeversicherung

Wieprecht / Wieprecht-Kotzsch, Praxisratgeber Pflegeversicherung, 1. Auflage, Walhalla 2017

Von Rechtsanwältin und Fachanwältin für Sozialrecht Marianne Schörnig, Düsseldorf


Immer mehr Menschen, egal, wie alt, werden pflegebedürftig. Sie, ihre Betreuer und ihre Angehörigen müssen sich mit vielen Fragen zum Thema Pflegeversicherung beschäftigen. Die meisten denken als erstes an die gesetzliche Pflegeversicherung, die zum 01.01.2017 komplett geändert wurde. Was bringen die Änderungen? Wer ist überhaupt "pflegebedürftig" im Sinne des Gesetzes? Was sind die Pflegegrade und wie verläuft die Einstufung? Welche Leistungen gibt es? Wie stellen Betroffene einen Antrag und wie läuft das Verfahren ab, insbesondere die Begutachtung? Was tun, wenn der Antrag abgelehnt wird oder die Einstufung falsch ist? In dem Ratgeber soll Betroffenen und ihren Angehörigen Wissen vermittelt werden, mit dem sie selbst handeln und bestimmen können. Rechtskenntnisse und deren praktische Umsetzung sind in diesen Ratgeber eingeflossen.

Dr. André Wieprecht, Rechtsanwalt und Lehrbeauftragter zu sozialrechtlichen Fragestellungen, und Annett Wieprecht-Kotzsch, Lehrerin, sind Eltern eines pflegebedürftigen Sohnes und fassen in diesem Buch nicht nur ihre Rechtskenntnisse sondern auch ihre praktischen Erfahrungen im Umgang mit der Pflegekasse zusammen.

Die Pflegeversicherung ist zum 01.01.2017 in Umsetzung der UN – Behindertenrechtskonvention weitestgehend umgebaut worden. Standen bisher Betroffene mit psychischen Einschränkungen "im Abseits", so sollen diese jetzt stärker in den Mittelpunkt treten. Zu diesem Zweck wurde das sog. "NBA" (das neue Begutachtungsinstrument) eingeführt. Statt drei Pflegestufen gibt es jetzt fünf Pflegegrade, statt Überprüfung in drei Bereichen gibt es nun sechs Module (grob formuliert "Lebensbereiche"), die in ca. 65 einzelnen Fragestellungen abgefragt werden. So begrüßenswert es auch ist, dass die Betroffenen nun viel differenzierter betrachtet werden, so ist doch klar, dass die neue Materie nicht gerade einfacher und volksnaher gestaltet worden ist. Die Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen sind jedenfalls in der gegenwärtigen Situation verunsichert.

In dieser Situation hilft der vorliegende handliche und kostengünstige Praxisratgeber. Das Werk ist in sieben Abschnitte plus ein Abkürzungs- und ein Stichwortverzeichnis gegliedert. Nach einer Schnellübersicht sind Hinweise zur Nutzung des Buches vorangestellt, in denen die Autoren überschlägig darlegen, was den interessierten Leser in den einzelnen Kapiteln erwartet. Es folgt ein Abkürzungsverzeichnis. Das Stichwortverzeichnis schließt das Buch als achtes Kapitel ab.

Die Kapitel umfassen im Einzelnen: Wie funktioniert die Pflegeversicherung? Feststellung der Pflegebedürftigkeit in drei Schritten. Begutachtung durch den MDK oder einen beauftragten Gutachter. Die Leistungen der Pflegeversicherung. Welche Leistungen gibt es für Pflegepersonen? Was kann man tun, wenn ein Antrag abgelehnt wurde?

Das Buch steht nicht umsonst unter der Überschrift "Praxisratgeber": Es ist für Betroffene und Angehörige geschrieben. Den einzelnen Kapiteln sind Inhaltsverzeichnisse vorangestellt, sodass der Laie-Leser bei Bedarf gezielt nach den Informationen suchen kann, die er gerade benötigt. In der Abfolge werden dann die einzelnen Punkte des Inhaltsverzeichnisses detailliert erläutert.

Im ersten Kapitel geht es dementsprechend um die Grundlagen der Pflegeversicherung: Grundsatz der Pflichtversicherung, Mitgliedschafts- und Zuständigkeitsfragen, Beziehungen der Pflegekassen im sozialen System. Im zweiten Kapitel folgt die Feststellung der Pflegebedürftigkeit. Naturgemäß ist dieser Teil des Buches der Umfangreichste. Im dritten Kapitel werden den sich mit dem Medizinischen Dienst der Krankenversicherung befassenden Fragen nachgegangen.

Welche Leistungen im Einzelnen beansprucht werden können, ergibt sich aus Kapitel vier. Hier werden die Einzelleistungen anschaulich und vollständig dargelegt und auch die Möglichkeiten der Geltendmachung vorgestellt. Nicht verschwiegen werden soll, dass dieser Teil für jeden Leser – ob nun betroffener Laie oder Fachmann - fordernd ist. Allein die Möglichkeiten der Kombination von Geldleistung, Pflegesachleistung, Kurzzeitpflege und Verhinderungspflege nimmt an anderer Stelle ganze Bücher in Anspruch.

Kapitel fünf widmet sich den Leistungen für Pflegepersonen. Was unternehme ich, wenn der Leistungsantrag abgelehnt wird? Antworten zu diesen Fragen sind im sechsten Kapitel zu finden.

Der Ratgeber schafft es tatsächlich, die immer unübersichtlicher werdende Materie der Pflegeversicherung zusammenzufassen und Begriffe, die im "Alltagsdeutsch" etwas anderes bedeuten, verständlich zu erläutern. Nicht ohne Grund finden sich im Internet begeisterte Leserrezensionen, die vor allem die gute Strukturierung loben. Besonders die Checkliste zur (Selbst)Einschätzung des Pflegebedarfes in Tabellenform (S. 134 ff.) wird positiv hervorgehoben. die Vorgaben "Ja" "Nein" geben schon einen ersten Eindruck von einem Gespräch mit einem Pflegeberater und sind damit ein nützlicher Kompass. Insbesondere die in grauer Farbe unterlegten Praxistipps helfen auf jeden Fall weiter. Den (erschöpfenden!) Überblick über die Pflegeleistungen packen die Autoren in eine Tabelle auf nicht einmal drei Seiten. Hut ab - viel Wissen zum kleinen Preis!