Montag, 16. Juli 2018

Rezension: Arbeit 4.0

Giesen/ Kersten, Arbeit 4.0. Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht in der digitalen Welt, 1. Auflage, C.H. Beck 2018

Von RA Tobias Michael, Magdeburg


„Die Digitalisierung der Arbeitswelt verändert die individuellen und kollektiven Arbeitsbeziehungen und damit zugleich auch den sozialen Zusammenhalt unserer Arbeitsgesellschaft.“ Mit diesem Satz beginnt das Vorwort des Werkes und beschreibt damit auch zugleich das Thema des Buches, welches eine der größten Herausforderungen der aktuellen Zeit aus verschiedenen Fragestellungen heraus untersucht.

Aufgeteilt ist das Buch in 10 Abschnitte (Kapitel), welches sich einführend zunächst der Entwicklung der verschiedenen Industrien von 1.0 bis 4.0 widmet. Die Autoren stellen dabei zunächst die verschiedenen Abschnitte industrieller Entwicklung vor. Vom ersten mechanischen Webstuhl 1784 als Industrie 1.0, zum ersten Fließband 1870 als Industrie 2.0, über die 3. Revolution 1969 mit der ersten speicherprogrammierten Steuerung bis zur jetzigen 4. industriellen Revolution im Zeitalter der Digitalisierung und des Internets der Dinge. In den weiteren Kapiteln stellen die Autoren anhand der Aussagen von Karl Marx die Frage, ob sich Geschichte wiederholt. Es wird sodann das Phänomen „Burnout“ in der Arbeitswelt 4.0 beleuchtet, wobei maßgeblich die Trennung von Arbeit und Privatem zur Vermeidung von Burnout gefordert wird. Die weiteren Kapitel beschäftigen sich damit, inwieweit sogenannte „Crowdworker“ als Arbeitnehmer einzustufen sind und wie sich in diesem Zusammenhang mögliche Sozialversicherungsbeiträge bei grenzüberschreitenden Sachverhalten realisieren lassen. Macht möglicherweise eine pauschale Abgabe mehr Sinn, als ein nicht vollstreckungsfähiger Anspruch der Sozialkasse? Anschließend wird diskutiert, ob Mitbestimmung in der Arbeitswelt 4.0 noch passt oder der Staat letztlich die Vorgaben machen sollte. Kritisch widmen sich die Autoren dann der Tarifpluralität und fragen sich, ob Gewerkschaften tatsächlich erkannt haben, dass heutzutage Solidarität eher flüchtig ist und es daher neuer Anreize braucht, um neue Mitglieder zu gewinnen. Das Buch endet mit einem Ausblick darauf, wie Arbeitsprozesse zukünftig Politik und Rechtsprechung vor Herausforderungen stellen werden. Nicht jedoch, ohne zuvor auch noch die Mittel des Arbeitskampfes anhand neuer Möglichkeiten, wie etwa durch sogenannte Flashmobs und Denial-of-Service-Aktionen (DDos-Aktionen) gegenüber dem Arbeitgeber zu thematisieren.

Beide Autoren sind Universitätsprofessoren. Richard Giesen ist seit 2009 Direktor am Zentrum für Arbeitsbeziehungen und Arbeitsrecht (ZAAR) an der Ludwig-Maximilians-Universität München, mit einem Lehrstuhl für Sozialrecht, Arbeitsrecht und Bürgerliches Recht. Jens Kersten ist seit 2008 Inhaber des Lehrstuhls für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften an der der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich nicht um ein juristisches Lehrbuch im klassischen Sinne. Die Autoren zeigen dem Leser in eindrucksvoller Art und Weise die industrielle Entwicklung bis zur Neuzeit auf und leiten aus den hieraus gewonnenen Erkenntnissen und der bisherigen Rechtsprechung Erkenntnisse für aktuelle und kommende Problemfelder ab. Interessant ist etwa die Betrachtung der Forderung, dass bei fortschreitender Mechanisierung und Digitalisierung der Arbeitswelt die hierzu eingesetzten Roboter bzw. Computer als sozialem Ausgleich einer speziellen Maschinensteuer unterliegen sollen. Auch diskutiert wird etwa die Frage, ob Roboter im Rahmen des § 23 KSchG mitzuzählen sind oder diese im Falle ausreichenden „Bewusstseins“ ein Streikrecht hätten.

Im Bereich des Arbeitskampfes wird von den Autoren für die (noch) aktuelle Beziehung von menschlichem Arbeitnehmer zu seinem Arbeitgeber festgestellt, dass es aufgrund der digitalen Strukturen für den Arbeitgeber recht einfach ist, einem solchen Arbeitskampf durch die Möglichkeit digitalen Outsourcings den Schrecken zu nehmen. Die Autoren leiten daher anhand bereits von der Rechtsprechung entwickelter Kriterien ab, dass unter bestimmten Voraussetzungen auch ein Unternehmen eine DDoS-Attacke als Mittel des Streikrechts hinzunehmen habe; nicht ohne aber gleichzeitig auf die Gefahren des Missbrauchs durch Hacker und Shitstorms hinzuweisen.

Fazit: Auch wenn sicherlich hier und da ein noch stärkeren Bezug zur juristischen Handhabung der aufgeworfenen Fragen wünschenswert gewesen wäre, erhält der Leser im Gegenzug einen spannenden Überblick zu den sich stellenden Fragen in allen Bereichen des individuellen und kollektiven Arbeitsrechts in einer sich immer schneller entwickelnden und komplexer werdenden Thematik.