Armbruster / Deppner / Feihle / Germershausen / Lehnert
/ Röhner / Wapler, Examen ohne Repetitorium, 5. Auflage, Nomos 2021
Von Wirtschaftsjurist Christian Paul Starke, LL.M.,
Bad Berleburg

Die beiden
juristischen Staatsexamina zählen wohl zu den anspruchsvollsten Prüfungen, die
das deutsche Ausbildungswesen zu bieten hat. Dies schlägt sich insbesondere in
einem – im Vergleich zu anderen Fächern – sehr schlechten Notenschnitt sowie
einer hohen Durchfallquote von über 25% nieder. Verbunden mit dem Umstand, dass
es an den allermeisten Universitäten bis heute keinen in den
Staatsexamens-Studiengang integrierten Bachelor-Abschluss gibt, führt dies bei
vielen Studierenden zu der nicht unbegründeten Angst, mit Mitte oder gar Ende
Zwanzig letztlich mit nicht mehr als dem Abitur und bestenfalls noch einem Führerschein
dazustehen. Aber auch wer die Examina besteht, sieht sich beim Einstieg in den
Arbeitsmarkt einer starken Fixierung auf die Examensnoten gegenüber, die einen
enormen Notendruck erzeugt, welcher absolut konträr zu der eher zurückhaltenden
Vergabe guter Noten durch die Prüfer steht. Diesen Umständen ist es wohl
geschuldet, dass bis heute viele Studierenden insbesondere vor dem ersten
Examen zu einem privaten Repetitor gehen, der sich seine Dienste regelmäßig mit
mehr als 150 € pro Monat – für den Jahreskurs also letztlich mindestens 1.800 €
– bezahlen lässt. Diesem Trend entgegen stellt sich seit einiger Zeit eine
wachsende Bewegung, die sich außerhalb dieses kommerziellen
Repetitorien-Systems auf das Examen vorbereitet und in den letzten Jahren
zunehmend Unterstützung durch die Universitäten erfährt, die ihr Angebot an
eigenen Vorbereitungskursen immer weiter ausbauen. Zu dieser Bewegung gehören
auch die Autoren des vorliegenden Werkes sowie die in ihm zu Wort kommenden
Personen, die sich allesamt ohne ein kommerzielles Repetitorium auf ihr –
letztlich erfolgreiches – Examen vorbereitet haben und mit dem Werk anderen Mut
machen wollen, es ihnen gleichzutun.
Das Werk umfasst
insgesamt rund 230 Seiten, in denen allerdings vom Vorwort bis zu den
Lernplänen alles mit enthalten ist. Auf den Haupttext selbst sowie die
Interviews entfallen davon ca. 150 Seiten, auf die sechs vorgestellten
Lernpläne nochmal ca. 50 Seiten. Bei der optischen Gestaltung fällt im direkten
Vergleich mit dem – an dieser Stelle vor Kurzem ebenfalls
besprochenen – Werk von ter
Haar/Lutz/Wiedenfels (auch aus dem Hause Nomos) zunächst auf, dass ein
Sachverzeichnis fehlt. Zudem sticht ins Auge, dass in dem vorliegenden Werk auf
jeglichen Fettdruck, andere optische Hervorhebungen wie Grafiken oder farbige
Kästchen, etwaige Selbsttests oder Checklisten aber auch Zusammenfassungen
verzichtet wurde. Vielmehr beschränken sich die Autoren zumindest im Hauptteil
auf reinen Text.
Das Werk
untergliedert sich in sechs Teile: Im ersten Teil erfolgt eine ausführliche
Auseinandersetzung mit dem Für und Wider einer Examensvorbereitung ohne
kommerzielles Repetitorium. Im zweiten Teil wird dann das Instrument der
Lerngruppe im Detail behandelt, bevor im dritten Teil der zeitlich wohl größte
Teil der Examensvorbereitung – das eigenständige Lernen – besprochen wird. Im
vierten Teil kommen dann in zwei- bis dreiseitigen Interviews 16 Personen zu
Wort, die vor nicht allzu langer Zeit ihr Examen ohne ein kommerzielles
Repetitorium erfolgreich abgelegt haben und von ihren entsprechenden
Erfahrungen berichten. Den fünften Teil des Werkes stellt ein Überblick über
die Best-Practices der Universitäten im Bereich der Angebote zur
Examensvorbereitung dar. Im sechsten und letzten Teil werden dann sechs
Muster-Lernpläne mit verschiedenen Vorgehensweisen aus mehreren Bundesländern
als Blaupausen für den eigenen AG-Lernplan präsentiert, an denen man sich bei
dessen Erstellung orientieren kann.
