Feiten Wingert Ody, Einführung in
das brasilianische Recht, 1. Auflage, C.H. Beck 2016
Von Johann v. Pachelbel, Göttingen
Das
Buch „Einführung in das brasilianische Recht“ von Lisiane Feiten Wingert Ody ist eine interessante Neuheit im Wald
der zahllosen Einführungen in dieses und jenes Rechtssystem. Als Allererste
legt Lisiane Feiten Wingert Ody auf
knapp 226 Seiten eine übersichtliche Darstellung der Kerngebiete des
brasilianischen Rechts vor. Wie Lisiane
Feiten Wingert Ody im Vorwort erklärt, ist sie Brasilianerin deutscher
Abstammung, spricht Deutsch und hat im Zuge ihrer juristischen Ausbildung
Forschungsaufenthalte an der Universität Heidelberg absolviert, wo sie während
Forschungsarbeiten zu ihrer Promotion in die Wissenschaft der
deutsch-brasilianischen Rechtsvergleichung eingetaucht ist.
Was
soll eine Einführung in das Recht eines fremden Staates leisten? Sie soll ein
generelles Verständnis des Systems ermöglichen, eine Einordnung des
Rechtssystems in die großen legal
families vornehmen und die bedeutsamen Besonderheiten und Eigenheiten des
Rechts hervorheben. Nicht zuletzt darf ein Exkurs in die Geschichte dieses
Rechtssystems nicht fehlen, um zu erklären, warum was heutzutage wie geregelt
ist. Abgerundet werden kann sie mit nützlichen Informationen und
Einstiegshilfen für die Orientierung im fremden Rechtssystem.
Lisiane Feiten Wingert Ody liefert genau dies mit vorliegendem Buch. Sie führt
uns über eine knappe Darstellung der brasilianischen Rechtsgeschichte in die
Grundpfeiler des Brasilianischen Rechtssystems ein, erklärt den Staatsaufbau,
die Wirtschafts-, Finanz- und Sozialordnung sowie die Grundrechte- und -garantien,
auf die sich jeder Brasilianer berufen kann. Die Beschreibung brasilianischer
Rechtsinstitute auf deutscher Sprache wird mit den portugiesischen Begriffen in
Klammern abgerundet, sodass keine sprachlichen Missverständnisse und
Verwechslungen aufkommen können.
In
gebotener Kürzer wird dem Leser anfangs ein grober Überblick über die
brasilianische Staatsstruktur gegeben, wobei ein besonderes Augenmerk auf die
föderalistische Ordnung gelegt wird. Es ist augenfällig, dass Strukturen, die
dem deutschen Recht ähnlich sind, mehr hervorgehoben werden als andere, wie am
Beispiel der brasilianischen Verfassungsgerichtsbarkeit und der bei dieser
zulässigen Verfahren deutlich wird. Dies ermöglicht dem Leser eine großartige
Grundlage, das Gelesene mit dem deutschen Recht zu vergleichen. Hervorgehoben
werden darf im Folgenden vor allem eine lehrreiche und systematische
Darstellung der brasilianischen Grundrechte. Erwähnte Systematisierung
ermöglicht dem Leser ein gutes Fundament zum Rechtsvergleich. In zahlreichen
begleitenden Fußnoten weist die Autorin auf diese und jede Besonderheit hin,
führt wesentliche Urteile brasilianischer Gerichte an, erklärt gewisse
portugiesische Rechtsbegriffe und weist auf wichtige Legislation hin.
Im
Folgenden werden nun die zentralen Kerngebiete des brasilianischen Rechts
abgearbeitet. Zunächst das Verwaltungsrecht, dessen Schilderung wieder ganz im
Zeichen der vertikalen Hierarchieebenen im föderativen Bundesstaat steht.
Danach das Privatrecht: Eine Darstellung des brasilianischen Código Civil de
2002 gliedert sich in (1) allgemeine Vorschriften, (2) Schuldrecht (3)
Sachenrecht, (4) Familienrecht, (5) Erbrecht und (6) Unternehmensrecht. In
gebotener Kürze werden die Leitlinien des brasilianischen Regelungssystems
erklärt.
Wie
vor jedem Kapitel wird auch in das brasilianische Privatrecht mit der
Entstehungsgeschichte des brasilianischen Código Civil eingeführt, sodann
Rechtsinstitute wie „Rechtsfähigkeit“, „juristische Personen“, und (sehr
ausführlich) das „Rechtsgeschäft“ beschrieben. Die Struktur erinnert an die
deutschen Lehrbücher über das Zivilrecht und macht dem Leser dadurch klar, dass
die Grundfesten des brasilianischen Zivilrechts sich nicht großartig von denen
des deutschen Rechts unterscheiden. Besonderheiten des brasilianischen Rechts,
wie zum Beispiel die Regelung der Rechtsfähigkeit der indigenen Bevölkerung
werden knapp herausgearbeitet. So wird dem Leser klar, wie sehr das
brasilianische Recht natürlich durch die lokalen Eigenheiten geprägt ist. Hin
und wieder werden systematische Zusammenhänge in Tabellen dargestellt.
Auch
das brasilianische Schuldrecht wird anhand seiner wichtigsten Rechtsinstitute
dargestellt. Über die verschiedenen Schuld- und Erfüllungsformen sowie die Konsequenzen
der Nichterfüllung wird der Leser in die Struktur des brasilianischen
Vertragsrechts eingeführt. Daran anschließend wird das Haftungssystem im
Privatrecht ausgebreitet. Gerade hier offenbart sich die Stärke des
vorliegenden Buches. Lisiane Feiten
Wingert Ody systematisiert die Haftungsnormen nach den allgemeinen
Kategorien der verschuldensabhängigen und der verschuldensunabhängigen Haftung,
wodurch dem juristisch vorgebildeten Leser eine wunderbare Grundlage für den
Vergleich mit dem Haftungssystem des BGB ermöglicht wird. In Fußnoten wird auf
diverse Aufsätze deutscher und brasilianischer Wissenschaftler auf dem Gebiet
der Rechtsvergleichung hingewiesen, in denen Einzelfragen wissenschaftlich
vertieft werden.
Deutlich
knapper wird das Sachenrecht behandelt. Hier findet der Leser lediglich eine
kurze Zusammenfassung der verschiedenen Möglichkeiten, Eigentum zu erwerben und
zu verlieren. Die Möglichkeiten eines Erwerbs vom Nichtberechtigten werden gar
nicht angesprochen, sodass der Leser über die Wirkung von zurechenbarem
Rechtsschein im brasilianischen Privatrecht nichts erfährt. Dies ist wohl der
anvisierten knappen überblicksartigen Darstellung des brasilianischen Rechts sowie
der Konzentration auf Vertragsrecht geschuldet. Lisiane Feiten Wingert Ody setzt hier klare Schwerpunkte im Schuld-
und Vertragsrecht.
Eine
Ausnahme hiervon bildet eine im Vergleich relativ ausführliche Darstellung des
Familienrechts. Die privatrechtliche Regelung der Ehe sowie anderer
Lebensmodelle wird geschildert. Lisiane
Feiten Wingert Ody schildert das brasilianische Familienrecht so, dass der
Leser die dahinterstehende brasilianische Gesellschaft erkennen kann. So
erfährt der Leser beispielsweise von der Institution des Konkubinats, welches
Rechte zweier Menschen beschreiben, die in einem langjährigen, nicht ehelichen
Verhältnis stehen. Lisiane Feiten Wingert
Ody schildert auch die Kritik an diesem anachronistisch anmutenden
Rechtsinstitut, was dem Leser zeigt, wie sehr sich die brasilianische
Gesellschaft und dadurch logischerweise auch das brasilianische Recht in einem
Prozess der Veränderung und Modernisierung befinden.
Sehr
klar systematisch dargestellt wird das Unternehmensrecht. Ein Überblick über
die wichtigen brasilianischen Gesellschaftsformen (anschauliche Tabellen halten
das Herausgearbeitete fest) und ein kurzer Streifzug durch das Insolvenzrecht
wird mit gelegentlichen Vergleichen zum deutschen Gesellschaftsrecht ergänzt.
In
einem letzten Kapitel werden wichtige Sondermaterialien sowie die
Prozessordnungen gestreift. Die Ausrichtung auf internationales
Wirtschaftsrecht zeigt, dass eine Zielgruppe dieses Buches die Teile der
deutschen Wirtschaft sein sollen, die in Brasilien geschäftlich tätig sind.
Wichtig
für denjenigen, der erste Eindrücke des Brasilianischen Rechtssystems erlangen
will, sind die ausführlichen Hinweise von Lisiane
Feiten Wingert Ody auf die Organisation und Lebenswirklichkeit der
brasilianischen Juristen. Sehr informativ wird das juristische
Ausbildungssystem erklärt, Möglichkeiten aufgezeigt, als Ausländer in Brasilien
Studienzeit zu absolvieren oder sogar im akademischen Betrieb brasilianischer
Universitäten Beschäftigung zu suchen. Hierzu gibt es auf Seite 11 eine Liste
der Bundesuniversitäten. Es werden die wichtigsten brasilianischen
Online-Recherchedatenbanken genannt, ein Überblick über die juristische
Fachliteratur gegeben und schließlich auf Juristenorganisationen hingewiesen,
die die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Brasilien pflegen. So
wird auf die Deutsch-Brasilianische
Juristenvereinigung e.V. sowie die Deutsch-Lusitanische
Juristenvereinigung hingewiesen.
Alles
in allem ist die „Einführung in das Brasilianische Recht“ von Lisiane Feiten Wingert Ody eine
hervorragende Informationsquelle, die einen schnellen Überblick über Praxis und
Theorie des brasilianischen Rechtssystems vermittelt. Die gute Strukturierung
und die klare und verständliche Sprache lassen verzeihen, dass sich ab und zu
Wiederholungen einschleichen oder vermeidlich Klares und Logisches ein wenig zu
ausführlich ausgebreitet wird. Es ist eben ein Buch, das sich auch an
Nichtjuristen richtet! Ich empfehle daher dieses Buch wärmstens für Juristen
und Nichtjuristen mit einer Affinität zu Brasilien und Interesse am dortigen
Recht.