Der erste Teil
beginnt mit einem historischen Abriss über die Entstehung des Staatsexamens und
verfolgt ganz wesentlich das Ziel, dem Leser klarzumachen, dass ein gewisses
Gefühl der Überforderung – bis hin zu akuter Prüfungsangst – im System der
Staatsprüfung angelegt und keinesfalls ein Ausdruck eigener Unzulänglichkeit,
sondern vielmehr ein Problem der immer weiter zunehmenden Stofffülle und
intransparenter Prüfungsverfahren ist. In diesem – an vielen Stellen
bildungspolitischen – Abschnitt gelingt es den Autoren gut, ihr zentrales
Anliegen zum Ausdruck zu bringen: Definiert euch nicht über die Examensnote,
denn diese ist immer auch ein gutes Stück Glück und sagt wenig darüber aus, ob
ihr gute Juristen – geschweige denn Menschen – seid! An diesen ersten,
psychologisch sehr wertvollen Abschnitt schließt sich ein ausführlicher
Überblick über die Möglichkeiten der Examensvorbereitung an: Kommerzielles
Repetitorium, universitäres Repetitorium, Lerngruppe oder alleine – oder eine
Mischung aus mehreren – grds. maximal zwei – der vorgenannten Typen. Im dritten
und letzten Abschnitt dieses Teils gehen die Autoren dann im Rahmen einer
Abwägung nochmals einzeln auf die wohl verbreitetsten Argumente und Mythen ein,
die für eine Examensvorbereitung mittels eines kommerziellen Reps angeführt
werden – und widerlegen diese als Scheinwahrheiten.
Im zweiten Teil
wird dann die Lerngruppe als ein zentrales Werkzeug der Ex-o-Rep – der
Examensvorbereitung ohne kommerzielles Repetitorium – behandelt. Deren Ablauf
wird von der Wiege bis zur Bahre – also von der Suche nach den richtigen
Mitstreitern bis hin zur Auflösung der AG – dargestellt. Hier finden sich die
üblichen Tipps und Hinweise, allerdings auch immer wieder interessante
Sonderfragen, wie z.B. die nach den Vor- und Nachteilen einer Lerngruppe mit
Freunden zusammen.
Der dritte Teil
widmet sich dann ausführlich dem eigenständigen Lernen – sei es zu Hause oder
in der Bibliothek. Auch hier finden sich zunächst die klassischen Tipps zu
Lernmethodik, Arbeitsmaterial, -ort und -zeit. In einem großen Abschnitt am
Ende dieses Teils wird aber auch wieder die psychologische Komponente der
Examensvorbereitung in den Fokus gestellt: Wie finde und behalte ich die
notwendige Motivation für ein solches Langzeitprojekt? Wie gehe ich mit
Prüfungsangst um? Und: Wie kann ich meine Erfolgsaussichten mit dem richtigen
Mindset verbessern?
Der vierte Teil
ist dann das Herzstück des Buches, weil er es ganz wesentlich von
vergleichbaren Werken abhebt: Hier kommen in kurzen, meist zwei- bis
dreiseitigen Interviews Examenskandidatinnen und -kandidaten der letzten Jahre
zu Wort, die von ihren Erfahrungen mit einer Vorbereitung ohne kommerzielles
Repetitorium berichten. Dabei geht es im Kern um die Fragen: Warum hast du dich
dafür entschieden, auf ein kommerzielles Repetitorium zu verzichten? Wie hast
du dich konkret vorbereitet? Was waren aus deiner Sicht die Stärken und was die
Schwächen dieses Vorgehens und vor allem: würdest du rückblickend etwas anders
machen und wenn ja, was? Diese Erfahrungsberichte sind es, die nicht nur
aufzeigen, wie gut es auch ohne teures kommerzielles Repetitorium gehen kann,
sondern auch Mut machen, nach dem individuell richtigen Weg zu suchen und sich
zu trauen, ihn zu beschreiten. Denn auch wenn alle Interviewpartner nicht im
kommerziellen Rep waren, so unterscheiden sie sich doch alle in dem von ihnen
stattdessen eingeschlagenen Weg und vor allem in dessen konkreter
Ausgestaltung.
Im fünften Teil
stellen die Autoren dann die verschiedenen universitären Angebote zur
Unterstützung bei der Examensvorbereitung vor. Diese reichen vom klassischen
Klausurenkurs bis hin zu Probeexamina und Simulationen der mündlichen Prüfung.
Nach einem allgemeinen Überblick über die möglichen Hilfestellungen für die
Studierenden folgt dann eine 3,5-seitige Liste mit den Angeboten der einzelnen
Universitäten. Diese hat vor allem den Vorteil, dass sie den bereits an der
jeweiligen Universität eingeschriebenen Studierenden zeigt, welche Angebote es
bei ihnen alle gibt, wo sie also im Zweifelsfalle noch einmal nachfragen
müssen. Zudem kann sie – wenn das Buch früh genug zu Rate gezogen wird – einen
Anhaltspunkt dafür bieten, über einen Wechsel der Universität nachzudenken.
Den sechsten und
letzten Teil bilden die Muster-Lernpläne. Hier stehen gleich sechs zur Auswahl:
Ein klassischer Lernplan mit konkreten Vorgaben für jede Stunde inklusive der
dazugehörigen Literatur, eine Kombination aus Lerngruppen- und Selbstlernplan,
ein Lernplan mit einer vorgezogenen Schwerpunktphase zur Erarbeitung typischer
Klausurprobleme, das sog. „Lernen in Potenzen“ zur optimalen Wiederholung des
Stoffes, ein Lernplan für Kandidatinnen und Kandidaten, die ein Rechtsgebiet
abgeschichtet haben sowie zuletzt noch ein sehr grob gehaltener Lernplan, der
stark auf Flexibilität setzt. Diese Lernpläne geben eine gute Übersicht darüber,
wie der Stoff letztlich konkret eingeteilt werden kann. Hierbei fallen aber
zwei Punkte negativ auf: Zum einen stammt keiner der Musterpläne aus einem der
beiden größten Bundesländer NRW und Bayern. Und zum anderen sind alle Lernpläne
an Lerngruppen ausgerichtet, für den Alleinlerner, der für jeden Tag eine
konkrete Vorgabe bräuchte, also in der vorliegenden Form ungeeignet. Allerdings
bieten sie diesem zumindest inhaltlich eine Orientierung, welcher Stoff in
seinem eigenen Lernplan unbedingt enthalten sein sollte.
Insgesamt
hinterlässt das Buch so einen in der Tendenz positiven Eindruck, ohne aber
vollends überzeugen zu können. Viele der enthaltenen Tipps für die
Examensvorbereitung kann man so – oder sogar ausführlicher – auch in
vergleichbaren Werken finden. Was das Werk hier wirklich aus der Masse
herausstechen lässt, ist der Fokus auf die psychologische Seite des Examens:
Durch die Darstellung der Schwächen des juristischen Prüfungssystems und die
Interviews mit den erfolgreichen Kandidatinnen und Kandidaten wird dem Leser
ein gutes Gefühl dabei vermittelt, selbstbewusst seinen eigenen Weg bei der
Examensvorbereitung zu gehen und sich auch von etwaigen Rückschlägen nicht
vorschnell entmutigen zu lassen. Somit sei das Werk vor allem all denjenigen Studierenden
empfohlen, die noch unsicher sind, ob sie eine Examensvorbereitung ohne die
vermeintliche Sicherheit eines kommerziellen Repetitoriums wirklich wagen
sollen oder die während ihrer eigenständigen Examensvorbereitung an dem von
ihnen eingeschlagenen Weg zweifeln. Wer sich hingegen seiner Sache bereits
sicher ist, wird möglichweise aus anderen Werken mehr konkrete Tipps für die
Ausgestaltung seiner eigenen Examensvorbereitung mitnehmen können. Aber auch er
wird zumindest in den Interviews noch den einen oder anderen Tipp erhalten
können, den er so nirgendwo sonst zu lesen bekommt.